Rollenbilder 8 Minuten

Mode macht Geschlecht

Person in Drag auf der Bühne.
Wenn Drag eines zeigt, dann wie viel Identität in Kleidung, Styling und Haltung steckt. | Quelle: Katja Just
13. Juli 2026

Wir glauben, Geschlechter zu erkennen. Oft erkennen wir nur den Dresscode. Warum Kleidung bis heute mehr über gesellschaftliche Normen erzählt als über die Menschen, die sie tragen. Ein Dossier.

Wer ein Bekleidungsgeschäft betritt, muss meist keine fünf Sekunden suchen, um die Ordnung der Welt erklärt zu bekommen: hier die Damen, dort die Herren. Dazwischen liegen oft nur wenige Meter. Manchmal unterscheiden sich die Kleidungsstücke nur durch einen etwas anderen Schnitt oder eine andere Farbe. Trotzdem wird die Trennung behandelt, als verlaufe hier eine natürliche Grenze. Mode spiegelt Geschlecht nicht nur wider. Sie signalisiert auf den ersten Blick, wer jemand sein soll. Die Frage ist nur: Wie viel davon steckt tatsächlich in den Kleidungsstücken selbst und wie viel in den Bedeutungen, die wir ihnen zugeschrieben haben? Dass sich Klischees bis heute halten, ist leicht zu kritisieren, aber schwerer zu verstehen. Denn hinter ihnen steckt nicht ausschließlich Gewohnheit oder Ignoranz, sondern ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Sicherheit. 

Warum Veränderungen oft schwerfallen

Der Psychologe Abraham Maslow beschreibt Sicherheit als eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse. Sind Nahrung, Schlaf und andere Grundbedürfnisse gesichert, suchen Menschen nach Stabilität, Orientierung und Vorhersehbarkeit. Vertraute Regeln und Gewohnheiten vermitteln genau dieses Gefühl – selbst dann, wenn sie gesellschaftlich längst aus der Zeit gefallen sind. Deshalb können Veränderungen, beispielsweise bei traditionellen Geschlechterrollen oder Kleidungsnormen, oft nicht zuerst Neugier, sondern Verunsicherung auslösen.

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Vor gut hundert Jahren steckten die Eltern die Buben noch in Rosa und die Mädels in Blau. Heute gilt das Gegenteil als selbstverständlich. Wer darin heutzutage noch eine natürliche Ordnung erkennen will, muss erklären können, warum die Natur ihre Meinung innerhalb weniger Jahrzehnte geändert haben soll.

Die Geschichte der Geschlechterstereotype in der Mode ist lang und vielfältig. Existieren diese alten Klischees auch noch heute? Und was kann man dagegen tun? | Quelle: Ariana Kuhn und Emma Bayer

Freiheit mit Vorbehalt

Die Modebranche inszeniert sich heute gern als offen, flexibel und inklusiv. Supermodels wie Loli Bahia oder Leon Dame werden für eine Ästhetik gefeiert, die mit Geschlechtergrenzen spielt. Für Menschen, die sich nicht in traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit wiederfinden, können solche Figuren wichtige Vorbilder sein. Dennoch bleibt das kommerzielle Kleidungsangebot weitgehend fantasielos. Denn natürlich ist auch die Modebranche profitorientiert. Wer verkauft, sortiert. Wer sortiert, braucht Kategorien. Und ein Mensch, der sich nicht eindeutig einordnen lässt, ist für viele Marketingabteilungen eher ein Problem als eine Zielgruppe.

Gender-Marketing

Gender-Marketing bezeichnet Werbe- und Verkaufsstrategien, bei denen Produkte gezielt als „für Frauen“ oder „für Männer“ vermarktet werden. Grundlage sind häufig stereotype Vorstellungen über Farben, Interessen oder Eigenschaften. Die Aufteilung in zwei Zielgruppen kann wirtschaftlich vorteilhaft sein und zu Preisunterschieden führen – etwa der sogenannten „Pink Tax“, bei der vergleichbare Produkte für Frauen teurer sind. Gleichzeitig kann Gender-Marketing Geschlechterklischees verstärken und Menschen ausschließen, die sich nicht in die binäre Einteilung einordnen.

Quelle: Verbraucherzentrale

Wie empfindlich diese Ordnung auf Irritationen reagiert, zeigte sich 2016 an den Reaktionen auf eine Womenswear-Kampagne mit dem Sänger Jaden Smith. Darin trug er einen Rock der Marke Louis Vuitton. Die öffentliche Debatte ging weit über Stilfragen hinaus. Die Aufregung galt nicht dem Stoff oder dem Schnitt, sondern der Vorstellung, dass Männlichkeit sich dem Weiblich-Codierten annähern könnte. Ein Affront. Denn Jaden Smith entsprach vielen klassischen Vorstellungen erfolgreicher Männlichkeit und entschied sich dennoch, die Grenzen des Erlaubten zu verschieben. Wenn jemand, der die gängigen Erwartungen erfüllt, sich nicht an die Regeln hält – welche Daseinsberechtigung haben diese Regeln dann überhaupt noch?

Sichtbarkeit ist nicht Sicherheit

Trotzdem wäre es naiv, aus dieser Geschichte eine Erfolgsgeschichte kultureller Befreiung zu machen. Nach der Veröffentlichung der Fotos erklärte Smith im Nylon Magazine, er hoffe, dass in fünf Jahren ein Kind mit Rock in die Schule gehen könne, ohne dafür verspottet oder verprügelt zu werden. Ein sympathischer Wunsch. Fast zehn Jahre später stellt sich allerdings die Frage, wie viel davon Wirklichkeit geworden ist. Jaden Smith provozierte aus einer Position heraus, von der die meisten Menschen nur träumen können. Für ihn bedeutete der Regelbruch Aufmerksamkeit und letztlich sogar einen Imagegewinn. Nur ist Jaden Smith eben nicht die Regel. Er ist die Ausnahme, die sich eine Ausnahme leisten kann.
Die Ironie der Geschichte: Dasselbe Outfit, das auf dem Laufsteg gefeiert wird, kann andernorts im schlimmsten Fall zum Anlass für Gewalt werden. Die Modeindustrie liebt Grenzüberschreitungen – solange sie sich vermarkten lassen. Die Freiheit, kulturelle Regeln zu brechen, ist jedoch nicht gleich verteilt.

Unlearning Gender

Wer gelernt hat, Geschlecht an Schnitten und Silhouetten erkennen zu wollen, empfindet Uneindeutigkeit schnell als Störung. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir das alle gelernt. Solche Denkweisen lassen sich nicht einfach abschalten. Jahrzehntelang eingeübte Assoziationen verschwinden nicht, nur weil man einmal einen Artikel gelesen oder einen Instagram-Post geliked hat. Stattdessen ertappt man sich selbst. Der Blick bleibt vielleicht einen Moment zu lange an einer männlich gelesenen Person im Rock hängen. Und sofort folgt dieses unangenehme Gefühl, denn eigentlich wollte man doch längst weiter sein.

Es braucht also mehr als nur Toleranz. Es braucht kulturelle Bildung, um zu verstehen, wie solche Vorstellungen entstanden sind und wie sie bis heute weitergegeben werden. Museen, Theater und Vereine machen dies bereits sichtbar, aber sie erreichen nur, wer ohnehin kommt. Schule hingegen erreicht alle. 
Idealerweise wäre das Klassenzimmer also der Ort, an dem eine entsprechende Aufklärung stattfinden sollte. In der Realität hinterfragt Schule kulturelle Normen oft nicht, sondern gibt sie weiter. Denn dort, wo Kinder zum ersten Mal ausprobieren, wer sie sein wollen, lernen sie häufig auch, wer sie besser nicht sein sollten. Das Mädchen mit den kurzen Haaren. Der Junge mit dem glitzernden Einhorn auf dem Shirt. Kaum treffen junge Menschen solche Entscheidungen, müssen sie diese erklären und rechtfertigen. Was sie dabei lernen, ist selten Freiheit. Sie lernen, dass Auffallen Kraft kostet – und dass Dazugehören bequemer ist.

Mode möchte gehört werden, egal ob bunt oder schwarz-weiß. Für Janboris ist Kleidung nicht nur Stoff! | Quelle: Justine Schäfer, Anna Stepanek, Emily Altintas

Dass solche Vorstellungen nicht von selbst entstehen und wie unsensibel Schulen reagieren können, zeigt der Fall des spanischen Schülers Mikel Gómez. Denn dieser erschien 2020 im Rock zum Unterricht und wurde dafür zum Schulpsychologen geschickt. Wegen eines Stücks Stoffes. Der Fall sorgte weit über Spanien hinaus für Aufmerksamkeit. So werden Kinder zu Erwachsenen. Erwachsene bekommen Kinder. Und irgendwann erklärt eine Generation der nächsten wieder, warum ein Kleid am vermeintlich falschen Körper ein Problem sein soll.

Es wäre unfair zu behaupten, Politik und Bildung hätten dieses Thema vollständig ignoriert. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes weist seit Jahren darauf hin, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt stärker und verbindlicher in schulischen Curricula verankert werden sollte. Da Bildung Ländersache ist, existieren jedoch keine bundesweit verpflichtenden Unterrichtseinheiten zu Geschlechterrollen, gesellschaftlichen Normen oder Mode. 
In Baden-Württemberg verweist das Kultusministerium auf die seit 2016 im Bildungsplan verankerte Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“. Kulturelle Bildung versteht das Ministerium als Raum, in dem Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Rollenbilder kennenlernen und sich mit Geschlechterstereotypen auseinandersetzen können. Projekte wie das aktuelle SCHULKUNST-Thema „textil“ oder das Landesprogramm „Kulturschule Baden-Württemberg“ sollen genau solche Reflexionsräume schaffen.

Was ist eine Leitperspektive?

Im Bildungsplan Baden-Württemberg sind Leitperspektiven fächerübergreifende Bildungsziele. Sie sind kein eigenes Unterrichtsfach, sondern sollen sich durch verschiedene Fächer und den gesamten Schulalltag ziehen. Lehrkräfte greifen sie dort auf, wo sie thematisch zum Unterricht passt.

Für das Thema Geschlechterrollen ist die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“ relevant. Sie bildet den verbindlichen didaktischen Rahmen, innerhalb dessen Themen wie Geschlechterrollen, Diversität und gesellschaftliche Normen alters- und fachgerecht aufgegriffen werden sollen.

Quelle: Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg, Kultusministerium Baden-Württemberg

Die Richtung stimmt. Doch die Formulierungen bleiben häufig zu abstrakt. Wie intensiv tatsächlich über Geschlecht oder Mode als kulturelle Praxis gesprochen wird, hängt stark von einzelnen Schulen, Lehrkräften und lokalen Initiativen ab. Anders gesagt: Vielfalt steht im Bildungsplan. Ob sie im Klassenzimmer ankommt, ist jedoch regionales Glücksspiel.

Die Kunst des Egalseins

Dennoch wäre es falsch, mit Resignation zu enden. Die gute Nachricht ist, dass wir begonnen haben, diese binäre Ordnung als das zu erkennen, was sie ist: eine kulturelle Gewohnheit. Und Gewohnheiten haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können verändert werden. Darauf deutet auch das Konsumverhalten jüngerer Generationen hin. Eine Befragung der Studierendenplattform UNiDAYS aus dem Jahr 2022 legt nahe, dass sich 70 Prozent der befragten Studierenden in den USA und 67 Prozent im Vereinigten Königreich für mehr Gleichberechtigung und Inklusion in der Modebranche aussprechen. 

Fortschritt bedeutet nicht, dass Geschlecht verschwinden muss. Vielleicht besteht der eigentliche Fortschritt in wachsender Gleichgültigkeit. Vielleicht interessiert es die Gen Alpha irgendwann einfach nicht mehr, wer einen Rock, einen Anzug oder beides trägt. Dann wäre ein Rock wieder einfach nur ein Rock. Und eine Gesellschaft, die sich jahrzehntelang von einem Stück Stoff aus der Fassung bringen ließ, hätte endlich wieder wichtigere Probleme.