„Keep Live Music Accessible“ – Warum Konzertpreise die Gesellschaft spalten
Zögernd schwebt mein Finger über dem Bezahl-Button der Ticketmaster-App. Dabei habe ich doch seit Monaten, nein, Jahren, auf diesen Moment hingefiebert: Harry Styles geht endlich wieder auf Tour und ich habe mir seit Ende seiner letzten Tour geschworen, ihn auf jeden Fall erneut live zu sehen. Mein Enthusiasmus wird jedoch gedämpft, als ich auf den Endbetrag schaue. 250 Euro für einen Sitzplatz? Innerlich rechne ich kurz aus, wie viele Wocheneinkäufe ich mir davon leisten könnte. Allerdings zögere ich nur kurz – schließlich will ich ja unbedingt hin, oder? Dann muss man den Preis halt eben zahlen.
Einige Stunden später beschäftigt mich ein Gedanke mehr als gedacht: Wie viele Fans haben sich genauso sehr wie ich auf die Tour gefreut und können nicht gehen, weil sie nicht die Möglichkeit haben, „einfach mal so” mehrere hundert Euro für ein einziges Ticket auszugeben? Und inwiefern ist das gerechtfertigt?
Große Artists mit hohen Preisen
Harry Styles ist wohlgemerkt nicht der einzige internationale Künstler, bei dem die Ticketpreise in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt haben. So hat das teuerste Ticket für Taylor Swifts Eras-Tour in Deutschland rund 640 Euro gekostet, für die diesjährige BTS-Tour in Deutschland mussten Fans ebenfalls mit bis zu 500 Euro tief in die Tasche greifen. Häufig ist das sogenannte „Dynamic Pricing” ein Grund für die hohen Summen.
Dynamic Pricing
Dynamic Pricing bedeutet, dass Tickets einen Startpreis haben, der jedoch nicht fix ist. Die weitere Preisgestaltung orientiert sich an der Nachfrage. Möchten viele Menschen eine Karte für ein bestimmtes Konzert kaufen, steigen die Kartenpreise. Bleibt die Nachfrage bis zum Ende des Ticketverkaufs hoch, werden die Tickets also extrem teuer.
Quelle: DLF-Nova
Auf Social Media sehe ich oftmals Fans, die Artists bezüglich der Kritik an den Preisen in Schutz nehmen: Der Artist habe doch überhaupt keinen Einfluss auf das Dynamic Pricing oder die generelle Preisgestaltung, das entscheide alles der Veranstalter. Ist das wirklich so?
Warum Konzerte kosten, was sie kosten
Laut Michael Thiesen, einem Booking Agent der Schubert Music Agency in Hamburg, haben Artists und deren Management grundsätzlich einen direkten Einfluss auf die Preisgestaltung. Diese ist ein Zusammenspiel von Faktoren wie Künstlergage, Produktionskosten, Venue-Größe und Nachfrage. Künstler*innen haben beispielsweise die Möglichkeit, auf einen Teil ihrer Gage zu verzichten, woraufhin die Veranstalter den Ticketpreis etwas senken könnten. Allerdings wollen Artists nicht nur kostendeckend arbeiten, sondern auch Gewinn erzielen. Thiesen erklärt mir, dass für viele Künstler*innen die Einnahmen ihrer Live-Auftritte oft entscheidend dafür sind, ob sie von ihrer Arbeit leben können. Durch Streaming-Dienste hat der Verkauf von Tonträgern nämlich massiv an Bedeutung verloren. Das hört sich für mich nachvollziehbar an: Ich kaufe Alben nur noch von den wenigsten Künstler*innen als CD oder Vinyl – normalerweise konsumiere ich Musik täglich über Streaming-Plattformen.
Ein weiteres Problem, welches Thiesen beschreibt, ist, dass vor allem die Produktionskosten nach der Corona-Pandemie gestiegen sind. Die Energiekrise als Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine war der Grund für weitere Kostensteigerungen. Deshalb haben Techniker*innen und weitere Mitwirkende der Venues ihre Gagen erhöht. All das sind Kosten, die durch den Ticketpreis gedeckt werden müssen.
Bezüglich des Dynamic Pricings haben Künstler*innen laut des „Rolling Stone”-Magazins normalerweise das Recht, gemeinsam mit den Veranstaltern eine Unter- und Obergrenze zu setzen. Der Artist selbst entscheidet ebenfalls, ob es VIP-Tickets geben soll. Thiesen beschreibt, dass die Entwicklung von VIP-Tickets eine normale Reaktion auf die Nachfrage sei. Viele Fans wünschen sich ein besonderes Konzerterlebnis, was sich in ihrer Zahlungsbereitschaft widerspiegelt. Jedoch werden Fans dadurch in zwei Gruppen gespalten: Diejenigen, die sich ein „VIP”-Erlebnis leisten können und diejenigen, deren finanzielle Situation nur ein „normales” Konzerterlebnis zulässt.
Ausgegrenzt durch Preise?
Aus diesem Grund fühlen sich laut Thiesen Teile der Konzertgänger*innen ausgeschlossen – vor allem diejenigen, die den Artist von Anfang an unterstützt und so zu seiner Bekanntheit verholfen haben. Daher stellt Thiesen fest, dass Konzerte sich zumindest im oberen Preissegment zum Luxusgut entwickeln. „Steigende Ticketpreise können natürlich dazu führen, dass sich Menschen ausgeschlossen fühlen – insbesondere Fans mit geringerem Einkommen. Das ist eine Entwicklung, die man ernst nehmen sollte.”
Genau solche Gedanken beschäftigen mich, wenn ich mir die Preise für einige Konzerte anschaue. Was ist beispielsweise mit Studenten oder auch mehrköpfigen Familien? Wenn man für ein Ticket schon 200 Euro oder mehr ausgeben muss, ist man bei einem Konzertbesuch mit der ganzen Familie allein für die Tickets schnell an der 1000-Euro-Grenze. So werden Konzerte schnell von einem schönen Erlebnis zur einer finanziellen Hürde.
Michael Hennig, gelernter Veranstaltungskaufmann mit jahrelanger Erfahrung im Live-Entertainment-Bereich, macht mich auf eine weitere Auswirkung aufmerksam: Kleinere Bands leiden ebenfalls unter den hohen Ticketpreisen internationaler Künstler*innen. Menschen haben oft kein Geld mehr für kleinere Artists, weil sie bereits beachtliche Summen für große Touren ausgegeben haben. Dadurch wird es aufstrebenden Sänger*innen immer schwerer gemacht, in der Musikbranche Fuß zu fassen.
Kleine Band mit großer Message
Künstler*innen können dieser Entwicklung trotz allem entgegensteuern, beispielsweise durch vergünstigte Tickets für Menschen in schwierigen finanziellen Situationen. Ein Beispiel hierfür ist „Only The Poets”, eine britische Band aus Reading. Mit ihren rund 170.000 monatlichen Hörer*innen auf Spotify können sie nicht ganz mit der Bekanntheit von Taylor Swift mithalten – dennoch setzen sie meiner Meinung nach größere Statements, was finanzierbare Tickets angeht.
So spielte die Band diesen Februar ein Konzert für 5.000 Fans in London – für nur ein britisches Pfund pro Ticket. Während des Konzerts wurde der Grundgedanke der Aktion mit einem Banner auf der Bühne unterstrichen: „Live music is not a luxury. Let’s keep it accessible”.
Bei einer Signierstunde in Stuttgart rede ich mit Tommy, dem Lead-Sänger, darüber, weshalb diese Aktionen der Band so wichtig sind. Die Fans seien laut ihm der Grund, warum die Shows erst so viel Spaß machen, weshalb es essenziell sei, sie nicht preislich auszunutzen oder auszugrenzen.
Auch bei regulären Tour-Shows setzt sich die Band für Fans aus allen sozialen Schichten ein. In jeder Konzert-Stadt gibt es sogenannte „Low-Income-Tickets” für Menschen, die sich reguläre Tickets nicht leisten können. Diese Tickets sind oftmals bis zu 50 Prozent reduziert.
Bezahlbare Konzerte trotz großer Bühne
Heißt das aber, dass nur kleinere Künstler*innen sich für niedrige Preise einsetzen können? Auf keinen Fall. Das Problem ist nur, dass bisher viel zu wenige große Artists ein Preislimit befürworten. Warum sollten sie auch? Sie profitieren von teuren Ticketverkäufen. Die Bekanntheit von Artists rechtfertigt jedoch nicht die Ausnutzung der Fans.
Dieser Meinung ist auch der britische Sänger Louis Tomlinson. Früher in einer Boyband mit unter anderem Harry Styles, ist der Brite heute solo unterwegs und füllt immer noch Arenen auf der ganzen Welt - ganz ohne teure VIP-Angebote. In einem Interview mit dem britischen „HUNGER-Magazine” macht er deutlich, dass Artists heutzutage nicht so habgierig sein dürfen. Das führe dazu, dass in Zukunft nur noch wohlhabende Menschen Konzerte besuchen können und das sei nicht das Ziel von Musik. Außerdem betont er, dass wenn ein Artist mit der Reichweite von beispielsweise Taylor Swift sich für ein festes Preislimit bei Konzerttickets einsetzen würde, sich andere große Künstler*innen wegen ihrer hohen Preise schuldig fühlen und entsprechend gegensteuern würden.
Live-Musik als Zufluchtsort – für alle!
Konzerte sind für mich, wie für viele andere, ein wichtiger Kulturaspekt: ein Ort, an dem man für mehrere Stunden alles andere ausblenden kann. Dieser „Safe Space” darf Menschen auf keinen Fall genommen werden, nur weil es für sie unbezahlbar wird. Natürlich sind manche Faktoren bei der Preisgestaltung nicht beeinflussbar: Die Preise sind ein Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage sowie den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche. Wichtig ist deshalb, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Tragfähigkeit und einem möglichst breiten Zugang zur Live-Kultur zu finden.
Für mich steht fest, dass es egal ist, wie bekannt ein Artist ist: Niemand sollte 500 Euro oder mehr für ein einziges Ticket ausgeben müssen. Denn dann wäre meiner Meinung nach das wichtigste Ziel eines Konzerts komplett verfehlt – nämlich Eskapismus und Wohlbefinden für wenige Stunden.
Außerdem müssen sich viel mehr große Künstler*innen öffentlich für niedrigere Preise aussprechen. Denn solange Artists weiterhin kommentarlos solche immensen Summen verlangen und Fans widerwillig mitziehen, wird es keine Veränderung geben. Und eines ist klar: Die braucht es. Und zwar bald. Damit unbezahlbare Erlebnisse für alle bezahlbar bleiben!
Deine Meinung interessiert uns
Ja, die Ticketpreise sind viel zu hoch!
Nein, die hohen Ticketpreise für große Artists sind gerechtfertigt.