Kultur&Gesellschaft

Kunst im Kessel
Stuttgarts Graffiti-Hochburgen im Blick

Der Ganove sprüht am liebsten Schriftzüge als Graffiti. Papiervorlagen helfen dem Sprayer, bevor es an die Wand geht. | Bild: Selina Meier

Kunst im Kessel Stuttgarts Graffiti-Hochburgen im Blick

Der Ganove sprüht am liebsten Schriftzüge als Graffiti. Papiervorlagen helfen dem Sprayer, bevor es an die Wand geht. | Bild: Selina Meier
 

21 Jan 2023

Bunt, auffallend und rebellisch – so wirkt die Kunstform Graffiti auf Stuttgarts Stadtbild. Doch wer verbirgt sich hinter Hoodie und Spraydose? Der Künstler Ganove nimmt uns mit auf eine kurze Reise durch die Graffiti-Szene der Landeshauptstadt.

Laura Maier

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2022

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Selina Meier


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Der Kies knirscht unter unseren Sohlen, während wir über den Platz des Cannstatter Wasens in Stuttgart laufen. Uns begleitet ein 20-Jähriger Mann, gekleidet in Hoodie, Jeans und weißen Nikes – alias der Ganove. Er führt uns stolz zu seinem Lieblingsplatz in Stuttgart, der Hall of Fame in Bad Cannstatt, einem Areal für Graffiti-Künstler*innen. Um uns herum erstreckt sich eine große, verwinkelte Halle mit unzähligen bunten Graffitis. Zwischen Bierflaschen und leeren Spraydosen stehen viele junge Menschen zusammen und erschaffen moderne Kunst. Der Ganove beschäftigt sich bereits seit seinem 12. Lebensjahr mit der Kunstform. „Als kleines Kind habe ich auf der Autofahrt immer aus dem Fenster geschaut und das Graffiti bewundert", erzählt er uns. Dabei gefielen ihm besonders die außergewöhnlichen Schriftzüge und die grellen Farben. Bereits früh musste er jedoch lernen, dass viele Menschen Graffiti nur als „Schmierereien“ an Hauswänden wahrnehmen. Dass Graffiti jedoch eine eigene Kunstrichtung darstellt, die viel mehr als das ist, erleben wir persönlich, als wir Stuttgarts größten legalen Ort für Sprayer*innen betreten.

 

Als kleines Kind habe ich auf der Autofahrt immer aus dem Fenster geschaut und das Graffiti bewundert.  – Der Ganove

Der Ganove zeigt uns einige seiner Kunstwerke – farbenfrohe Schriftzüge seines Künstlernamens im klassischen Graffiti-Look – in Stuttgart-Bad Cannstatt. Er erklärt uns, dass es in Stuttgart schon seit Jahrzehnten eine aktive Graffiti-Szene gibt. Frauen sind hier jedoch unterrepräsentiert: Schätzungsweise 90 % der Graffiti-Künstler*innen sind männlich. Dies könnte mitunter daran liegen, dass das Sprayen noch immer mit nächtlichen, rebellischen Aktionen unter der Autobahnbrücke in Verbindung gebracht wird. Dieses Vorurteil trifft jedoch schon lange nicht mehr zu. Der beste Beweis hierfür ist Baden-Württembergs Landeshauptstadt, welche Sprayer*innen kostenlos Raum für ihre Kunst zur Verfügung stellt.

Neben Schriftzügen schmücken auch farbenfrohe Graffiti-Gemälde die Halls of Fame. | Bild: Laura Maier
Die Hall of Fame in Stuttgart-Vaihingen bietet Sprayer*innen legalen Raum für ihre Kunst. | Bild: Selina Meier
Meist befinden sich die Halls of Fame unter Autobahnbrücken oder Unterführungen. | Bild: Laura Maier
Die klassischen Schriftzüge im Graffiti bezeichnet man auch als Style Writing. | Bild: Selina Meier
Die Vielfalt der gesprayten Motive kennt keine Grenzen. | Bild: Laura Maier
Graffiti im Comic-Look ist ein beliebtes Motiv. | Bild: Selina Meier
Graffiti im Space-Look. | Bild: Selina Meier
Die legalen Flächen der Hall of Fames werden nicht immer eingehalten. Rechts: legales Graffiti, links: illegales Graffiti. | Bild: Selina Meier

Weltweit sind in der Sprayer-Szene sogenannte „Hall of Fames“ ein geläufiger Begriff. Hinter der Bezeichnung verbergen sich (meist) legale Räume zum Sprayen. Dabei wird von den Städten Platz für Kunst geschaffen, um Sprayer*innen die Möglichkeit zur künstlerischen Entfaltung zu bieten. Dabei soll der illegalen Graffiti-Szene entgegengewirkt werden. Der Ganove, der selbst seit 2012 in der Szene aktiv ist, empfindet innerhalb der letzten Jahren in seinem persönlichen Umfeld einen Rückgang der illegalen Spray-Aktivitäten. Das läge aber nicht nur an den Hall of Fames, sondern auch an der strikteren Strafverfolgung. Dennoch seien gerade kleinere illegale Schmierereien, etwa auf Stromkästen oder Mülltonnen, nach wie vor gang und gäbe und schwer zu vermeiden.

Schmierereien sind immer noch ein großes Problem in Stuttgart. | Bild: Laura Maier
Illegales Graffiti findet man häufig in der Nähe der Hall of Fames. | Bild: Laura Maier

Wie viel Raum für legale Spray-Möglichkeiten in den Städten geschaffen wird, ist regional sehr unterschiedlich. In Stuttgart sind vor allem drei Hall of Fame-Spots bekannt. Am beliebtesten und größten ist die Hall of Fame in Bad Cannstatt. Er selbst gehe besonders gerne nach Bad Cannstatt und treffe sich dort mit Freunden unter der König-Karls-Brücke zum gemeinsamen Sprayen. Hier ist viel Platz, auch für Anfänger*innen und man kommt schnell mit neuen Leuten in Kontakt.

Schriftzug Ganove Eines der Lieblingsgraffitis des Ganoven in der Hall of Fame Bad Cannstatt. | Bild: Der Ganove

Auch das Züblin Parkhaus in Stuttgart ist eine sehr zentrale Anlaufstelle für legale Spraykunst. Es ist inzwischen mehr als nur ein Ort, um sein Auto abzustellen, sondern vielmehr ein Ort der Kunst und Kultur. Eine Außenwand des Züblin Parkhauses steht als Fläche zum legalen Sprayen zur Verfügung.

Standorte der Hall of Fames in Bad Cannstatt, Züblin Parkhaus und Vaihingen. | Bild: Laura Maier

In Stuttgart-Vaihingen befindet sich die Hall of Fame in einer Unterführung der A831. Sie ist im Vergleich etwas abgelegener, weshalb hier eher an Wochenenden gesprayt und die Hall in Vaihingen nur selten angefahren wird. In Vaihingen hat sich eine zweite Wand etabliert, die von Sprayer*innen bereits genutzt wird, da das Angebot mit der Hall of Fame in Vaihingen nicht ausreicht. Vergangenen Monat wurde bekanntgegeben, dass in Vaihingen in Kürze eine zweite offizielle Hall of Fame bereitgestellt wird. Die bereits genutzte Fläche in der Unterführung der Robert-Leicht-Straße wird bald auch offiziell zur Nutzung für Sprayer*innen in Vaihingen zur Verfügung stehen. 

Illegales Sprayen

Dass Sprayen illegal ist, wissen die meisten. Doch warum eigentlich? Wer Graffiti auf Wände oder Gegenstände sprüht, die nicht ihm selbst gehören oder ausdrücklich dazu bereitgestellt werden, erfüllt den Tatbestand der Sachbeschädigung (§ 303 II Strafgesetzbuch). Es wird „unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert", was Geldstrafen oder gar Freiheitsstrafen zur Folge haben kann. Bei der Höhe der Strafe kommt es auch darauf an, was besprüht wird. Damit dir das nicht passiert, findest du legale Spots hier.
Mittlerweile gibt es auch Webseiten, die den Sprayer*innen dabei helfen, legale Spots in ihrer Umgebung zu finden. Dazu kommentieren Leute aus der Community, ob an den jeweiligen Orten das Sprayen erlaubt ist. Dabei sollte man sich aber nicht nur auf die Kommentare verlassen und vor Ort auf Beschilderungen und Hinweise achten. Vergewissere dich vor Ort, ob das Sprayen noch immer erlaubt ist. Die Angaben auf der Website können teilweise veraltet sein.

Um die legale Graffiti-Szene in Stuttgart besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick in die umliegenden Städte. Karlsruhe als rivalisierende Nachbarstadt Stuttgarts beispielsweise bietet seinen Graffiti-Künstler*innen über 20 legale Halls bzw. Wände zum Sprayen. Dieses Konzept steht somit dem der Landeshauptstadt gegenüber, welche auf eine zentralisierte Lösung mit wenigen, dafür größeren Halls setzt.

In Pforzheim gab es vor einigen Jahren noch über zehn Halls über die Stadt verteilt, diese wurden jedoch nach einem Anstieg der illegalen Spray-Aktivitäten geschlossen. Um das illegale Graffiti zu verhindern, setzte die Stadt ein sogenanntes Anti-Graffiti-Mobil ein, welches Pforzheim von Schmierereien befreien sollte. Seitdem gibt es in Pforzheim fast keine Möglichkeiten mehr, legal der Graffiti-Kunst nachzugehen.

Stuttgart goes Graffiti!

Um ein Stimmungsbild der Stuttgarter*innen zu erhalten, haben wir 40 Personen aus dem Raum Stuttgart befragt. Die untenstehende Grafik verbildlicht die Ergebnisse der Befragung. Dem Großteil der befragten Stuttgarter*innen gefällt Graffiti als Kunstform, viele wünschen sich jedoch für ihre Heimatstadt mehr legale Möglichkeiten für Sprayer*innen, damit diese ihrer Kunst nachgehen können.

Auswertung einer Befragung von 40 Personen zum Thema Graffiti in Stuttgart. | Bild: Selina Meier

Viele Stuttgarter*innen wünschen sich mehr Raum für legales Graffiti. „Besonders für Jugendliche würde ich mir mehr Raum und Anerkennung für die Entwicklung als Graffiti-Künstler*innen wünschen", bestätigt uns der Ganove im Gespräch. Das Karlsruher Konzept mit vielen kleineren, verteilten Halls findet er zukunftsweisend. So gäbe es auch weniger Probleme mit illegalem Graffiti, da die gesamte Stadt legale Möglichkeiten bieten würde.