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Kultur&Gesellschaft

Cancel Culture
Moralische Hexenjagd im Netz

MEINUNG
In den sozialen Netzwerken kommt es immer wieder zu Online-Hasswellen, sogenannten "Shitstorms". | Bild: Fiona Peter

Cancel Culture Moralische Hexenjagd im Netz

In den sozialen Netzwerken kommt es immer wieder zu Online-Hasswellen, sogenannten "Shitstorms". | Bild: Fiona Peter
 

24 May 2021

In den sozialen Medien kann heute jeder noch so kleine Fehler für einen Shitstorm sorgen. Viele Prominente mussten das bereits am eigenen Leib erfahren. Doch was macht diese moralische Selbstjustiz mit unserer Gesellschaft und ist „Cancel Culture“ wirklich der richtige Weg?

Fiona Peter

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Vor einigen Wochen lag ein Paket vor meiner Tür. Darin befand sich eine illustrierte Sonderausgabe des Romans „Harry Potter und der Stein der Weisen“, die ich mir zuvor im Internet bestellt hatte. Begeistert teilte ich ein Video meines neuen Sammlerstücks auf meinem Instagram-Account und erhielt wenig später eine aufgebrachte Nachricht von einer Bekannten. Sie wollte wissen, warum ich die Autorin J.K. Rowling mit meinem Einkauf unterstützen würde. Ob ich denn nicht von dem Skandal gehört hätte?

Dabei bezog sie sich auf einige fragwürdige Tweets über Transsexuelle, für die die Harry-Potter-Autorin im letzten Jahr unter Beschuss geraten war. In der Folge erging es ihr wie vielen anderen Prominenten: Sie wurde gecancelt. Im Internet grassiert die Cancel Culture, der komplette gesellschaftliche Boykott von Personen, Gruppen oder Organisationen, als Reaktion auf deren moralisches Fehlverhalten. Nicht selten bedeutet das für die Betroffenen das Ende ihrer Karriere: Autor*innen verkaufen keine Bücher und Sänger*innen keine Konzertkarten mehr, Politiker*innen verlieren Wählerstimmen und Schauspieler*innen ihre Rollen.

Dabei ist es natürlich nicht ausschließlich schlecht, Menschen – besonders solche mit großem Einfluss – für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen. Viel zu lange haben die Generationen vor uns über die Laster und die Vergehen ihrer Lieblinge hinweggesehen.
Elvis Presleys Besessenheit von der Unschuld junger Mädchen schien zum Beispiel niemanden zu stören. Zumindest nicht genug, um seiner Karriere ernsthaft zu schaden. Dass er eine 14-Jährige wie einen Hund darauf abrichtete, einmal zu seiner perfekten Ehefrau zu werden, wurde kaum hinterfragt.
Und was ist eigentlich mit John Lennon, der so gerne von Harmonie und Weltfrieden predigte? Warum zuckte niemand auch nur mit der Wimper, als bekannt wurde, dass der Beatles-Sänger seine erste Frau und den gemeinsamen Sohn misshandelt hatte?

Heute wäre so etwas undenkbar. Zumindest in dieser Hinsicht haben wir aus der Blindheit der früheren Generationen gelernt. Wir haben endlich die rosarote Brille abgesetzt, mit der unsere Eltern und deren Eltern ihre Idole betrachteten. In der Theorie hört sich das rational und fortschrittlich an. Cancel Culture wird heute jedoch zum Paradebeispiel dafür, was geschieht, wenn auf einen Schritt in die richtige Richtung ein Schritt zu viel folgt.

Es ist längst nicht mehr nur ernsthaftes Fehlverhalten, das einen Shitstorm nach sich zieht. Der wütende Mob aus Internet-Trolls wartet schließlich nur auf eine Gelegenheit, zu den Fackeln zu greifen. Ein kleiner Fehltritt, ein falsches Wort, ein dummes Missverständnis reichen aus, um von heute auf morgen zum sozial Geächteten zu werden.
Zweifellos gibt es Fälle, in denen eine solche Reaktion angemessen ist. Diese Grenzen sind allerdings schon lange verschwommen. Wird einem ein Fehler vorgeworfen, fällt die Gesellschaft das Urteil. Einen fairen Prozess? Den gibt es nicht. Und wenn sich später doch die Unschuld herausstellt, dann ist der Schaden längst angerichtet. Nicht selten geht das sogar so weit, dass die Betroffenen mit schweren Gewaltandrohungen rechnen müssen.  
Erst vor kurzem behauptete ein britischer Influencer namens Oli London, tausende von Morddrohungen erhalten zu haben, nachdem sich dieser zahlreichen Schönheits-Operationen unterzogen hatte, um möglichst koreanisch auszusehen. Verwerflich oder nicht: Das geht zu weit.

Ebenso wenig fair erscheint die Willkür, mit der der Onlinemob sein nächstes Opfer wählt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein*e Prominente*r wegen eines geschmacklosen Kommentars alles verliert. Gleichzeitig kommt ein*e andere*r für dasselbe oder ein schlimmeres Vergehen mit einem Klaps auf die Finger davon.
Ein Beispiel: Warum wird J.K. Rowling auf Schritt und Tritt für ihre Fehler attackiert, während Boxer Mike Tyson als verurteilter Sexualstraftäter noch eine Plattform hat? Warum wird die Autorin aufgrund ihrer umstrittenen Kommentare als „transphob“ betitelt und aufs Übelste beschimpft, während Mike Tysons Status als Box-Legende kaum unter den Anschuldigungen gelitten hat? Warum macht ein Skandal die Schlagzeilen, während ein anderer unbeachtet in den Tiefen des Internets verschwindet? So gut die Absicht auch sein mag – diese Art der Selbstjustiz führt nur in den wenigsten Fällen zu der gewünschten Gerechtigkeit.

Wahrscheinlicher ist es, dass Cancel Culture mehr Schaden anrichtet als Nutzen. Wer heute in der Öffentlichkeit steht, führt ein Leben auf dünnem Eis. Jede öffentliche Äußerung, jedes Interview und jeder noch so kleine Tweet wird zum Spiel mit dem Feuer. Da heißt es: Bloß niemanden beleidigen und bloß keinen Raum für Fehlinterpretationen lassen. Politische Korrektheit ist das oberste Gebot. Kein Wunder, dass hinter jedem Promi heute ein Manager steht, der ihm*ihr die Worte mit Bedacht in den Mund legt. Wenn eine falsche Formulierung zum Karriereaus führen kann, dann bleibt man lieber still.
 

Statistik Besonders in den USA und dem Vereinigten Königreich wird Cancel Culture von vielen Menschen als Problem wahrgenommen. | Bild: Fiona Peter

Aber wohin soll uns das noch führen? Wo bleibt die Individualität, wenn jede*r nur sagt, was andere hören wollen? Es ist schon seltsam: Da schwärmen wir immer von Meinungsvielfalt, bis es eine Meinung ist, die uns nicht passt. Wer auf der sicheren Seite sein will, dem*der bleibt nichts anderes übrig, als sich dem gesellschaftlichen Konsens anzuschließen – zumindest vordergründig.

Natürlich sollte zur Kenntnis genommen werden, dass die vorherrschende Meinung häufig auch die zeitgemäße ist. Wird eine Haltung sozial nicht akzeptiert, hat das meist einen guten Grund. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, in unserer Gesellschaft Raum für Andersdenkende zu lassen. Die Welt ist nun mal nicht immer nur schwarz und weiß. Nicht immer gibt es nur richtig und falsch.
Es ist daher wichtig, Toleranz zu schaffen: Für andere Meinungen, jedoch genauso für Fehler. Zu gerne wird vergessen, dass auch Prominente nun einmal Menschen sind und als solche von Zeit zu Zeit schlechte Entscheidungen treffen. Verdienen sie es deswegen, alles zu verlieren? Sollte nicht jede*r zumindest die Chance bekommen, aus den eigenen Fehlern zu lernen? Nehmen wir ihnen diese Chance, nehmen wir ihnen auch das Recht, menschlich zu sein. Gerade im Zeitalter des Internets wird das zum Problem. Es sind schließlich längst nicht mehr nur die Profis – erfahrene Sänger*innen, Schauspieler*innen oder Politiker*innen – die zu den „Stars und Sternchen“ zählen.

Anders als noch vor einigen Jahren, setzt Erfolg heute kein herausragendes Talent oder harte Arbeit mehr voraus. Mittlerweile ist in wenigen Stunden möglich, was früher Jahre in Anspruch nehmen konnte. Es braucht längst keine Castings oder Label-Verträge mehr, um sich heute einen Namen zu machen. In der Welt der sozialen Medien genügt ein viraler Hit, um über Nacht zum Online-Star zu werden. Das Motto lautet: Jede*r kann es bis ganz oben schaffen.
Bedenklich ist das vor allem, wenn es um Minderjährige geht. Gerade auf Plattformen wie TikTok oder YouTube ist das alles andere als unüblich. Viele der heutigen Internet-Berühmtheiten sind selbst noch Kinder. Influencerin Charlie D’Amelio zum Beispiel hält mit gerade einmal 17 Jahren und beinahe 120 Millionen Followern aktuell den TikTok-Rekord. Doch auch sie bekam die Schattenseite des Ruhms im vergangenen Jahr zu spüren. Nach einem unglücklich formulierten Kommentar und einer Reise auf die Bahamas (trotz Pandemie) kam es im Netz zu einem regelrechten Shitstorm. Damit ist die 17-Jährige kein Einzelfall, denn Cancel Culture macht auch vor Minderjährigen nicht Halt.

Vollkommen unberechtigt ist das natürlich nicht. Mit Tausenden, oder gar Millionen, von Followern entsteht eine Vorbildfunktion. Auch ein junges Alter darf keine Rechtfertigung sein, um sich dieser Verantwortung komplett zu entziehen. Dennoch sind Kinder nun einmal Kinder. Erwachsen zu werden bedeutet, Fehler zu machen. Niemandem ist geholfen, wenn Kinder für ihre Fehler von aller Welt geächtet werden. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass junge Menschen durch andauerndes Online-Mobbing zerstört und in die Verzweiflung getrieben werden.

Es ist jedoch nicht nur die Irrationalität und die Gnadenlosigkeit, die Cancel Culture so toxisch macht. Es ist auch die Scheinheiligkeit, mit der sich die Menschen auf jede*n stürzen, der*die einen Fehler begeht. Geht es darum, andere zu verurteilen, kann man schließlich schnell mal über die eigenen Macken hinwegsehen. Auf einmal hat jeder eine weiße Weste. Jeder ist plötzlich Mutter Teresa. Wobei: Wer einmal ein Geschichtsbuch in die Hand nimmt, der wird feststellen, dass selbst Mutter Teresa nicht immer die Heilige war, zu der sie ernannt wurde.

Der Punkt ist doch, dass kaum eine*r so perfekt ist, wie er*sie gerne tut. Es ist leicht, andere für ihre Fehler an den Pranger zu stellen, solange man sich selbst hinter einem anonymen Online-Profil verstecken kann. Man stelle sich einmal vor, jeder eigene Ausrutscher, jede kontroverse Meinung und jeder unangebrachte Witz wäre morgen in den Schlagzeilen zu lesen.

Die Wahrheit ist: Die meisten von uns wären selbst längst „gecancelt“. Was gibt uns also das Recht, über das Schicksal anderer zu entscheiden? Wie es in der Bibel heißt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
Wir als Gesellschaft müssen einen Weg finden, Menschen für ihre Taten angemessen zur Verantwortung zu ziehen, ohne dabei Leben zu zerstören. Wir müssen lernen, Hass zu bekämpfen, ohne mehr Hass zu schaffen. Miteinander zu sprechen, anstatt aufeinander loszugehen und zu kritisieren, statt zu hetzen.

Wenn dies gelingt, können wir dem Cancel-Culture-Wahnsinn endlich ein Ende bereiten. Dann kann ich kann meinen Harry-Potter-Roman hoffentlich auch wieder guten Gewissens genießen.