Für Martin Volz-Neidlinger (mitte, vorne) war der Beruf des Pfarrers lange ein Traumberuf. | Bild: Johannes Volz

Interviews Ehemaliger katholischer Priester
"So bürgerlich wie die Typen war ich nie"

Für Martin Volz-Neidlinger (mitte, vorne) war der Beruf des Pfarrers lange ein Traumberuf. | Bild: Johannes Volz

03 Aug 2020

Was macht man, wenn man merkt, dass der ehemalige Traumberuf immer enger und rückschrittlicher wird? Ein ehemaliger katholischer Priester erzählt wie er seinen Beruf an den Nagel hing und eine neue Berufung fand.

Johannes Volz

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Vor 36 Jahren kniete Martin Volz-Neidlinger auf dem Boden der Basilika in Weingarten, um die Weihe zum Priester zu empfangen. „Seid ihr bereit, den Dienst am Wort Gottes zu erfüllen?“, so die Frage des Bischofs. Er war bereit. Doch in den kommenden Jahren merkte er immer mehr, dass die Kirche und das Amt des katholischen Priesters nicht seine Berufung waren. Er entschloss sich zu gehen, heiratete und machte sich später als Unternehmensberater selbstständig. Gut für mich, denn ansonsten wäre ich wohl nicht auf dieser Welt.

Wie hast du damals gemerkt, dass der Beruf des Priesters nicht mehr das Richtige für dich ist? 

Das habe ich relativ schnell gemerkt. Es waren einfach nicht meine Leute. Das Ganze war sehr kleinbürgerlich und sehr vereinsmäßig. So traditionalistisch und bürgerlich wie die ganzen Typen da war ich nie. 

Warum hast du dich damals überhaupt für ein Theologiestudium entschieden? 

Zum einen war es familiäre Prägung und zum anderen war es auch die Zeit der Friedensbewegung und atomaren Abrüstung. Zu dieser Zeit war Theologie unheimlich gefragt. Als ich damals mit meinem Studium in Tübingen angefangen habe, waren es über tausend Theologiestudenten. Damals musste man fast eine Beschränkung einführen, so viele Studenten gab es. 

Zum anderen war es zu der damaligen Zeit auch so, dass die Entwicklung der Kirche sehr modern war. Damals war die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, in welchem sich die Kirche komplett der Welt geöffnet hat und es eine unheimliche Auseinandersetzung mit dem Gedankengut der Kirche und der Politik gab. 

Hattest du nach deinem Studium auch vor, selbst als Pfarrer zu arbeiten oder wolltest du in eine andere Richtung gehen? 

Ja, mir war klar wenn ich das Ganze mache, dann will ich schon selber Chef sein und nicht irgendwo der Hiwi in einer Hilfsgemeinde. 

Nach deinem Studium und der Priesterweihe warst du dann Vikar, also sozusagen ein Pfarrer in Ausbildung, in einer Gemeinde in Stuttgart. Was hat dir an dieser Aufgabe gefallen? 

Für mich gab es damals die Vision, Menschen an Knotenpunkten ihres Lebens zu begleiten. Zum Beispiel privat oder bei Taufen und Beerdigungen und Sachen in Sprache zu fassen, für welche sie selber keine Worte finden und das Ganze dann in einen größeren Deutungshorizont zu stellen. 

Du meintest, dass die Kirche sich, als du angefangen hast mit deinem Studium, sehr gewandelt hat und moderner geworden ist. Hat sich das so dann auch bestätigt? 

Nein, die Kirche wurde immer enger. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es die Frage, ob es den Zölibat überhaupt noch geben soll, aber am Ende hat sich das alles wieder durchgesetzt. Auch die Leute, mit denen ich damals im Studium zusammen war, sind da alle weggegangen. Geblieben sind nur noch die Ängstlichen oder die Traditionalisten, der Rest wurde da rausgeekelt. 

Zölibat bedeutet im Christentum das Versprechen von Priestern, Mönchen und Bischöfen ehelos zu leben. Hättest du damit leben können? 

Ich konnte es mir nie so richtig vorstellen, aber wenn das Ganze dein Traumberuf ist dann nimmst du das halt in Kauf. Aber wenn es nicht mehr dein Traumberuf ist dann wird es schwierig…

Während deiner Zeit in Stuttgart hast du dann meine Mutter kennengelernt. Warst du damals schon bereit dein Amt aufzugeben? 

Innerlich war ich das schon. Ich wollte eigentlich noch ein Jahr weiter machen, um die zweite Dienstprüfung abzulegen und damit einen offiziellen Abschluss zu haben. 

Dass ich schon davor wusste, dass ich aufhören möchte hat es für uns einfacher gemacht. Viele gehen raus weil sie eine Frau wollen aber eigentlich auch gerne Pfarrer bleiben möchte, dann wird es schwierig.

Gemeinde am Osterfeuer Der Schritt raus aus seinem Beruf war für Martin Volz-Neidlinger der schwierigste. | Bild: Johannes Volz

Wie schwierig war dann letztendlich der Schritt raus? 

Der war schon schwierig. Als Priester bist du voll versorgt, bist Beamter und kriegst alles. Die Kirche schaut aber schon, dass du, wenn du raus gehst, erstmal vor dem Nichts stehst. Und vor allem machen sie dir auch deutlich, dass du keine Anstellung im kirchlichen Rahmen mehr bekommst, also zum Beispiel bei der Caritas.

Was hast du dann gemacht, um weiter in kirchlichen Einrichtungen arbeiten zu können und zum Beispiel auch kirchlich heiraten zu können? 

Ich habe dann geschaut, dass ich die Laisierung kriege, also die Zurücksetzung in den Laienstand. Das war gar nicht so einfach damals, aber bei mir ging das relativ schnell. Ich glaube, ich habe denen einfach das Richtige erzählt. Man musste damals zu einem Vertreter des Bischofs gehen und erzählen, warum die Entscheidung, Priester zu werden, keinen rechtlichen Bestand hatte, und wenn du da das Kirchenrecht ein bisschen kennst, kannst du da natürlich Storys erzählen. 

Was hast du dem Vertreter des Bischofs denn erzählt? 

Dass ich damals das Ganze nicht so überblickt habe, ich mich verändert habe und auch familiär unter Druck war, das zu tun, und solche Sachen….

Wie hast du dann eine neue Berufung gefunden?

Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und mir war auch klar, dass ich gerne weiterhin Leute an den Knotenpunkten in ihrem Leben begleiten will. 

Und war dir schon nach deiner Zeit als Pfarrer klar, dass du einmal etwas selber machen willst und als Selbstständiger arbeiten möchtest? 

Dass ich Trainings und Bildungscoachings mache, ja, aber du musst halt immer schauen, wie das geht. Man kann dann entweder zu Daimler gehen und macht da ein bisschen den Bildungsreferent, bist Nummer 37869 und machst ein paar Kurse mit irgendjemand, oder man muss halt schauen, dass man sich selber irgendwas aufbaut. Davon gibt es aber unheimlich viele, von denen man sich irgendwie unterscheiden muss. 

Du hast dich dann entschieden, erstmal eine Ausbildung zum Altenheimleiter zu machen und warst später bei einer Stiftung als Bereichsleiter der Altenhilfe verantwortlich für zwölf Heime, festangestellt mit einem guten Gehalt. Wie kam dann der Punkt, nun doch nochmal etwas Eigenes zu machen? 

Während meiner Zeit bei der Stiftung hatte ich schon das Ziel, danach etwas Eigenes zu machen. Allerdings gab es immer wieder neue spannende Aufgaben wie neue Geschäftsfelder zu entwickeln, neue Leute einzustellen und mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten. 

Aber dann kam der Punkt, wo die Stiftung sich immer mehr verändert hat, einer der Vorstände ist gegangen und dann war für mich die Frage; „Mache ich jetzt den Vorstand und geh da rein?“ Aber das hat mich eigentlich nie gereizt. Am Ende wurde die Stiftung ähnlich wie die Kirche damals immer enger und bürokratischer und das ist nicht meins, man muss ja schnell sein. Wie sagte mal Bill Gates: „Nicht die Großen werden die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen“.

Vortrag Von der Kanzel ans Rednerpult. Viele Erfahrungen aus seiner Zeit als Priester helfen Martin Volz-Neidlinger auch heute noch in seinem Beruf. | Bild: Martin Volz-Neidlinger

Als selbstständiger Unternehmensberater berätst du nun Firmen in Personalfragen und schulst Mitarbeiter. Gibt es Sachen, welche du in deiner Zeit als Priester gelernt hast, welche dir auch heute noch weiterhelfen? 

Klar, die Vision ist mir geblieben und auch das ganze Studium war unheimlich wissenschaftlich und hat mir beigebracht, wie man exakt arbeitet und Dinge formuliert. Auch so Sachen wie Storytelling und Rhetorik oder wie man mit Menschen umgeht, habe ich in dieser Zeit gelernt und kann ganz viel davon heute noch anwenden. 

Bist du nun nach deinen vielen Stationen an dem Punkt, wo du immer hinwolltest und zufrieden? 

Ja gut, am Ziel bist du ja nie, also ich bin da nie. Ich bin jetzt an einer Stelle, wo ich sagen kann, dass es gut ist. Es gibt viele Dinge, da läuft es richtig super, und es gibt Zeiten, da kämpfst du voll, so wie gerade durch Corona, aber das ist schon das, was ich machen will. 

Kommen wir am Ende noch zu der aktuellen Situation der katholischen Kirche. Im Jahr 2020 wurden nur 57 Männer zum Priester geweiht. Dies ist der zweitniedrigste Wert in der Geschichte. Gleichzeitig traten 2019 auch 272.771 Menschen aus der Kirche aus. Auch dies ist ein Rekordwert. Siehst du überhaupt noch eine Zukunft für den Beruf des Pfarrers und die Kirche? 

Ja, gerade geht es ziemlich abwärts. Es gibt glaube ich zwei Wege wie die Kirche sich entwickeln kann. Entweder es wird immer schlimmer und die Kirche wird wie eine Sekte, mit ein paar harten Knochen welche sich heilig fühlen und niemanden mehr reinlassen. Oder wenn sie aufbricht und durchstartet kann sie zu etwas Großen werden. Daran glaube ich allerdings gerade nicht…