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Hauptsache raus, egal wohin. Als Jugendlicher wollte ich immer so schnell wie möglich mein Dorf verlassen. | Bild: Johannes Volz

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Hauptsache raus, egal wohin. Als Jugendlicher wollte ich immer so schnell wie möglich mein Dorf verlassen. | Bild: Johannes Volz

18 Aug 2020

Das Dorf verliert seine Zukunft. Immer mehr junge Menschen verlassen die Dörfer und ziehen in die Stadt. Wie können die Dörfer überleben, wenn sie jede junge Generation an die Stadt verlieren? Die Corona-Pandemie könnte helfen.

Johannes Volz

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftPolitik

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27. März 2020. Lockdown. Ich sitze wieder in meinem Jugendzimmer in einem Dorf im Schwarzwald, zurück aus der Stadt. Die Welt ist still und zur Ruhe gekommen. Hier ist es immer still. Unter 1.831 Einwohnern passiert nur selten viel berichtenswertes. Dass die lokale Zeitung pro Tag eine Seite mit Meldungen über unser Dorf schreibt, verwundert mich immer wieder. Als Jugendlicher war mir hier alles zu eng, zu kleinbürgerlich. „Stadtluft macht frei“, so eine alte Regel im Mittelalter. Gelang es einem Leibeigenen, für ein Jahr in der Stadt zu leben, ohne dass sein Herr ihn fand, war er frei. Auch mich lockte diese Verheißung. Als ich nach meinem Abitur zusammen mit dem Großteil meiner Generation das Dorf verließ, fragte ich mich immer, was die Jugendlichen hält, welche zurückbleiben. Denn glücklich als junger Mensch, so meine Einschätzung, wird man zwischen Wolkenkratzern und nicht neben Kuhweiden.

Die Stadt versprach für mich neue kulturelle Möglichkeiten. Nicht mehr zwei Stunden in die Stadt fahren, um die Lieblingsband live zu sehen, nach 19 Uhr noch einkaufen gehen und eine Auswahl von Bars und Clubs, alle in S-Bahn Reichweite. Es war ein neues Gefühl, vor Partys nicht mehr darüber diskutieren zu müssen, wer fährt. Der Lokführer macht heute Fahrer. 
Früher musste ich Freunden aus der Stadt erklären, warum jede Party bei uns in Sporthallen stattfand. Der nächste Club war damals eine halbe Stunde Fahrt von unserem Dorf entfernt. Die Betonung liegt auf war, denn vor drei Jahren wurde er dem Erdboden gleich gemacht. An seiner Stelle steht heute ein Bio-Supermarkt, gut für die Umwelt, zum Feiern aber eher schlecht geeignet. 

Frei fühlt man sich auf dem Land erst, wenn man endlich seinen Führerschein in der Hand hält. Keine Stunden mehr über Hügel mit dem Fahrrad in das nächste Kaff fahren oder Mama und Papa darum bitten, Taxifahrer zu spielen. Der Bus fährt nur in die nächstgrößere Stadt und die 3,50 Euro pro Fahrt kann man besser in den nächsten Cola-Korn auf dem Dorffest investieren.

Gemeinschaft gibt es doch nur auf dem Dorf

In der Stadt gibt es Gesellschaft, auf dem Land Gemeinschaft. „Die Stadt ist doch viel zu unpersönlich, hier kennt man sich noch“, höre ich von vielen, die dageblieben sind. Doch die Gemeinschaft auf dem Dorf besteht aus der Blaskapelle, der örtlichen Narrenzunft und der Kirche. Keine Gemeinschaft, in der ich unbedingt dazugehören möchte. Vereine sind mir zu eng, zu konservativ. Schwierig wird es in der Gemeinschaft vor allem für Leute, die nicht dazugehören, Menschen, die anders sind und denken. Ein Freund erzählte mir einmal, wie schwierig es für ihn war, nachdem er sich als einziger in seinem 80 Seelen Dorf als schwul geoutet hatte. Er hatte nie das Gefühl, richtig dazuzugehören.  Nachdem er ein paar Jahre später nach Berlin zog, fühlte er sich wie im Himmel und fand tausende Menschen, die so fühlen wie er. Die Stadt machte ihn frei, sich so zu kleiden und so zu leben, wie er möchte, ohne missbilligende Blicke.

Schon allein aus beruflichen Gründen wollte ich raus aus dem Dorf. Auf der lokalen Berufsmesse unserer Schule gab es außer einem Kugelschreiber nichts, was ich hätte mitnehmen können. Wenn man kein Industriekaufmann oder Mechatroniker werden möchte, stehen die Chancen schlecht auf dem Land. Sucht man auf bekannten Jobportalen nach Stellen in Stuttgart, erhält man seitenlange Vorschläge mit Jobs jeglicher Art. Für eine Kleinstadt im Schwarzwald ist nach zwei Seiten Schluss.

Je mehr Menschen aus den Dörfern gehen, desto schwieriger wird es für die, die dableiben. Mit jedem Freund, der geht geht, auch ein Teil, der einen an das Dorf bindet.  Als ich nach einem Jahr wieder für ein paar Monate in mein Dorf zurückkam, war vieles anders. Der Großteil meiner Freunde war nicht mehr da. Die meisten waren zum Studieren in die größeren Städte gezogen und die, die eigentlich bleiben wollten, merkten nachdem alle weg waren, dass sie vielleicht auch nicht mehr so viel hält.

Nur die alte Generation bleibt zurück

Im Dorf zurück bleibt nur die ältere Generation. Wie eine Metapher steht hierfür ein Beispiel aus einem kleinen Dorf in Sachsen, wo eine ehemalige Schule in ein Altersheim umgebaut wurde. Es gibt zu wenige Schüler auf dem Dorf, aber viele alte Menschen, die versorgt werden müssen. Es fehlen die jungen Fachkräfte, welche neue Ideen einbringen. Sterben die Dörfer also langsam aus? Ein Lichtblick für Dörfer könnte tatsächlich die Corona-Pandemie sein.

Während des Lockdowns sind meine Freunde und ich wieder zurückgekommen. Wenn zuhause bleiben, dann lieber auf dem Land als in kleinen überteuerten Studenten-WGs. Und wenn das einzige, das man draußen machen kann spazieren gehen ist, dann doch lieber durch einen Wald als in verdreckten Stadtparks.

Die Corona-Pandemie könnte für das Land sein, was die Industrialisierung für die Stadt war. Zur Zeit der Industrialisierung wanderten die Menschen in die Städte, um Arbeit in der Industrie zu finden. Aus 30 Prozent  der Gesamtbevölkerung welche in Städten wohnte, wurden 60 Prozent. Heute sind wir bei 77 Prozent Stadtbevölkerung.  Wandern die Menschen nun zurück? Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Menschen in einer Krise die Stadt wieder verlassen und zurück auf das Land ziehen.  Viele Menschen werden sich fragen, ob sie sich die hohen Mieten in der Stadt noch leisten möchten. Während einer Pandemie bietet eine Stadt nur wenige Vorteile. Denn wer braucht Clubs, wenn diese geschlossen sind und online shoppen kann ich auch auf dem Land, falls das Innenstadtsterben weiter voranschreitet.

Corona verändert die Gesellschaft

Doch nicht nur das Finanzielle könnte die Menschen zurück auf das Land bringen, auch die Arbeitswelt wandelt sich nach der Meinung vieler Experten gerade durch Corona und wird sich auch nicht mehr zurückentwickeln. Corona hat vielen konservativen Unternehmen gezeigt, dass Home-Office möglich ist. Menschen müssen sich nicht mehr durch die Rush Hour quälen, um pünktlich im Büro zu sein. Das eigene Zuhause wird zum Büro. Es ist also nicht mehr so wichtig, wo das Unternehmen sitzt. Egal ob New York und Berlin oder von Schiltach nach Bottrop: Das Internet bringt Menschen zusammen egal wo sie sitzen.

Doch für diese Arbeitswelt-Revolution braucht man vor allem eins: schnelles Internet. Eine Qualität, mit der viele Dörfer in den letzten Jahren keine Schlagzeilen gemacht haben. Der Begriff Bambusleitung sagt auf dem Dorf mehr Menschen etwas als das Wort 5G. Als ich vor ein paar Monaten zu Hause zu Besuch war und mir dort die Online-Vorlesungen von meinem Semester anschauen wollte, kam es schon zu Problemen. War ich der einzige im Internet war alles gut doch sobald mein Vater auch an Online-Konferenzen teilnehmen wollte, wurde es für einen von uns beiden eng. So musste ich mich ins Auto setzen und zur Arbeitsstelle meiner Mutter fahren, um gutes Internet zu haben. Vielleicht scheitert die Wende auf dem Dorf am Internet.

Eine Chance für das Dorf

Durch Corona entsteht eine Chance für die Dörfer, welche diese nutzen müssen. Das Land darf nicht weiterhin die jungen Leute verlieren. Denn mit jedem jungen Menschen geht auch ein neuer Blick auf die Dinge und eine neue kreative Idee. Die Politik muss sich darum kümmern, dass junge Gründer ihre Startups nicht nur in den Großstädten verwirklichen.

Wie ein Dorf davon profitieren kann, wenn die Jungen dableiben und ihre kreativen Ideen auf dem Land verwirklichen, sieht man im 250 Einwohner Dorf Rüspeln, im Norden Deutschlands. Hier gründete Fynn Kliemann das Kliemannsland, ein Ort für Kreative. Fynn ist in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen und wollte nach eigenen Aussagen eigentlich immer nur ganz schnell aus diesem raus. Doch Freunde baten ihn zu bleiben und so baute er sich ein „Dorf“ nach seinen Vorstellungen und gründete das Kliemannsland. Dies ist ein ehemaliger Bauernhof, welcher in der gleichnamigen Funk-Serie zu einem Ort für Kreative umgebaut wird mit Musikstudio, Atelier und Kräutergarten. Dabei helfen kann jeder, der möchte und mittlerweile haben schon 55.000 Menschen den Weg auf das Dorf gewählt, um für ein paar Tage mitzuarbeiten. Es reicht also eine kreative Idee und die junge Generation kommt zurück auf das Land.

Ich hoffe, das Land nutzt seine Chance, denn auch wenn ich immer rauswollte, wird das Dorf stets meine Heimat bleiben. Ein Sprichwort heißt: „Man bekommt das Kind aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Kind.“ Denn nach meiner „Flucht“ aus dem Dorf habe ich gelernt, dass kein Ort dafür verantwortlich ist, ob man als junger Mensch glücklich wird. Glücklich wird man dort, wo Menschen sind, welche einem etwas bedeuten, egal ob man sie zwischen Wolkenkratzern oder Kuhweiden trifft.