Frauen im Pop 7 Minuten

Gleiche Bühne, andere Maßstäbe: Der Doppelstandard in der Musikbranche

Justin Bieber und Sabrina Carpenter
Justin Bieber und Sabrina Carpenter: Zwei talentierte Künstler, doch in der Musikindustrie gelten für beide verschiedene Standards. | Quelle: Anna Stepanek
21. Mai 2026

Taylor Swift, Beyoncé, Sabrina Carpenter, Chapell Roan: Wir leben im Zeitalter der „Pop-Girls”. Gleichzeitig waren die Erwartungen an sie selten höher. Doch warum gelten für sie noch immer andere Regeln als für ihre männlichen Kollegen?

Wir schreiben das Jahr 2013. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten Mal eine Performance von der damals weltweit erfolgreichen britischen Boyband One Direction gesehen habe: fünf Jungs auf der Bühne, ein bisschen unbeholfen. Sie albern herum, nehmen sich selbst nicht allzu ernst. Dass sie nicht tanzen konnten, wurde als eine Art Alleinstellungsmerkmal gesehen.

Ein paar Jahre später versucht der britische Talentsucher Simon Cowell, der One Direction bei der Talentshow „X-Factor” entdeckt hat, dieses Erfolgsrezept in den USA mit der Girlgroup Fifth Harmony zu wiederholen. Doch hier verschieben sich die Maßstäbe deutlich: Die jungen Frauen werden schnell in kurze, glitzernde Bühnenoutfits gesteckt, müssen neben dem Gesang einstudierte Choreografien liefern – auch wenn ihnen das nicht immer perfekt gelingt. Noch heute werden mir manchmal Videos in meinen Feed gespült, in denen sich über die oft fehlende Koordination der Gruppe lustig gemacht wird. 

Justin Biebers Auftritt bei Coachella.

Spulen wir vor ins Jahr 2026: Beim beliebten Coachella Valley Music and Arts Festival in Kalifornien sind dieses Jahr unter anderem Sabrina Carpenter und Justin Bieber Headliner. Sabrina präsentiert eine durchchoreografierte Konzeptshow mit Tänzer*innen, aufwendigen Bühnenbildern und mehreren Kostümwechseln. Parallel dazu steht Justin im Hoodie auf einer vergleichsweise kargen Bühne, scrollt zwischendurch durch alte YouTube-Videos seiner Songs und singt stellenweise Karaoke zu seinen eigenen Liedern.

Natürlich ist das auch alles eine Frage des Geschmacks. Aber es verweist auf ein strukturelles Ungleichgewicht: Während männlichen Popstars oft erlaubt wird, sich auf ihre bloße Präsenz zu verlassen und dafür oftmals großes Lob bekommen, sind weibliche Künstlerinnen stärker an Inszenierung, Disziplin und visuelle Perfektion gebunden – nur um trotzdem scharf kritisiert zu werden. Kritische Stimmen werfen Sabrina Carpenter häufig vor, sie sei „zu sexy”.  

Die Medienwissenschaftlerin Naomi Wolf beschreibt dieses Phänomen in „The Beauty Myth“: Je sichtbarer Frauen gesellschaftlich werden, desto stärker steigen gleichzeitig die Anforderungen an ihr Aussehen.

Selbst Künstlerinnen, die gezielt gegen die stereotypen Schönheitsnormen arbeiten, wie Billie Eilish, werden permanent auf ihren Körper reduziert – egal, ob sie ihn verhüllen oder betonen. 

Sobald du irgendetwas trägst, das auch nur ein bisschen freizügig ist, heißt es sofort: ‚Aber du wolltest doch nicht sexualisiert werden?‘ [...] Über Männerkörper sagt nie jemand irgendetwas. Wenn du muskulös bist – cool. Wenn nicht – auch cool."

Billie Eilish, Variety (eig. Übers.)

„In dieser Gesellschaft werden Frauen im Entertainment ab 35 auf den Elefantenfriedhof geschickt. [...] Alle sind für zwei Jahre das neue glänzende Spielzeug. Künstlerinnen mussten sich zwanzigmal öfter neu erfinden als männliche Künstler. Sie müssen das tun – sonst sind sie raus aus dem Job."

Taylor Swift, Miss Americana (eig. Übers.)

„Ich glaube tatsächlich, ich wäre erfolgreicher, wenn ich damit klarkäme, einen Maulkorb zu tragen.”

Chappell Roan, BBC (eig. Übers.)

„Ich habe wirklich das Gefühl, noch nie in einer Zeit gelebt zu haben, in der Frauen so sehr auseinandergenommen und in jeder Hinsicht so stark unter die Lupe genommen werden.“

Sabrina Carpenter, Rolling Stone (eig. Übers.)

„Beim Thema Sexualität gibt es immer noch einen doppelten Standard. Männer dürfen frei sein, Frauen nicht. Das ist verrückt. Die alten Vorstellungen von Unterwürfigkeit und Zerbrechlichkeit haben uns zu Opfern gemacht. Frauen sind so viel mehr als das.“

Beyoncé, Out Magazine (eig. Übers.)

Weiter geht es auf der Ebene der Songtexte: Bei Taylor Swift gehört das Schreiben über Liebe und Herzschmerz seit jeher zum Markenkern. Und obwohl sie zahlreiche Songs zu anderen Themen hat – zum Beispiel „Marjorie” über ihre Großmutter oder „Nothing New” über ihre Rolle als Frau in der Musikindustrie – wurde sie das Klischee der „rachsüchtigen Ex-Freundin” nie ganz los.

Stellt man dem etwa Harry Styles oder Ed Sheeran gegenüber, die ebenfalls mehrere Lieder über vergangene oder aktuelle Beziehungen geschrieben haben, zeigt sich der Doppelstandard umso deutlicher. Bei ihnen wird das als ehrlich, verletzlich, „echt“ gelesen. Kaum jemand zählt öffentlich ihre Ex-Partnerinnen mit oder macht ihre Diskografie zum Running Gag.

Feministische Kulturtheoretikerinnen wie Sara Ahmed beschreiben, dass Emotionen gesellschaftlich nicht neutral bewertet werden: Gefühle gelten besonders dann als irrational oder weniger ernst zu nehmen, wenn sie mit Weiblichkeit assoziiert werden.

Unterschiedliche Maßstäbe sieht man auch daran, wie „Fehlverhalten” in der Öffentlichkeit bewertet wird. Als Chappell Roan Anfang 2026 in einen viralen Skandal geriet, weil einer ihrer Security-Mitarbeiter auf ihren Wunsch hin ein Kind in einem Hotel angeschrien hätte, entstand innerhalb weniger Stunden massive Online-Empörung. Der Bürgermeister von Rio de Janeiro untersagte der Sängerin sogar zukünftige Auftritte bei einem Musikfestival. Obwohl später öffentlich klargestellt wurde, dass der Bodyguard nicht zu Roans Team gehörte und selbst die Verantwortung für sein Handeln übernahm, blieb die Debatte stark auf ihrer Persönlichkeit und ihrem angeblichen Charakter fokussiert.

Im Vergleich dazu stehen Künstler wie Chris Brown, dessen Kontroversen eine eigene Wikipedia-Seite haben – allen voran der körperliche Angriff seiner damaligen Partnerin Rihanna. Trotzdem blieb er kommerziell erfolgreich, gewann weiterhin Preise und veröffentlichte mehrere Nummer-eins-Alben. Auch Kanye West verlor trotz antisemitischer Aussagen und zahlreicher öffentlicher Skandale nie vollständig seinen Status als musikalisches Genie. Allgemein erfahren Schwarze Künstler allerdings ebenfalls Doppelstandards in der Musikindustrie – aufgrund von Rassismus und Stereotypen, die auf sie projiziert werden.

"Not Country Enough": Intersektionalität in der Musikbranche

Für Künstlerinnen, die Teil marginalisierter Gruppen sind, verschärft sich die Dynamik zusätzlich. Genau darauf verweist die Juristin Kimberlé Crenshaw mit ihrem Konzept der Intersektionalität: Diskriminierungserfahrungen überschneiden sich und können nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Eine Schwarze Frau erlebt zum Beispiel eine spezifische Form der Abwertung, die gleichzeitig aus Sexismus und Rassismus entsteht.

Ein Beispiel dafür ist Beyoncés Auftritt bei den Country Music Association Awards im Jahr 2016. Gemeinsam mit der weiblichen Countryband „The Chicks” – die Anfang der 2000er nach öffentlicher Kritik am damaligen US-Präsidenten George W. Bush und dem Irakkrieg massiv angefeindet und von vielen Radiosendern boykottiert wurden – performte sie ihren Song „Daddy Lessons“. In sozialen Medien und Kommentarspalten wurde daraufhin diskutiert, ob der Song „wirklich“ Country sei. Viele Reaktionen zeigten außerdem, dass Beyoncé als Schwarze Frau von Teilen des Publikums nicht als legitim innerhalb dieses Genres, das bis heute von weißen Männern dominiert wird, wahrgenommen wurde. Dabei wird häufig vergessen, dass Country-Musik historisch stark von Schwarzen Musiker*innen und Traditionen geprägt wurde. Den aktuell erfolgreichsten Countrysänger Morgan Wallen fragt niemand, ob er sich diesen Titel verdient hat, obwohl viele seiner erfolgreichen Hits musikalisch längst weit vom klassischen Country entfernt sind.  

Beyoncé addressiert diese Kritik auf ihrem Country-Album „Cowboy Carter” (2024), mit dem sie „Album of the Year” bei den Grammys gewann.

Sabrina Carpenters Auftritt bei Coachella

Von Janet Jackson und Madonna über Britney Spears bis zu den Pop-Stars der heutigen Generation: Frauen sind in der Industrie seit Jahrzehnten unverhältnismäßig hohen und widersprüchlichen Standards ausgesetzt. Sie sollen gleichzeitig talentiert, schön, nahbar, diszipliniert, wandelbar und möglichst jederzeit relevant sein, aber auch ja nicht zu sexy, selbstbewusst oder zu bemüht wirken. Und gerade aus diesem enormen Druck entstehen oft die ambitioniertesten, innovativsten und kulturell prägendsten Arbeiten der Popmusik. Viele der größten Popmomente der letzten Jahre — von Beyoncés genreübergreifenden Konzeptalben bis zu Taylor Swifts akribischem Storytelling oder Sabrina Carpenters durchinszenierten Liveshows — entstehen nicht nur trotz dieser Erwartungen, sondern oft als Reaktion auf sie.

Streaming Statistik
Quelle: Quelle: Luminate Music Consumption Data, Grafik: Anna Stepanek, erstellt mit Canva

Und diese Arbeit zahlt sich anscheinend auch aus: Frauen dominieren heutzutage unangefochten die Popmusik, zumindest was Streaming-Zahlen angeht. Daten des Marktforschungsunternehmens Luminate⁠ zeigen, dass der Streaming-Anteil von Frauen unter den Top-100-Artists in den USA deutlich anstieg, während der Anteil männlicher Künstler leicht zurückging. Bei aktuellen Neuerscheinungen im Pop entfielen 2024 bereits 69 Prozent der On-Demand-Streams – also gezielte Streams von Nutzer*innen, ohne Zufallswiedergabe – auf weibliche Künstlerinnen. Selbst ohne den Einfluss von Taylor Swift wuchs die Streaming-Präsenz weiblicher Musikerinnen deutlich schneller als die ihrer männlichen Kollegen.

Das macht die Doppelstandards nicht weniger unfair. Aber es zeigt, dass der Druck, die Grenzen zu verschieben und ständig neue Ideen zu liefern, am Ende auch häufig mit größerem Erfolg „belohnt” wird.

Und vielleicht blicke ich heute deshalb anders auf diesen Moment im Jahr 2013 zurück, als ich zum ersten Mal One Direction auf einer Bühne gesehen habe. Damals fand ich ihre lockere Art unglaublich authentisch – und wahrscheinlich waren sie das auch. Heute denke ich mir trotzdem manchmal: Wie praktisch, einfach ein bisschen herumzualbern und trotzdem als außergewöhnlich zu gelten.