Religion

Katholische Kirche – eine Institution in der Krise

Im Jahr 2021 traten mehr als 350.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus. (Symbolbild)
16. März 2023
Katholische Kirche – eine Institution ohne Zukunft? Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre waren für das Image der katholischen Kirche nicht förderlich. Wie versucht man als Pfarrer damit umzugehen und dennoch den Glauben zu leben.

Ein paar Sonnenstrahlen werfen ihr Licht auf die Gräber des Karlsruher Hauptfriedhofs. Es ist ruhig. Nur vereinzelt gehen Leute an der kleinen Trauergruppe vorbei, die sich schon vor den Urnengräbern versammelt hat. Bereit, Abschied zu nehmen. Die Schluchzer der Freundin des Verstorbenen mischen sich mit leisem Vogelgezwitscher. 

Die weiße Albe in Kombination mit der bunten Stola scheint zwischen den dunkel gekleideten Angehörigen zu leuchten, als sich die kleine Gruppe zum bereits geöffneten Urnengrab begibt. Pfarrer Fletschinger öffnet seine schwarze Mappe mit dem aufgedruckten weißen Kreuz und beginnt den Verstorbenen zu verabschieden. Die Trauer legt sich wie ein Schleier nieder. Die Urne wird in die Maueröffnung gehoben. Das Schluchzen wird lauter, mehrstimmig, es fließen Tränen. Pfarrer Fletschinger setzt zu einem Mariengruß an – ein kleiner musikalischer Beitrag zwischen den gesprochenen Worten. „Wir werden im nächsten Gottesdienst an ihn denken, ihn erwähnen.“

Nach und nach treten die Angehörigen vor, legen Blumen in die Maueröffnung, nehmen sich einen Moment, verabschieden sich stillschweigend, treten zurück. Pfarrer Fletschinger reicht tröstend die Hand, entfernt sich langsam. Auf dem Weg zum Ausgang kommt der Bruder des Verstorben, ganz in Schwarz gekleidet, mit Tränen in den Augen, auf ihn zu. Er bedankt sich für das Trauergespräch und die tröstenden Worte: „Das war wirklich schön. Sehr schön. Hat mir richtig gutgetan. Würde es mehr Menschen wie sie geben… dann wäre ich nicht aus der Kirche ausgetreten.“

Der Bruder des Verstorbenen ist kein Einzelfall. Der Trend der Austritte aus der katholischen Kirche in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. So wurde im Rahmen der Kirchenstatistik der deutschen Bischofskonferenz (DKB) im Jahr 2021 eine Austrittszahl von 359.338 verzeichnet. 2019 verließen circa 270.000 Menschen die Kirche. Doch nicht nur in Deutschland verliert die Institution Kirche ihre Mitglieder. Auch in Österreich häufen sich die Austritte. Nach Einschätzung von Pfarrer Fletschinger wird sich dieser Trend in Europa fortsetzen: „In Polen, das ja ein sehr katholisches Land ist, wird die Entwicklung jetzt ultraschnell laufen. Die Kirche schießt sich da auf einen sehr rechtsnationalen Kurs ein. Jeder der halbwegs gebildet ist,  sagt allmählich: ‚Ich find Kirche grundsätzlich gut, aber was sie verbreitet, trage ich nicht mehr mit.‘ In Italien ist das unter anderen Bedingungen ähnlich.“ Aber auch international steht die katholische Kirche nicht mehr so stabil da, so Fletschinger. „In Südamerika verliert die katholische Kirche zurzeit viele Menschen an Freikirchen, die Geld, Wohlstand und Schönheit versprechen. In den USA gibt es eine ganz komische Form von katholischer Kirche, die immer stärker von konservativen Kräften geprägt wird. Die stellen sich auch offen gegen den Papst. Mich wundert es nicht, wenn der Durchschnittsamerikaner da nicht mitmacht.“ 

Der Verlust von Bedeutung und Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche hält Pfarrer Fletschinger nicht davon ab, seinem Beruf nachzugehen. „Für mich gibt es keinen besseren Job. Trotz aller Schwierigkeiten mit der Kirche und der Lebensform, empfinde ich es als Privileg, so nah an Menschen dran zu sein in besonderen Situationen, emotionalen Momenten. Ich sehe, was andere sonst nicht so sehen und bin froh, dann etwas Gutes tun zu können.“

Als junger Pfarrer gegen den Trend

Pfarrer Fletschinger entspricht vermutlich eher weniger der Vorstellung, die der Großteil der Bevölkerung von einem Pfarrer der katholischen Kirche hat. 39 Jahre alt, Sneaker, Man Bun, sportlich unterwegs. Seit einem Jahr leitet er als Hauptamtlicher die Seelsorgeeinheit Karlsruhe Südwest und übernimmt in Kürze zusätzlich die Leitung der Katholischen Hochschulgemeinde Karlsruhe. Das öffentliche Ansehen der Kirche geht auch an ihm nicht spurlos vorbei: „Mir liegt die Kirche sehr am Herzen, deshalb beschäftige ich mich mit ihr, lese vieles, verfolge die medialen Diskussionen. Ich leide darunter, dass wir uns schlecht verkaufen und in vielen Punkten kritikwürdig dastehen.“ 

Eine Idealvorstellung von Kirche beinhaltet für Pfarrer Fletschinger, als Gemeinschaft das Leben vor Gott zu bringen.
Pfarrer Fletschinger: „Damit jeder ein vernünftiges Umfeld hat, indem er arbeiten kann, braucht es gute Gespräche, Aufmerksamkeit und Wertschätzung.“
„Für die Kirche geht es nicht darum, sich anpassen, sondern das Evangelium immer neu verstehen. Das muss sie ohne Frage“, sagt Pfarrer Fletschinger.

#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst

Der Besprechungsraum des Pfarrhauses wirkt im Gegensatz zu Pfarrer Fletschingers Büro geradezu schlicht. Ein großer Tisch mit blauer Tischdecke. Darauf eine weiße Kerze. Die Wände weiß, in der Ecke hängt ein Jesus aus dunklem Holz in typischer Kreuzhaltung. Blaugemusterte Vorhänge, ein Flipchart und ein großes Bücherregal ergänzen die Einrichtung. 

Pfarrer Fletschingers Büro sprüht vor Farbe. Bücherregale, gefüllt mit Unmengen an Büchern in den unterschiedlichsten Farben. Eine Karikatur an der Wand. Bunte Vorhänge, bunte Bilder an der Wand und ein bunter Aufkleber auf seinem Terminkalender. Eine Mitra in Regenbogenfarben, darunter das Wort: „Change“. 

Für Pfarrer Fletschinger haben alle Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde. Die Sexualität spielt dabei keine Rolle.
Das Besprechungszimmer im Pfarrhaus.

Im Januar 2022 erschütterte die katholische Kirche das Outing von Pfarrern, Theolog*innen, Gemeindereferent*innen, Pastoralreferent*innen, Religionslehrer*innen und vielen mehr. Auslöser dafür war die TV-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“. Jahrelang hatten Angehörige der LGBTQIA+-Community geschwiegen, die im Dienst der Kirche standen oder ehrenamtlich in der Kirche mitwirkten. Dieses Schweigen wurde gebrochen.

Die Erzdiözese Freiburg antwortete unter dem Motto „KatholischOhneAngst“ mit einer Solidaritätserklärung auf #OutInChurch. Zu den Initiatoren gehört Pfarrer Fletschinger nicht. Früh wurde er aber gefragt, ob er bereit sei, sich zu solidarisieren. „Da hab ich gleich gesagt, dass mache ich, weil ich es richtig finde“, erzählt Pfarrer Fletschinger. Seiner Meinung nach habe die Kirche den Fokus zu sehr auf Themen rund um Sexualität gelegt. „Das ist nicht das Evangelium. Beim Thema Glaube geht es darum, wie ich die Welt betrachte, Menschen und das Leben.“ Durch den normativen Ansatz von Mann und Frau und die Ehe habe die Kirche viele Menschen ausgeschlossen. „Das ist nicht in Ordnung und vor allem auch ethisch nicht richtig“, findet Pfarrer Fletschinger. Er sieht in diesem Bereich eine Lernbereitschaft der Kirche. Er erzählt, dass viele Kirchengemeinden Regenbogenfahnen aufgehängt haben. Er in seiner Gemeinde auch. 

Außerdem wird das Arbeitsrecht in Teilen gelockert und für queere Menschen angepasst. Auch die gleichgeschlechtliche Ehe hält Pfarrer Fletschinger für möglich in der Zukunft. 

Missbrauchsvorwürfe

Die Missbrauchsgeschichte der römisch-katholischen Kirche in Deutschland begann nicht erst 2022 mit dem Bekanntwerden des Missbrauchs von Jugendlichen und Kindern durch Amtsträger. Bereits 2010 wurde der Missbrauch von Schülern des Berliner Jesuiten-Gymnasiums „Canisius-Kolleg“ öffentlich. 

Wir haben ein enormes System und eine Kultur etabliert, die gegen den Missbrauch wirkt.

Marius Fletschinger

Mit dem Bekanntwerden des Missbrauchs hat das Ansehen der Kirche angefangen, sich zu wandeln, so Pfarrer Fletschinger. „Das öffentliche Bild der Kirche: Sie sind zwar alle ein bisschen komisch, aber sie tun Gutes - war nicht mehr glaubhaft. Stattdessen sind wir jetzt komisch und wir missbrauchen Kinder.“ Für die Kirche als eine ethische Gruppierung sei es tödlich, aus ethischen Gründen abgelehnt zu werden.

Dabei sei die Kirche seit 2010 einen weiten Weg gegangen. Die Reaktion der Institution auf den Missbrauch und weitere Vertuschungen seien für einen Fortschritt nicht förderlich gewesen. Mittlerweile sei das Level der Prävention aber mit keiner anderen Institution in der Größenordnung zu vergleichen. „Wir haben ein enormes System und eine Kultur etabliert, die gegen den Missbrauch wirkt. Als Hauptamtliche müssen wir eine 21-seitige Dokumentation unterschreiben, wie wir arbeiten.“ Pfarrer Fletschinger deutet mit seinen Fingern den Umfang des Dokuments an. „In allen Gemeinderäumen wird eine Risikoanalyse durchgeführt. Ehrenamtliche müssen einen Ehrenkodex unterschreiben. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, muss eine verpflichtende Schulung durchlaufen.“ Es gehe darum, eine Kultur der Aufmerksamkeit zu schaffen und Dunkelfelder zu eliminieren, in denen Missbrauch überhaupt entstehen kann. 

Der Zölibat

Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen steht für viele Menschen in Deutschland der Zölibat. „Studien dazu sagen, dass der Zölibat nicht der Auslöser für den Missbrauch ist. Das macht auch Sinn! Nur, weil ich keine Frau habe, fange ich nicht an, mich an Kindern zu vergreifen“, setzt Pfarrer Fletschinger energisch entgegen. Eine zölibatäre Lebensform könne aber mit dazu beitragen, eine bereits schlechte Situation oder Verfassung zu festige. Auf seinem Weg zum Priester hat Pfarrer Fletschinger sich mit der zölibatären Lebensform auseinandergesetzt und dabei beeindruckende Leute kennengelernt. „Die Mönche von Münsterschwarzach leben in ihren Klostermauern, aber die kriegen was mit von der Welt, wissen, was los ist, was wir uns für Fragen stellen. Die können lachen und sind innerlich frei.“ Während seines Theologiestudiums verliebte Pfarrer Fletschinger sich sehr intensiv. „Ich musste mich entscheiden, will ich meinen Weg trotzdem weitergehen? Vor diese Entscheidung gestellt, habe ich gemerkt, dass ich zwar verliebt bin, aber trotzdem diesen Weg weitergehen will.“

Laut einer Erhebung des Spiegels 2021 gaben 84 Prozent der Katholiken an, einer Aufhebung des Zölibats zuzustimmen. Pfarrer Fletschinger spricht sich für eine Aufhebung des Pflichtzölibats aus: „Ich bin überzeugt, dass der Zölibat nicht der einzige Weg ist, wie die Kirche leben kann.“

Priestermangel – eine Existenzfrage?

Allerdings würde sich durch die Aufhebung des Zölibats nicht unbedingt etwas in der Nachwuchsproblematik der Kirche ändern. „Die Kirche ist in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem ein uncooler Laden mit ethisch fragwürdigen Figuren“, so Pfarrer Fletschinger. Seit 1997 sinkt die Zahl der Priester in Deutschland. Während 2001 noch 16.988 Priester im Amt waren, liegt die Zahl 2021 bei 12.280 Priestern. „Dieser Trend wird sich fortsetzen, da jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Man fragt sich da schon, wo führt das hin? Für die Struktur der Kirche ist es tatsächlich eine Existenzfrage.“ 


Arbeiten in der Institution Kirche?

 „Will ich für diese Kirche arbeiten?“ Diese Frage hat Pfarrer Fletschinger sich gestellt, als er für ein Jahr in Rom gelebt hat. „Das war 2007/2008.  Seither hat sie sich in ihrem öffentlichen Ansehen noch deutlicher in den Keller verabschiedet“, offenbart Pfarrer Fletschinger. „Wir müssen die Botschaft, von der wir überzeugt sind, auch immer neu verstehen und begreifen und das heißt zum Beispiel, dass alle Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde haben.“ Kirche lebe davon, dass man ihr zutraut, dass sie den Menschen guttut. „Wir müssen uns einen neuen Kredit aufbauen, in dem wir vernünftig für Leute da sind. Dann wenn sie uns brauchen können. Wir müssen glaubwürdig da sein. Ich kann davon nicht Tausende auf einmal überzeugen. Ich kann das nur bei ein paar Leuten vielleicht mit anschieben. Aber wenn ich bei einer Beerdigung oder einer anderen Feier die richtigen Worte finde, die den Leuten guttun, sie aufbauen – dann bin ich einfach dankbar. Ich fühle mich dann ganz beschenkt.“

„Ich werde zum Gottesdienst kommen“, der Bruder des Verstorbenen, tritt zurück. Pfarrer Fletschinger verabschiedet sich und geht langsam Richtung Friedhofsausgang. Der Bruder des Verstorbenen kehrt zurück zu den anderen Angehörigen. Das Schluchzen wird leiser. Allein der Neffe steht noch immer vor der Urne, schließt die Augen. Stumme Tränen laufen über seine Wangen. Dann dreht auch er sich weg und gesellt sich zur Trauergemeinde.