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Portrait
„Das Glück dieser Erde liegt inmitten der Herde“

„Eine kleine Berufung“: Hans-Dieter Wahl mit seiner Schafsherde auf der Winterweide. | Bild: Stefanie Sommer

Portrait „Das Glück dieser Erde liegt inmitten der Herde“

„Eine kleine Berufung“: Hans-Dieter Wahl mit seiner Schafsherde auf der Winterweide. | Bild: Stefanie Sommer
 

17 Aug 2022

Die Schäferei ist eines der ältesten Gewerbe der Welt. Und für Hans-Dieter Wahl der schönste Beruf, den es gibt – trotz niedrigem Gehalt und wenig Freizeit. Was für ihn zählt, sind seine Schafe, und die geruhsamen Stunden, die er jeden Tag mit ihnen auf der Weide verbringen kann.

Stefanie Sommer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
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Es ist ein kühler Wintertag in Welzheim. Hans-Dieter Wahl hält seine Nase in die frische Luft. Sein Blick schweift über die große Wiese vor ihm, auf der sich ein Meer aus weißen wolligen Vierbeinern erstreckt. Friedlich grasend ziehen die Schafe über die Weide. Ein schwarzer Hund dreht seine Runden um die Herde. Wahl brummt zufrieden. So muss es sein.

Er ist der typische Schäfer: Auf einen langen Stab, die traditionelle Schäferschippe, gestützt, wacht er über seine Tiere. Ein braun-grünes Schäferhemd schützt seine Kleidung vor Regen und Dreck, Gummistiefel und ein brauner Filzhut komplettieren den Look. Über einem grauen Vollbart funkeln inmitten von Lachfältchen wache blaue Augen. Drei kleine goldene Stecker in Form von zwei Schafen und einer Schäferschippe zieren links und rechts seine Ohrläppchen. Hans-Dieter Wahl ist Schäfer mit Leib und Seele.

Die Leidenschaft wurde ihm in die Wiege gelegt: 1966 in Welzheim bei Schwäbisch Gmünd in den Familienbetrieb hineingeboren, nahm ihn bereits sein Großvater damals zu seiner Herde mit. Nach dem Schulabschluss folgte die dreijährige Ausbildung zum Landwirt und Fleischer. Mit gerade 20 Jahren übernahm Wahl den Hof von seinem früh verstorbenen Vater. Auch wenn er sich bisher eher in der Fleischerei als auf der Weide gesehen hatte, entschied er sich für den Betrieb. Die Zotteltiere seiner Familie liegen ihm am Herzen. 800 Merino-Schafe zählt seine Herde. „Das ist Mittelmaß“, sagt Wahl bescheiden, „es gibt Schäfer, die haben über 2000“. Aber er ist zufrieden mit dem, was er hat und tut. „Und's machd oifach Schbaß“, fügt er in schwäbischer Gemütlichkeit hinzu.

Darauf kommt es an, denn reich wird man als Schäfer nicht. Würde Wahl seinen Lohn ausrechnen, käme er auf sechs bis sieben Euro pro Stunde. Doch das schert ihn nicht: „Als Landwirt darf man nicht aufs Geld achten“. Und das bei oftmals harten Arbeitsbedingungen: Wahl ist bei Wind und Wetter draußen, häufig über neun Stunden. Dafür muss man gemacht sein. Aber das Wort „Work-Life-Balance“ existiert für ihn nicht. Wenn die Tiere ihn brauchen, ist er für sie da. Sein Beruf ist sein Leben.

Gerade weil der Job so wenig Druck mit sich bringt, schätzt er ihn. Schafe hüten heißt, die Seele baumeln zu lassen. Sein Altdeutscher Hütehund Freddy sorgt dafür, dass die Herde zusammenbleibt. „Ohne den Hund wäre jeder Schäfer auf verlorenem Posten“, sagt Wahl. In den vielen Stunden, die er täglich allein auf der Weide steht, hat er Zeit, um zu entspannen und die Gedanken schweifen zu lassen. Auf dem Land fühlt er sich wohl. Besonders schön ist es im Sommer, wenn er mit seiner Herde zur Sommerweide nach Kirchheim-Teck zieht. Bei dieser Vorstellung glimmt ein kleines Lächeln in seinen Augen auf. Man erahnt einen Menschen, der mit sich und der Welt im Reinen ist.

Er kennt alle seiner 800 Schafe, kann sie anhand ihrer Gesichter unterscheiden. Wenn es einem nicht gut geht, belastet ihn das. Doch am Ende des Tages sind sie Nutztiere. Und Wahl schlachtet sie für den Verkauf des Fleisches selbst. Auf diesen Umstand ist er stolz, denn er achtet darauf, dass es seinen Tieren „in Leben und Tod gutgeht“. Diese Fürsorge erstreckt sich nicht nur auf Vier- sondern auch auf Zweibeiner. Wenn jemand aus seinem Bekanntenkreis Hilfe braucht, ist Wahl immer sofort zur Stelle. Manchmal auch auf Kosten seines eigenen Hofes.

Wahl kann alle 800 seiner sanftmütigen Schafe anhand ihrer Gesichter voneinander unterscheiden. | Bild: Unsplash

Die Sanftmütigkeit seiner Tiere findet sich auch in seinem Wesen wieder. Wahl wählt seine Worte behutsam, denkt über Aussagen nach. Die Versunkenheit eines Menschen, der sich ganz einer Aufgabe verschrieben hat, ohne jemals viel darüber reden zu müssen. Einzig wenn es um die Felle seiner Schafe geht, purzeln die Worte nur so aus dem Mund des 2. Vorsitzenden der Baden-Württembergischen Wollerzeugergemeinschaft. Es ist seine persönliche Mission, die Anerkennung für und den Verkauf von Wolle im Land sowie die regionale Wertschöpfung wieder zu steigern.

So gelassen Wahl ist, auch ihm machen einige Entwicklungen in der Branche Sorgen. Der Landesschafzuchtverband Baden-Württemberg zählt etwa 600 Mitglieder – nur 120 davon sind noch Berufsschäfer*innen wie Wahl. Und das ist nicht das einzige Problem: In leicht bitterem Ton spricht der sonst so gutmütige Wahl von zugebauten Weideflächen, aussterbenden Familienbetrieben und mangelnder Anerkennung und Unterstützung aus der Politik – sei es für die von seinen Schafen auf den Weiden betriebene Landschaftspflege oder beim Umgang mit dem Wolf, der Schäfer*innen immer mehr Probleme bringt.

Nach über neun Stunden auf der Weide kehrt Hans-Dieter Wahl abends auf seinen Hof zurück. Im Haus erwartet ihn seine Frau, die sich im Betrieb um die logistischen Angelegenheiten kümmert. „Eigentlich ist sie der Kopf hinter der ganzen Sache“, schmunzelt Wahl. Nach dem Abendessen legt er gerne die Füße hoch – zum „Chillen“. Im Hintergrund läuft SWR4. Deutsche Schlager sind seine Lieblingsmusik. Denn auch in seiner Freizeit mag er es ruhig. Am allerliebsten schläft er. Im Schäfchenzählen ist er schließlich ein Profi.