„Langfristig bestehen kann meist nur, wer eine eigene künstlerische Handschrift entwickelt.“
Stimmengewirr füllt den Raum. Freitagabend, 18.00 Uhr. Das Licht ist gedimmt und von der kleinen Bühne hallen die letzten Worte der Begrüßung von „Fusion of Arts“, eine Benefiz-Veranstaltung am Frankfurter Osthafen. An der gegenüberliegenden Bar klirren Glasflaschen, aus den Lautsprechern dröhnt ein schrilles Pfeifen. Das Mikro steht wohl zu nah an den Lautsprechern. Die Tür öffnet sich, kalte Februarluft strömt hinein ins steinige Gewölbe. Jacken rascheln, neue Gäste drängen sich durch den schmalen Gang.
Neben der Bühne wartet Feli. Ihre Hände hat sie ineinander verschränkt, die blonden Haare sind leicht zerzaust. Ein kleines Lächeln liegt ihr auf den Lippen, als sie sagt, „Ich bin gar nicht so aufgeregt. Noch ist alles gut.“ Ihr Blick strahlt Sicherheit aus, ihre Stimme ist aufgewärmt, die Texte sitzen. Jetzt reden die Menschen noch durcheinander, aber gleich werden sie ihr zuhören.
Den eigenen Sound finden
Felii mit zwei i. Diese Antwort kommt fast ganz von allein, wenn jemand sie nach ihrem Namen fragt. Denn so nennt man Felicia Hemmert, wenn die Musik im Mittelpunkt steht. Und das ist bei ihr fast immer so. In einigen Wochen veröffentlicht sie mit gerade einmal 18 Jahren ihren ersten eigenen Song, auf Spotify und anderen Musikplattformen. Dann wird aus ein paar Sätzen auf Papier auf einmal etwas, das sich jeder anhören kann.
Ein Blick zurück in ihre Kindheit zeigt, dass die Musik in Felis Leben irgendwie schon immer da war. Am Anfang war sie bloß noch keine so große Sache. „Meine Oma ist auch so eine Künstlerin. Sie malt sehr gerne und schreibt Gedichte.“, erzählt Feli. Und das ganze Musikalische ist schließlich an ihr hängen geblieben. Schon seit der ersten Klasse spielt sie Klavier, auch wenn sie die Unterrichtsstunden mittlerweile an den Nagel gehängt hat. Denn die klassischen Lieder haben ihr auf Dauer einfach keinen Spaß gemacht.
Das Resultat ihrer Begeisterung für die Musik war schließlich ein Weihnachts-Song für die Familie, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester geschrieben hat. Eigentlich eine Notlösung, denn es fehlte den beiden noch an einem Geschenk. Für Feli war das jedoch erst der Anfang.
Es folgten Songwriting-Camps von MAINPOP, die Popularmusikförderung des Bezirks Unterfranken. In verschiedenen Workshops schrieb Feli gemeinsam mit anderen Musikbegeisterten Songs und probte selbst geschriebene Stücke in neu zusammengestellten Bands. Im Jahr darauf besuchte sie das FLINTA*-Band-Camp, das sich explizit an weiblich gelesene Musiker*innen richtete. Dort griff sie erstmals zur E-Gitarre. Und sie blieb dabei. Ihre Texte schrieb sie zunächst auf Englisch. Dann hieß es, sie solle es doch auch einmal auf Deutsch versuchen. Heute sagt Feli ganz klar: „Wenn ich meine Songs auf Deutsch schreibe, kann ich mich einfach viel besser ausdrücken.“
Kurz darauf geht Feli für ein Auslandsjahr in die USA. Ihre Gastfamilie ist musikalisch, im Haus stehen Klavier und Gitarren. In der Highschool spielt sie in Jazz-Bands, im Orchester, probiert sich weiter aus. Musik ist dort nicht nur ihr Hobby, sondern gehört zum Alltag. Als sie zurück nach Deutschland kommt, bringt sie neue Eindrücke und noch mehr musikalische Sicherheit mit nach Hause.
Dann die Überraschung, diese eine Nachricht auf ihrem Handy. Ob sie sich vorstellen könne, in einer Band mitzuspielen – als Bassistin. Der Kontakt entstand durch eines der MAINPOP Band-Camps. Feli hatte bis dahin nie Bass gespielt. Trotzdem sagte sie zu. Heute steht sie deshalb nicht immer nur alleine, sondern auch mit ihrer Band „Klub Kowolski“ auf der Bühne.
Hauptrolle, Szene 2.14, Take 1
Es ist Anfang Januar, das neue Jahr ist erst wenige Tage alt. Heute dreht Feli ihr erstes Musikvideo. In etwas mehr als einem Monat soll ihre erste Single „Hauptrolle“ erscheinen. Der Tag bringt für Feli bereits früh einige Herausforderungen mit sich. Die geplante Bahn aus Würzburg ist ausgefallen, die Ersatz-Verbindung sorgt für Zeitdruck. Und dann auch noch Performance auf Knopfdruck. Auf einmal sitzt Feli nicht mehr in ihrem Zimmer und tippt ihre Songtexte in ihr Smartphone. Stattdessen verbringt sie den Tag mit Freundinnen in einer kleinen Kneipe in der Mainzer Altstadt. Ihr Song dringt dabei in Dauerschleife aus einem kleinen Lautsprecher. Immer wieder von vorne. Bis alle Szenen im Kasten sind. Die Kamera ist immer auf sie gerichtet. „Für euch ist es ja mega einfach, aber ich muss todernst bleiben. Ich darf nicht mit euch lachen!“, scherzt Feli.
Spielkarten fliegen auf den Tisch, ein alter Cam-Corder piept. Die Aufnahme startet. Verschiedene Szenen, verschiedene Perspektiven, immer der gleiche Text im Kopf. Jemand schlägt die Klappe nach unten. Plastik knallt auf Plastik. Hauptrolle, Szene 2.14, Take 1.
Die urige Kneipe ist abgedunkelt, das Filmlicht scheint von oben auf die Szene herab. Die ersten Töne klingen aus dem Lautsprecher und Feli bewegt ihre Lippen zur Musik. Aus dem hinteren Teil der Kneipe hört man ein lautes Rufen: „Mehr lachen! Ihr habt Spaß!“ Alena, Felis Managerin und gleichzeitig auch Regisseurin des Musikvideos, weiß ganz genau, welches Ergebnis sie am Ende des Drehs haben möchte. Sie hält das Drehbuch in der Hand, ihr Blick geht immer wieder kurz nach unten. Die Anweisungen sind klar: „Feli, nicht lachen! Du bist in Gedanken. Nicht so richtig anwesend.“ Gerade spielt sich um Feli herum ein lustiger Bar-Abend unter Freundinnen ab. Sie selbst ist dabei außen vor, wie in Trance. Nicht ganz bei der Sache. „Hauptrolle im eigenen Film verpasst“, klingt ihre Stimme aus dem kleinen Lautsprecher.
Knapp 4 Stunden geht der Dreh in der Kneipe insgesamt. Kleine Pausen für Snacks und Tratsch gehören auch dazu. Für Feli ist das alles neu, aber ihre Aufregung spürt man nur kurz, ganz am Anfang. Denn sobald die Kamera auf sie zeigt, ist sie im Tunnel. Fokussiert. Im Anschluss wird noch kurz Promo gedreht. Die Straßen der Mainzer Altstadt eignen sich gut für ein paar Videos mit dem TikTok-Sound ihrer Single.
Schwimmen im Haifischbecken
Wie schwierig in der heutigen Zeit ein Durchbruch für junge Künstler*innen ist, erlebt auch Benjamin Haupt immer wieder. Als Popularmusikbeauftragter des Bezirks Unterfranken ist er Teil von MAINPOP, der Pop-Förderstelle des Bezirks. Dort, wo auch Feli ihre ersten musikalischen Schritte machte, geht es darum, Musikschaffende zu stärken, zu vernetzen und durch Beratung, Zuschüsse und Workshops gezielt zu fördern.
Laut ihm war es noch nie einfacher als heute, eigene Musik zu produzieren und zu veröffentlichen. Gleichzeitig war es nie schwieriger, aus der Masse herauszuragen. "Langfristig bestehen kann meist nur, wer eine eigene künstlerische Handschrift entwickelt.", sagt er. Täglich werden rund 100.000 neue Songs auf Streaming-Plattformen hochgeladen. Wer langfristig bestehen will, der braucht Ausdauer. Und Songs mit Wiedererkennungswert. Eine eigene Handschrift. Der Popularmusikbeauftragte beobachtet in seinen Beratungsgesprächen, dass sich der Fokus vieler junger Künstler*innen in den letzten Jahren stark verschoben hat. Für viele besonders wichtig: viral gehen. Denn das verspreche einen schnellen Durchbruch. Laut Benjamin Haupt sei der schnelle Hype jedoch selten nachhaltig.
Für Feli bedeutet das: Sie bewegt sich in einem riesengroßen Haifischbecken. Am Ende des Tages muss sie ihren eigenen Weg hindurch finden.
Zwischen Abiturstress und Bühne
Während bei Feli immer neue Songs entstehen, rückt auch das Abitur immer näher. Schule und Musik laufen nebeneinanderher. Ein großer Vorteil: Felis Kurzzeitgedächtnis ist gut. Viel lernen muss sie nicht, die Noten stimmen trotzdem. In der zweiten Pfingstferienwoche steht wieder ein Camp an, doch dieses Jahr könnte das mündliche Abitur dazwischenkommen. Absagen kommt für sie trotzdem nicht infrage. Denn dafür bedeutet ihr die Musik inzwischen zu viel. Auch wenn ihre Eltern den Weg kritischer sehen, will Feli ihren Traum auch nach dem Abitur weiter verfolgen. Die Unterstützung ihrer Eltern hat sie dabei dennoch sicher.
Der Plan für die Zeit nach dem Abitur führt nach Berlin. Feli hat sich bei einer Musikakademie beworben und denkt über einen Bundesfreiwilligendienst nach. Und falls das nicht klappt, bleibt immer noch ein Mini-Job in der Hauptstadt. Hauptsache nah an der Musik. Aber was ist, wenn ihre erste Single nicht gut läuft? Dann wird sie trotzdem weitermachen, das steht fest. „Ich hab ja auch schon andere Songs produziert.“ meint sie stolz. Doch die Musik bringt auch manche Probleme mit sich. „Es ist schon auch eine Geldsache“, sagt Feli. Und manchmal ist da auch die Sorge, dass es vielleicht doch nicht größer wird. Trotzdem will sie weitermachen, denn der Traum von der Musik ist für sie noch lange nicht ausgeträumt.
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Am heutigen Abend wird Feli nicht nur „Hauptrolle“, sondern auch einige andere Songs spielen. Gegen 19 Uhr darf sie schließlich auf die Bühne. Von Lampenfieber ist keine Spur. Sie hält das Mikro fest in der Hand. „Ihr könnt gerne alle ein bisschen hier nach vorne kommen.“, sagt sie und schaut in die Menge an Menschen, die im Raum verteilt stehen. Alles wirkt bei ihr so selbstverständlich. Fast so, als hätte Feli noch nie etwas anderes gemacht, als auf der Bühne zu stehen.
Felis Texte handeln von Unsicherheiten, Alltagsproblemen oder vom Erwachsen-Werden. Einige Freund*innen und Familienmitglieder sind beim Auftritt dabei und unterstützen sie an diesem Abend. Ihre Refrains singen sie natürlich immer mit. Und das Beste kommt zum Schluss: die Release-Ankündigung von „Hauptrolle“. Feli strahlt in die Menge und die Menschen applaudieren. Nur für sie. Dann setzt erneut die Melodie ein. Es ist ihr letzter Song an diesem Abend und gleichzeitig markiert er den Beginn eines neuen Kapitels ihrer Karriere.
Vielleicht hat sie doch nicht die Hauptrolle im eigenen Film verpasst, sondern ist gerade mittendrin.
Die Autorin des Textes ist mit Felis Managerin, Alena Schumeckers, befreundet. Der Kontakt zu Feli entstand dadurch bereits vor dem Schreiben der Reportage. Somit durfte die Autorin beim Dreh des Musikvideos nicht nur dabei sein, sondern auch aktiv darin mitspielen. Auch bei der erwähnten Benefiz-Veranstaltung "Fusion of Arts" handelt es sich um ein Uni-Projekt der Freundin.