„So hat es schon mal angefangen.“
Draußen ist Krieg – aber wie siehts drinnen aus?
Der Bass dröhnt in meinen Ohren, die Luft ist aufgebraucht. Der grelle, rot-orangene Scheinwerfer blendet mich seit Stunden. Es ist Ende Juni im Scala Ludwigsburg, zweite Reihe, Club Tour der deutschen Indie-Band Provinz. Die vier Jungs aus Vogt bei Ravensburg stehen im schummrigen Licht, das Konzert ist restlos ausverkauft. Sie singen einen Song aus dem neuesten Album. Die erste Line prallt von den Wänden ab und trifft mich direkt in der Brust: „Draußen ist Krieg, du schließt die Augen, bis du gar nichts mehr siehst.“ Und plötzlich fühlt es sich an, als würden wir die Zeile füreinander festhalten, damit sie niemand allein tragen muss.
Augen zu, Welt aus
Die Augen schließen vor dem, was da draußen los ist. Das mache ich gern. Denn zwischen all den kleinen großen Lebenskrisen und dem Stress im Studium bleibt kaum Energie für den Rest der Welt. Und dann schalte ich ausnahmsweise mal den Fernseher ein – und sofort wieder aus. Die Jungs fragen in ihrem Song: „Hörst du die Nachrichten schreien?“ Ich denke mir sofort: Ja man, zu laut sogar. Der Krisen-Overload-Modus ist aktiviert. Ich ertrag das alles nicht.
Aber Stopp: Ist es nicht egoistisch von mir, mich zu beschweren? Wenn ich mal ganz ehrlich bin, dann geht’s mir doch eigentlich ziemlich gut. Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch und jeden Morgen aufstehen, um in die Uni zu fahren. Wenn die einzigen Probleme im Leben die überfüllten Wochenendpläne sind, darf ich dann überhaupt meckern und die Augen vor dem Trubel da draußen verschließen?
Egal, wie fest wir die Augen zusammenkneifen: Wir kriegen am Ende doch trotzdem alles mit. Das endlose Scrollen auf dem Smartphone hört niemals auf. „Dschungelcamp und TikTok-Hype, Kopf in Wolken, Kopf in Sand“, genau dieses Nebeneinander aus Ablenkung und Wegsehen beschreibt der Song. Ganz egal, ob flackernde, halb-defekte Nachrichtentafeln im Bus oder zerknitterte Zeitungsausgaben vom Vortag im Späti. Niemand kann behaupten, nicht zu wissen, wie chaotisch unsere Welt gerade ist. Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem. Wir wissen’s – und können’s trotzdem nicht ertragen.
Haben wir nichts gelernt?
Eigentlich ist uns allen klar, was abgeht. Augen vor der Realität zu verschließen klappt längst nicht mehr so gut wie früher, als wir noch Kinder waren. Wir sind älter geworden.
Ein einziger Blick auf die Nachrichten reicht schon: Kriege, die kein Ende nehmen. Hungersnöte, die sich verschärfen. Und die Wahlergebnisse im eigenen Land, die uns Angst machen. Man möchte meinen, wir hätten alle in der Schule den Geschichtsunterricht besucht, aber manche waren wohl doch Kreide holen.
Diese Nachrichten erreichen uns überall und zu jeder Zeit. Und das, was da direkt vor meinen Augen passiert, verschwindet nicht, nur weil ich sie schließe. Das bringt ja auch nichts. Ich finde sogar, das ist das Dümmste, was ich jetzt tun könnte. Denn das hier geht uns alle etwas an.
Deshalb muss ich mir hier eben zusammen mit den Jungs und Hunderten fremden Menschen meine Sorgen von der Seele schreien.
Also, zurück ins Scala. Die letzte Line des Songs hallt durch die Reihen: „Ja, aber draußen ist Krieg.“ Und das stimmt. Die Welt brennt, Menschen verhungern, ganze Völker werden ausgelöscht. Und ich bin hier. Stickige Halle, Schweißgeruch, Arm in Arm mit meiner Mitbewohnerin auf dem Konzert unserer Lieblingsband. Und gemeinsam denken wir daran, wie sehr uns dieser Nachrichtennebel auf die Nerven geht. Aber Nachrichten sind wichtig. Auch dann, wenn sie wehtun und uns zur Weißglut bringen. Nicht, weil wir alles ertragen müssen, sondern weil Wegsehen doch auch nichts verändert.
Denn ich glaube, dass wir alle damit aufhören sollten, unsere Augen vor den Problemen da draußen zu verschließen.
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind: