Female Rage: Written by a man vs. written by a woman
Um zu verstehen, warum Wut dringend ins Gefühlsrepertoire weiblicher Filmcharaktere gehört, muss ihre aktuelle Darstellung betrachtet werden. Denn Frauen sind massiv unterrepräsentiert. Zweimal so viele Männer besitzen in populären Filmen eine Sprechrolle. Schockierend schließlich machen Frauen die Hälfte der Gesellschaft aus. Bereits das Kinderfernsehen legt den sexistischen Grundstein dafür. Dort ist nur jede vierte Figur weiblich. Wenig überraschend korreliert häufiges Fernsehen bei Kindern mit stereotypen Vorstellungen.
Zudem erfüllen sämtliche Filme typische Klischeebilder über Frauen. Betrachtet man etwa Bree Van de Kamp zu Beginn von Desperate Housewives: makelloses Haar, stets lächelnd – stets bemüht, ihre Rolle als Mutter und Hausfrau perfekt auszuüben. Ein gänzlich anderes Klischeebild – aber mindestens genauso präsent – zeigt Naomi Lapaglia aus The Wolf of Wall Street. Groß, blond, wenig Tiefgang – das perfekte Sexsymbol. Tatsächlich belegen diverse Studien ein klares Bild. Sexualisierung weiblicher Charaktere ist stets an der Tagesordnung: durch aufreizende Kleidung, Nacktheit oder extreme Schönheitsideale. Zudem bleibt die Frau im Film meist passiv, der Mann handelt. Häufig beschränken sich auch Berufe auf weiblich konnotierte Aufgabenfelder. Karrieren wie Recht, Medizin oder auch Lehre bleiben männerdominiert.
Stereotype Frauenrollen: Sind Männer schuld?
Der Internettrend „Written by a woman vs. written by a man“ vergleicht, wie Figuren, Situationen oder Gefühle je nach Perspektive der Autor*innen dargestellt werden. Frauen wird ein komplexer, emotionaler Schreibstil zugeschrieben, Männern ein oberflächlicher. Aber wie viel ist da eigentlich dran? Tatsächlich führen laut Studien mehr weibliche Medienschaffende zu größerer und vielfältigerer weiblicher Repräsentation. Dennoch ist der Trend eine Vereinfachung. Nicht alle Männer kreieren simple Frauenfiguren. Ebenso bereichern diverse komplexe Frauenfiguren die Kinoleinwände weltweit. Mit dem Aufkommen der feministischen Filmtheorie (1970) gibt es jedoch Kritik am sogenannten „Male Gaze“, also dem männlichen Blick, aus dessen Sicht das Filmgeschehen häufig gezeigt wird und an den es sich vor allem richtet. Der Trend ist also ein berechtigter Ausdruck von Frustration über eine überwiegend männliche Perspektive in Filmen.
Female Rage – Wut als Reclaiming weiblicher Emotionen
Das Genre „Female Rage“ bricht bewusst aus der stereotypen Vorstellung der passiven, hinnehmenden Frau aus. Wo Frauen oft klein gehalten werden, ihr Ärger unter den Tisch gekehrt oder in Trauer verwandelt wird, ist Wut ein Akt des Empowerments. Die oftmals stille Frau wird in diesem Genre laut. Sie nimmt bewusst Raum ein. Es gilt Unabhängigkeit statt Anpassung. Etwa Susanna Kaysen aus Girl Interrupted ist hierfür ein gutes Beispiel. Susanna ist eine junge Frau, die nach einem Suizidversuch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Sie bittet nicht um Gehör, sie nimmt es sich. Aufbrausend, schlagfertig und kompromisslos kontert sie Dr. Melvins Diagnose mit präziser Wut – jedes Wort ein Widerstand dagegen, von ihm definiert zu werden. Auch Amy Dunne aus Gone Girl ist ein Paradebeispiel kalkulierter und vor allem aktiver weiblicher Wut. Nach außen verkörpert Amy die perfekte Ehefrau, innerlich ist sie jedoch von Enttäuschung und Kontrollverslust geprägt. Bis ins kleinste Detail hat sie den Rachefeldzug gegen ihren Mann geplant. Ein Ausbruch aus der Passivität kann außerdem sexueller Objektifizierung entgegenwirken. Die Frau wird nicht länger bloß betrachtet oder bewertet, sie wird selbst zur handelnden Instanz. Indem sie Entscheidungen trifft, Grenzen setzt und ins Geschehen eingreift, verschiebt sich der Blick: weg vom Objekt, hin zum Subjekt. Das ist wichtig, denn filmische Darstellungen haben großen Einfluss auf Selbst- und Fremdwahrnehmung der Frau. Wenn weibliche Wut sichtbar wird, wird sie gesellschaftlich verhandelbar. Eine filmische Darstellung kann gesellschaftliche Neubewertung unterstützen und Geschlechtergleichstellung stärken.
„Female Rage“ ist also kein überdrehter Internettrend, sondern eine überfällige Korrektur. Solange Frauen in Geschichten vor allem schön, leise und angepasst sein sollen, bleibt Wut ein Akt des Widerstands. Genau deshalb brauchen wir mehr davon.
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