Am Ziel angekommen: Student Justin nach 790km im Stadtzentrum von Budapest, Ungarn. | Bild: Justin Kozauer

Kultur&Identität Reisen in Corona-Zeiten
Mit dem Fahrrad durch Europa

Am Ziel angekommen: Student Justin nach 790km im Stadtzentrum von Budapest, Ungarn. | Bild: Justin Kozauer

25 Jul 2020

Annullierte Flüge und von Touristenmassen keine Spur mehr. Aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie sind viele Reisepläne ins Wasser gefallen. Auch bei Justin (22) war das der Fall. Anstatt sich darüber zu ärgern, überlegte er sich eine Alternative – und so begann sein Abenteuer.

Lisa Pham

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019

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Durch die Ausbreitung des Coronavirus sind Reisende dieses Jahr massiv eingeschränkt. Wie hast du dich gefühlt, als du gemerkt hast, Reisen wird dieses Jahr nicht so möglich sein?
Ich habe mich echt auf meine Reisepläne gefreut, es war schon schade. Ich wollte trotzdem nicht die ganze Zeit zuhause hocken. Als dann die Grenzen langsam wieder geöffnet haben, hab‘ ich mir gedacht, „Warum nicht?“ Hab‘ ja grad eh nicht viel zu tun. Also bin ich drei Tage, nachdem ich auf die Idee kam, schon mit dem Rad losgefahren.

Drei Tage?!
(lacht) Ja, und dann war ich schon weg. Wäre ich in der Zeit nicht noch umgezogen, wäre ich auch schon früher los! Mein Dad macht auch öfter sowas. Wenn der das kann, kann ich das auch!

Also hat dich dein Dad dazu inspiriert.
Nicht nur. Ich habe schon mehrere Leute getroffen, die sowas gemacht haben. Das klang ganz cool. Eigentlich fahre ich nicht so oft Fahrrad. Aber ich habe mir vorgestellt, was es für ein unglaubliches Gefühl sein muss, wenn man am Ziel ankommt! Du hast nur eine Mission, ein Ziel. 

Dein Dad war von der Idee bestimmt begeistert.
Mein Dad hat es natürlich unterstützt, meine Schwester auch. Und meine Freunde sind solch spontane, verrückten Aktionen von mir gewohnt. Auch wenn sie das echt krass fanden. 

Hast du die Reise wegen den aktuellen Reiseeinschränkungen durch Corona gemacht?
Ich hatte eine Radreise schon länger im Kopf. Aber ohne Corona wäre es sicher nicht zu dieser Reise gekommen. Während der Quarantäne hat man nicht mehr so viel machen können, ich war nur zuhause. Deshalb habe ich mich darauf gefreut, wegzukommen. Das Abenteuer zu starten. Wieder etwas zu erleben.

Welche Vorstellungen hattest du vor deiner Reise? 
Ich habe eigentlich nicht viel drüber nachgedacht. Ich habe jetzt nicht gedacht, soll ich’s wirklich machen? Der Entschluss stand für mich fest. Vielleicht, dass der Sitz unbequem wird und mein Hintern wehtut (lacht). Aber sonst? Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall nehme ich einfach den nächsten Zug zurück.
 

Von Ingolstadt nach Budapest: 790 Kilometer in acht Tagen.

Was waren deine persönlichen Highlights auf der Reise? 
Es waren eher so die kleinen Momente wie eine Pause machen oder irgendwo gutes Essen kriegen. Die waren einfach schön. Wenn abends die Sonne langsam unterging, während ich an den Feldern vorbeigefahren bin… Oder zu wissen, man kommt gleich an und hat eine Dusche. Ich habe deshalb in den Nächten auf Campingplätzen gezeltet. Eine Dusche ist Gold wert! Nach so einem Tag willst du nichts anderes als eine Dusche und dann bist du glücklich. 

War Corona während deiner Reise ein Thema? 
Von Corona habe ich nicht so viel mitbekommen. Erstmal habe ich nicht so viele Leute getroffen. Es war nur verwirrend. In Österreich hat man zu der Zeit keine Maske mehr in den Geschäften gebraucht und das war wieder so ungewohnt. Generell war das aber kein Thema. Man hat mal von der Pandemie abschalten können.

Du warst ganz allein unterwegs, immer mitten im Nirgendwo. Wie wichtig war das Handy? 
Ich habe mit dem Handy navigiert, daher war das schon wichtig. Und es wird schnell langweilig, wenn man den ganzen Tag nur Fahrrad fährt. Ich habe währenddessen immer Musik gehört. Und auf Snapchat habe ich ein paar Videos an meine Freunde geschickt und denen erzählt, wo ich gerade bin, wie es mir geht und was ich gerade mache. So habe ich Kontakt zur Außenwelt gehalten. Dadurch habe ich mich nicht einsam gefühlt. Ich würde aber behaupten, dass ich es auch ohne Handy geschafft hätte.

Gab es Momente, wo du aufgeben wolltest? 
Ich habe nie an mir gezweifelt. Ich habe nie gedacht, dass ich es nicht schaffe. Aber die letzte Strecke zwischen Bratislava und Budapest war am härtesten, weil es keine richtigen Wege mehr gab und man auf der Straße fahren musste. Das war auch nicht mehr witzig! Ich hatte teilweise Angst, von einem LKW überfahren zu werden. Es wurde kilometerlang immer steiler und die Sonne hat runtergeknallt ohne Ende. Und das Navi lag auch nicht immer richtig. Dann wurden mir Wege angezeigt, die gar keine sind und ich musste mich dann irgendwie durchschlagen. Aber ich hab‘s angefangen und ich hab‘s bis zum bitteren Ende durchgezogen.

Das klingt aber ziemlich gefährlich.
Das stimmt, aber das hat mich nur in meinem Vorhaben bestärkt. So nach dem Motto „jetzt erst recht“. So kurz vor’m Ziel wollte ich nicht aufgeben. Die Strecke vorher mit 50km/h die Berge runter zu brettern war nicht weniger gefährlich! Besonders nicht mit so viel Gepäck. Da war Bremsen auch eher schwierig.

Welchen emotionalen Wert hat das Fahrrad jetzt nun für dich?
Das Fahrrad habe ich schon, seitdem ich 16 bin. Nichts Besonderes, hab' ich mir gedacht. Aber während der Reise habe ich gemerkt, wie genial mein Fahrrad doch ist. Als ich in Bratislava angekommen bin, nachdem ich schon Österreich überquert hab, kam mir ein Gedanke. „Jetzt bin ich so weit mit dem Fahrrad gekommen und es hat noch keinen Namen; es hat einen Namen verdient." Über eine Instagram-Umfrage habe ich die Leute gefragt, wie ich es nennen sollte: „Dora the Explorer“. Ich habe so viel mit Dora durchgemacht, da ist sie mir schon sehr ans Herz gewachsen. 

Justins bescheidenes Transportmittel: sein Fahrrad, auch „Dora the Explorer“ genannt. | Bild: Justin Kozauer
Nachts hat Justin immer auf Campingplätzen übernachtet. | Bild: Justin Kozauer
Was Justin auf seiner langen Strecke gesehen hat? Hauptsächlich Felder. Dafür viele, schöne Sonnenuntergänge. | Bild: Justin Kozauer
Der letzte große Stopp vor dem Ziel: Bratislava, Slowakei. | Bild: Justin Kozauer
Geschafft! Nach acht Tagen voller Anstrengungen und 790km ist Justin in Budapest angekommen. | Bild: Justin Kozauer
Nach mehreren Tagen Aufenthalt in Budapest geht es wieder zurück nach Deutschland; diesmal mit Bus und Bahn. | Bild: Justin Kozauer

Was hat dir besonders Halt gegeben?
Ich fand’s cool, meine Freunde durch die Mini-Vlogs quasi mit auf die Reise zu nehmen. Jeder hat‘s gefeiert. Ich habe grad in den letzten Tagen viel Zuspruch bekommen, wo es sehr hart war. Da haben meine Freunde gesagt „Komm schon, die letzten Meter schaffst du jetzt auch noch. Du bist so gut wie da.“ Das hat mich schon motiviert.

Wie sind deine Reisepläne für die Zukunft?  
Während ich an der Donau entlanggefahren bin, kam mir der Gedanke, man könnte mit dem Kanu die Donau runter fahren bis ans Schwarze Meer. Das fände ich cool. 
Mein Traum ist es aber, und den habe ich auch schon länger, mit dem Fahrrad nach Gibraltar zu fahren. An den südlichsten Punkt Europas, so nah an Afrika dran.

Rückblickend: War es das wert?
Mir hat es gefallen, so abenteuermäßig unterwegs zu sein. Ich habe es mir schwieriger vorgestellt. Nicht, dass es jetzt super einfach war, aber es war auch nicht unmöglich. Es ist mehr eine Kopfsache. Wenn du irgendwo ankommen willst, kommst du auch an. Es war eine coole Erfahrung und ich würde es auf jeden Fall wieder machen.