Brigitte und Karl-Heinz Ratzer von Ratzer Records | Bild: Luca Gröning

edit.Challenge Musikindustrie
Alles auf eine Platte gesetzt

Brigitte und Karl-Heinz Ratzer von Ratzer Records | Bild: Luca Gröning

08 Dec 2019

Ratzer Records feiert dieses Jahr 35-jähriges Bestehen. Der Plattenladen ist Kulturgut für Liebhaber der analogen Tonträger in Stuttgart. Und in der Zeit des Vinyl-Booms muss so ein Laden ja sowieso wie am Schnürchen laufen – oder? 

Luca Gröning

Crossmedia Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
MusikGesellschaft

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Samstagnachmittag in der Hauptstätter Straße 154 – das Zuhause von Ratzer Records. Die Fläche ist nicht groß und dennoch sind erstaunlich viele Menschen im Laden. Plattenliebhaber allen Alters stöbern durch die Regale, reden miteinander und schwelgen in alten Zeiten. Mittendrin die Ladenbesitzer: Brigitte und Karl-Heinz Ratzer. Sie tummeln sich in der Kundschaft, plaudern über das Leben oder empfehlen neu eingetroffene Platten und musikalische Reize.
Anonymität gibt es hier nicht.

„Von Anfang an hat uns die Leidenschaft für die Musik getragen.“ – Brigitte Ratzer

Die Geburtsstunde von Ratzer Records war im Jahre 1984. Als Deutschland noch in Kohl und Honecker geteilt war, eröffnete Karl-Heinz Ratzer im Alter von 30 Jahren den Plattenladen in der Paulinenstraße 50. Zuvor hatte er bereits mehrere Jahre in einem Plattenladen namens „Govi“ am Schlossplatz gearbeitet. Nachdem es für Govi dann aber finanziell bergab ging, wollten er und seine Partnerin Brigitte einen eigenen Laden aufbauen – entgegen aller Ratschläge und Warnungen. Der Grund? „Leidenschaft. Von Anfang an hat uns die Leidenschaft für die Musik getragen“,  sagt Brigitte entschlossen. 

Die zwei kauften das Inventar von Govi ab und stürzten sich ins Abenteuer. „Wenn du einen Traum hast und diesen realisieren kannst, dann machst du das“, meint Karl-Heinz. „Wir hätten schon früher die Reißleine ziehen müssen, wenn es nicht geklappt hätte. Und schau uns an? Nach 35 Jahren sieht’s doch noch ganz gut aus!“ Einen Plan B gab es für den gebürtigen Schwaben und großen Rock’n’Roll Liebhaber nie – ohne Fachhochschulreife hat er alles auf eine Platte gesetzt.

Brigitte im Jahre 1998 im ersten Laden in der Paulinenstraße 50 Brigitte im Jahre 1998 im ersten Laden | Bild: Ratzer Records

Die Grunge-Zeit war nicht nur vom musikalischen Wandel geprägt

Mitte der 90er Jahre kamen die ersten Hürden auf. Weniger Kundschaft, neue Musikgenres wie Grunge (eine Mischung aus Punkrock und Heavy Metal), sowie das Aufkommen eines neuen Tonträgers – der CD. Die Ratzers mussten wenige Meter weiter innerhalb der Paulinenstraße in ein kleineres Areal umziehen. Das tat weh. Außerdem mussten sie ihre bis dato drei Angestellten entlassen. Das schmerzte noch mehr. 

Brigitte, gelernte Schneiderin, machte in diesen Jahren ihren Meister obendrauf und arbeitete hauptsächlich in ihrem eigenen Atelier. „Wir haben dann zehn Jahre lang jeder viel zu viel gearbeitet, um dann zu merken, dass es zu zweit doch viel besser geht.“, sagt Brigitte. Seitdem sind beide wieder vereint in der Welt der Schallplatten unterwegs. 
Insgesamt 27 Jahre waren die Ratzer’s in der Paulinenstraße. Nach einer Zwischenstation im Leonhardsviertel befindet sich der Laden nun seit ein paar Jahren am Marienplatz.

Karl-Heinz im Jahre 2009 im Plattenladen in der Paulinenstraße 44 Im Jahre 2009, Karl-Heinz im zweiten Areal des Plattenladens | Bild: Ratzer Records

Der Vinyl-Boom ist ein Fluch für die kleinen Plattenläden

Seit ein paar Jahren ist ein interessanter Wandel in der von Streamingdiensten dominierten Musik-Industrie zu beobachten – die Platte kommt wieder. Dieser hippe, neue Trend wird gerne als „Vinyl-Boom“ bezeichnet. Allerdings ist dieser Anstieg an verkauften Tonträger nicht förderlich für die Plattenläden – im Gegenteil. „Wenn mir manche sagen, dass es uns doch seit dem Boom bestens geht könnte ich lachend vom Stuhl fallen!“

Was verwirrend klingt, macht durchaus Sinn – Karl-Heinz erklärt, dass die großen Elektrofachgeschäfte bis vor fünf Jahren noch kaum Platten im Inventar hatten. Wenn man früher eine Platte wollte, ging man zu Ratzer’s oder einem anderen Plattenladen in Stuttgart. Als dann der Boom ausbrach, rüsteten die Elektronikläden auf, sodass die breite Masse eher zu den Großen ging. „Früher haben wir bei einer Neuveröffentlichung von U2 noch zwischen 30 und 40 Tonträger verkauft. Heute vielleicht fünf.“ 

Der Anteil von Vinyl-Musik an der Musikbranche liegt gerade einmal bei vier Prozent, Tendenz steigend. In den vergangenen Jahren sind die Absatzzahlen von Schallplatten aber enorm gestiegen. 2018 wurden in Deutschland 3,1 Millionen Platten verkauft – zehn Jahre zuvor waren es gerade Mal noch 500.000 Tonträger. 

Eines der bekanntesten Album Cover - Eines der bekanntesten Album Cover überhaupt - "Born in the U.S.A." von Bruce Springsteen | Bild: Luca Gröning
„Man kann davon keine Familie ernähren.“  – Brigitte Ratzer

Das Ehepaar hat keine Kinder, sie haben ihre ganze Energie und volle Konzentration dem Laden gewidmet. Anders wäre das auch nicht möglich: „Entweder du machst das richtig als eine Art Lebenswerk – oder lässt es bleiben.“ Monetär kann man sich an einem Plattenladen nicht bereichern, in der heutigen Zeit schon gar nicht. Vor allem unter der Woche ist der Laden oft wenig besucht. Die Ratzer’s merken, dass die Menschen öfter entweder zu den großen Händlern gehen oder von daheim Online stöbern – weil sie bequemer geworden sind. 
Und dennoch, die zwei sind durch dick und dünn gegangen. Karl-Heinz ist sehr froh Brigitte nicht „nur“ als Frau, sondern auch als Geschäftspartnerin zu haben. „Sie ist so eine tolle Frau und ein ständiger, loyaler Begleiter“.

„Wären sie nicht, wären wir nicht mehr.“ – Brigitte Ratzer

So gerne sie den Laden Tag für Tag aufschließen – die Ratzer’s spüren den Wandel der Musikindustrie an der eigenen Haut. An eine Ladenschließung müssen die zwei jedoch nicht denken. Am Wochenende profitiert der Plattenladen von der Stammkundschaft, die sich Brigitte und Karl-Heinz über all die Jahre aufgebaut haben. „Mit ihnen sind wir älter geworden.“, sagt Brigitte und blickt in Richtung Kundschaft: „Wären sie nicht, wären wir nicht mehr.“ 
Der Geruch von frischem Kaffee, das Knistern des Plattenspielers und ein "Schönen Guten Tag!" empfängt jeden, der über die Türschwelle des kleinen Geschäfts tritt. Der Plattenladen lebt von der Kommunikation und der Nähe zum Kunden. Er hat ein Herz und eine Seele – oder besser gesagt zwei. 

Plattenliebhaber allen Alters werden bei Ratzer Records fündig. 35 Jahre gibt es bereits Platten bei Ratzer Records zu kaufen. | Bild: Luca Gröning