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Downsyndrom
Lea - Besonderer Mensch, außergewöhnlicher Weg

Lea ist 26 Jahre alt und hat das Downsyndrom. | Bild: Jana Fili

Downsyndrom Lea - Besonderer Mensch, außergewöhnlicher Weg

Lea ist 26 Jahre alt und hat das Downsyndrom. | Bild: Jana Fili
 

22 Dec 2020

Lea hat das Downsyndrom, eine geistige Behinderung. Trotzdem liebt sie ihr Leben. Das Besondere: Sie arbeitet nicht wie die meisten Betroffenen in einer Behindertenwerkstatt, sondern in einem Kindergarten. Ein Portrait einer lebensfrohen jungen Frau, die von Inklusion profitiert.

Jana Fili

Medienwirtschaft
seit Sommersemester 2018

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Lächelnd und etwas aufgeregt öffnet Lea mir ihre Wohnungstür. Sie trägt eine Jogginghose, ihre langen braunen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden. Ich kenne Lea schon seit ich denken kann, denn sie ist meine Schwester. Mit ihren 26 Jahren wohnt sie inzwischen in ihren eigenen vier Wänden. Sie hat das Downsyndrom, auch Trisomie 21 genannt.

Behindertenkindergarten, Behindertenschule, Behindertenwerkstatt – klingt nach einem üblichen Lebenslauf eines Menschen mit Behinderung. Bei Lea war das nicht so, sie durfte einen anderen Weg gehen. Einen Weg, welcher sie zu der Person gemacht hat, die sie heute ist.

Downsyndrom entsteht aufgrund einer Chromosomenstörung. Menschen mit dieser Behinderung besitzen das 21. Chromosom drei-, statt zweimal. Dies beeinflusst die geistige und körperliche Entwicklung. In Deutschland gibt es ca. 50.000 Menschen, die sich dadurch auszeichnen.

Täglich fährt Lea mit dem Bus zu Arbeit. Auf ihrem Handy weiß sie ganz genau, in welcher App sie schauen kann, wann der nächste Bus kommt. Manchmal läuft sie den 20-minütigen Weg auch, wenn sie Lust hat. Bekannte Umgebungen und Wege bereiten ihr keine Probleme. In fremden Straßen verliert sie aber leicht die Orientierung. Seitdem Lea alleine wohnt, bewegt sie sich nicht mehr so viel. „Ich will weniger Süßigkeiten essen und dafür lieber mehr Musik hören“, gibt Lea zu. Sie weiß, dass sie abnehmen muss, um gesund zu bleiben. Nur die Umsetzung fällt ihr schwerer als gedacht, denn sie  kann sich nicht zum Sport motivieren. Hinzu kommt, dass sie ihren Kalorienbedarf nicht einschätzen kann und häufig zu große Portionen isst.

Inklusion an der Realschule

Lea ist ein fröhlicher Mensch, der gerne neue Freundschaften schließt. Auch in der Realschule hatte sie ihre Freund*innen. Dort war sie Teil der siebenköpfigen „Außenklasse“, die nur aus Schüler*innen mit Behinderung bestand. Diese hatte regelmäßig mit einer gewöhnlichen Klasse aus der Realschule Unterricht. Dabei hat Lea das Lesen und Schreiben gelernt. Zwar nicht fehlerfrei, aber doch verständlich, schreibt sie heute gerne ihre eigenen Geschichten, in denen es häufig um ihre Familie geht, die ihr sehr wichtig ist.

Ursprünglich sollte Lea eine reine Behindertenschule besuchen. Die Inklusion in Form einer Außenklasse an regulären Schulen, hat viel Einsatz der Eltern gefordert. Doch Leas Mutter ist sich sicher: „Lea wäre heute nicht Lea, wenn sie ausschließlich mit anderen behinderten Kindern zu tun gehabt hätte. Durch den Besuch eines normalen Kindergartens, hat sie beispielsweise erst richtig sprechen gelernt.“

Manche Wörter spricht Lea auf ihre eigene Art aus, Außenstehende verstehen sie daher nicht immer einwandfrei. Nach kurzer Bedenkzeit erzählt sie von ihren täglichen Aufgaben im Kindergarten. Mit den Kindern spielen und basteln, Obstteller zubereiten, die Spülmaschine ein- und ausräumen – all das sind Tätigkeiten, die sie übernehmen kann.
 

„Mir machen alle Aufgaben Spaß. Aber zuhause hab ich dann manchmal keine Lust mehr die Spülmaschine ein- und auszuräumen.“ – Lea

Trotzdem gibt es Aufgaben, die Lea überfordern. Daher kann man sie nicht mit den Kindern alleine lassen. Streiten sich diese, kann sie nicht immer erfolgreich schlichten. Das Basteln mit den Kindern klappt zwar, es sollten aber auch nicht mehr als zwei sein, auf die Lea sich zeitgleich konzentrieren muss.

Nach der Realschule hat Lea eine berufsvorbereitende Schule für Menschen mit Behinderung besucht. Im Zuge dessen hat sie verschiedene Praktika absolviert. Eines davon zum Beispiel im Supermarkt, ein anderes in der Küche eines kleinen Restaurants, das Dritte im Kindergarten.

„Im Restaurant haben meine Augen immer gebrannt, weil ich sehr viele Zwiebeln schneiden musste. Deshalb wollte ich nicht mehr hin. Aber die Menschen waren sehr lieb.“ – Lea

Zuhause macht ihr kochen dennoch Spaß, vor allem ihr Lieblingsgericht Spaghetti Bolognese bereitet sie gerne zu. Die Zutaten dafür kauft sie bei ihrem wöchentlichen Einkauf im Supermarkt.

 

Lea zeigt ihre selbstgebackenen Zitronenmuffins | Bild: Jana Fili

In ihrer Freizeit geht Lea jeden zweiten Freitag reiten. Momentan ist das wegen Corona auf Eis gelegt. „Ich wünsche mir, dass Corona endlich abhaut. Und dass alle glücklich sind.“, sagt sie hoffnungsvoll. Die meiste Zeit ist Lea zufrieden und fröhlich. Wenn nicht, ist eventuell gerade Putzen oder Aufräumen angesagt. Sie ist ein harmoniebedürftiger Mensch und kann es daher auch nicht leiden, mit jemandem zu streiten.

Das Praktikum im Kindergarten entstand aufgrund der Initiative von Leas Mutter, die im städtischen Kindergarten nachfragte, den Lea selbst als Kind besuchen durfte. Nachdem die zwei Jahre der berufsvorbereitenden Schule zu Ende sind, arbeitet man meistens in einer Behindertenwerkstatt. Auch Lea hat dort angefangen, sie durfte aber drei Tage die Woche im Kindergarten arbeiten, weil das Praktikum so gut geklappt hat.

Lea wohnt alleine in ihrer hellen Einzimmerwohnung. Ein bis zweimal die Woche hat sie Termine mit Betreuer*innen der Lebenshilfe.  Sie gehen zusammen einkaufen oder kochen etwas. Lea geht zwar auch alleine einkaufen, den Wert von Geld kann sie aber nicht immer richtig einschätzen. So kann es vorkommen, dass 27 Euro für sie aus einem Zwanzigeuroschein und sieben Cent bestehen. Das Bezahlen an der Selbstscannerkasse im Supermarkt klappt aber dennoch.
 

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Zahlen zur Inklusion am deutschen Arbeitsmarkt anhand des aktuellen Inklusionsbarometers der Aktion Mensch | Bild: Jana Fili
Seit vier Jahren arbeitet Lea inzwischen fünf Tage die Woche im Kindergarten. Bis dahin war es kein leichter Weg, es gab zahlreiche Gespräche zwischen verschiedenen Verantwortlichen. Ohne den unnachgiebigen Einsatz ihrer Eltern, könnte sie heute nicht im „Kindi“ arbeiten.
Trotzdem ist sie noch Mitglied der Behindertenwerkstatt. Falls Lea irgendwann nicht mehr im Kindergarten arbeiten kann, hat sie dadurch einen sicheren Arbeitsplatz in der Behindertenwerkstatt, und steht nicht ohne einen Job da. Ihr Wunsch ist es aber, für immer im Kindergarten arbeiten zu dürfen.
 
Die junge Frau profitiert schon seit sie ein Kleinkind ist von Inklusion. Leas Eltern sind sich einig: Das war der beste Weg für ihre Tochter, die heute ein größtenteils eigenständiges Leben führen kann. Im Idealfall entstehen in Zukunft noch mehr Möglichkeiten der Inklusion, sodass ein Weg wie Lea's, vom Einzel- zum Regelfall werden kann.