Angehende Hebamme

„Mein Job ist mehr als nur Geburten!“

Geburten sind ihr täglicher Job, Maria* ist Hebamme.
09. Aug. 2020
Regelmäßig am Wunder des Lebens teilzuhaben, erleben nicht viele. Die 21-Jährige Maria* schon. Sie macht eine Ausbildung zur Hebamme in einer deutschen Großstadt und zeigt die kritische Seite des Berufs. Ein Gespräch über Hierarchien, Geld und Missverständnisse.

Maria, wie willst du einmal für deine eigenen Kinder sorgen, wenn du am Anfang deiner Karriere schon schlechte Gehaltsaussichten hast?

Das mit dem Gehalt wird grundsätzlich falsch verstanden. Fakt ist, dass es einen Hebammenmangel gibt, im Vergleich zu der Menge an Geburten, die es gibt. Wenn du im Krankenhaus angestellt bist, kriegst du einen Festtarif, der eben nicht sehr hoch ist. Das Gute ist aber, dass es so viele Möglichkeiten gibt, in dem Job zu arbeiten. Eine Möglichkeit ist die Selbstständigkeit, das habe ich vor, denn eigentlich möchte ich gar keine Geburten an sich machen, sondern alles drum herum. Hier rechnet man dann mit den Krankenkassen ab. Je mehr man arbeitet, desto mehr verdient man auch.

Was bedeutet das konkret?

Ich habe das mal überschlagen: Eine Hebamme, die selbstständig ist, verdient ungefähr das doppelte, im Vergleich zu einer, die fest angestellt ist. Es kommt natürlich auch darauf an, was man anbietet. Das Angebot reicht von Geburtsvorbereitungskursen, Rückbildungskursen, Babymassagen über Akupunktur, Homöopathie, usw. Klar, man muss Fortbildungen besuchen und es dauert, bis man alles so machen kann, wie man möchte, aber dann kann man sich durch die Selbstständigkeit echt eine goldene Nase verdienen.

Der Haftpflicht-Beitragssatz für Freiberufliche ist ab Juli 2020 auf circa 9000 Euro pro Jahr angestiegen.

Richtig, Hebammen müssen eine hohe Haftpflicht zahlen, aber nur, wenn sie Hausgeburten machen. Es gibt aber nur noch unter ein Prozent Hausgeburten in Deutschland. Das liegt eben einerseits an dieser hohen Haftpflichtversicherung und weil den Hebammen das Risiko, das etwas passiert, zu hoch ist. Denn was machst du, wenn etwas passiert, aber es ist kein Arzt oder Krankenhaus in der Nähe?

Kannst du etwas über deinen Wunsch der Selbstständigkeit erzählen?

Ich mag es, die Frauen schon in der Schwangerschaft zu betreuen. So wird eine ganze andere Bindung zu der Frau aufgebaut, als wenn sie in den Kreißsaal kommt, Wehen hat und fünf Minuten später das Kind da ist. Man ist dann wie die Familienhebamme, man kennt die Familie und deren Geschichte. Die Frau wird dann schon in der Schwangerschaft betreut, im guten Fall betreut man auch die Geburt und die Nachgeburt. Man ist dann die Bezugsperson für die Frau und hat auch eine beratende Funktion inne.

Wie selbstständig bist du jetzt schon in deiner Arbeit?

Hier muss man die offiziellen und inoffiziellen Richtlinien unterscheiden. Offiziell darf ich jetzt den Dammschutz machen, also den Hauptteil der Geburt, bei dem das Kind herausgezogen wird. Laut den Regeln müssen eine Hebamme und ein Arzt dabei sein. Dazu darf ich die Herztöne messen und der Frau beratend und betreuend zur Seite stehen.

Und inoffiziell?

Alles.

Ist das nicht verantwortungslos?

Ja, hier muss man aufpassen, besonders, wenn man diese beratende Funktion innehat. Man ist einerseits ein Vorbild für die Frau, andererseits hat man auch eine große Machtposition. Wenn die Hebamme etwas sagt, handelt die Frau danach. Eigentlich will man auch nur das beste für die Frau. Deshalb muss man darauf achten, wie man seine Worte wählt, wie man mit ihr redet, dass gegenseitiges Vertrauen herrscht und es eine Bindung gibt.

Damit geht auch viel Macht einher…

Dadurch, dass ich noch in der Ausbildung bin, kann ich mich sozusagen noch hinter den Hebammen verstecken. Denn auch wenn ich inoffiziell etwas mache, was ich offiziell nicht dürfte, ist es immer noch die Verantwortung der Hebamme. Ich fühle mich dann schon verantwortlich, aber es ist gut, dass ich noch jemanden über mir habe, der alles überwacht und im Endeffekt ist es dann deren Verpflichtung. Nichtsdestotrotz hat man eben sehr, sehr viel Verantwortung, für sowohl das Baby als auch die Mutter, und darf dann keine Machtposition heraushängen lassen.

Wie kommt es zu diesen Machtunterschieden?

Ich weiß nicht, wieso, aber in manchen Krankenhäusern ist es sehr extrem, hier herrscht eine richtige Hierarchie: vom Arzt, über die Hebamme zur Auszubildenden, zum Patienten. Ich finde das ganz schrecklich. Du darfst nicht mal im selben Raum sein wie der Oberarzt oder zusammen mit den Hebammen essen. Du spürst diese Hierarchie sehr.

Und das kann sich auf die Frauen übertragen…

Ja, es kann passieren, dass sich die Hebamme wie der King fühlt und die Frau dann sehr abhängig von ihr ist und auch unterwürfig wird. Diese Machtunterteilung ist so groß, dass man aufpassen muss, was man sagt. Es ist auch schon vorgekommen, dass der Arzt etwas entschieden hat, was die Hebamme schwachsinnig fand. Auch wenn die Hebamme viel mehr Erfahrung hätte, hat der Arzt aber das Entscheidungsrecht und die Hebamme darf nichts sagen oder traut sich nicht. Wir werden zwar in der Ausbildung dazu angehalten, etwas zu sagen, wenn wir so etwas bemerken, aber das traut sich niemand. Wenn der Arzt dann unnötig schneidet, passiert das. Weißer Kittel und so…

Was würdest du ändern wollen?

Die strukturelle Gewalt im Kreißsaal mancher Krankenhäuser, im Sinne von: keiner Zeit, Unterbesetzung, das wirtschaftliche Denken. Kaiserschnitte bringen z. B. viel mehr Geld und gehen auch kürzer, weshalb sich öfter dazu entschieden wird, auch wenn es nicht immer das Beste ist. Oder Unterbesetzung, das nimmt einen auch den Spaß am Job und das wirkt sich auch wieder auf die Frau aus, wenn sie merkt, dass man eigentlich gar keine Zeit für sie hat. Ich will aber, dass es wieder um die Mütter geht und nicht um das Geld. Aber zentral ist auch die psychische Gewalt durch die Hierarchie und das richtig spürbare Machtverhältnis und die Abhängigkeit der Frau vom Personal. Oft wird der Frau ihre Entscheidungsgewalt genommen, es heißt dann beispielsweise: „Wenn wir das nicht machen, stirbt ihr Kind.“ Das ist doch ein Scheiß Satz. Oder man macht einfach Eingriffe, ohne die Frau zu informieren. Ich möchte aber Alternativen aufzeigen, informieren und aufklären.

Kannst du das denn ändern?

Vielleicht zum kleinen Teil, indem ich eine bin, die sich dagegenstellt. Ich möchte mit einem guten Gewissen nach Hause gehen und nicht wissen, dass ich gerade scheiße baue, aber nur keine Lust habe, die Frau aufzuklären. Wenn alle ein bisschen was machen, dann kann man das doch ändern.

Zusammengefasst hat man viel Macht und kann auch sehr gut verdienen. Zielst du darauf ab, Macht und Geld zu bekommen?

Richtig (lacht). Nein, auf keinen Fall. Ich möchte damit nur sagen, dass viele Hebammen auf hohem Niveau heulen. In den Medien und im Staat wird das Hebammendasein leider nicht richtig dargestellt. Sei es von den Haftpflichtversicherungen über die ganzen weiteren möglichen Aufgaben, die eine Hebamme machen kann. Mein Job ist so viel mehr als nur Geburten! Ich möchte diese Unwissenheit aufklären. Insbesondere ermöglicht mir eine Selbstständigkeit, dass ich arbeiten kann, wie ich möchte und die Frau so die bestmögliche Betreuung bekommt.

Eine Art Lebensaufgabe?

Ich würde schon sagen, dass der Beruf meine Bestimmung ist. Ich wollte vorher zwar sehr viele andere Sachen machen, auch Stewardess oder Köchin, ich kann mir jetzt aber nichts anders mehr vorstellen. Es erfüllt mich einfach und ich mag es, mit Menschen zu arbeiten. Das ist der erste Moment im Leben und man bringt sozusagen, auch wenn das komisch klingt, ein Wunder auf die Welt. Es ist einfach schön, die Mutter zu sehen und die Familie bei dem Glück mitzuverfolgen. Bis auf die Überstunden, die schlechte Bezahlung, den Schichtdienst, die Hierarchie und und und… (lacht). Aber alle diese Dinge haben auch nichts mit dem Beruf an sich zu tun, sondern sind einfach nur Bedingungen, die aktuell für mich herrschen, da ich noch fest angestellt bin.

Und wie sieht es mit der eigenen Familie aus? Verstärkt der Hebammenjob den Kinderwunsch oder schreckt es ab?

Das ist interessant, da es sich täglich ändert, je nachdem, wie schrecklich mein Tag war. Heute hätte ich schon gerne Kinder, aber ich weiß nicht, wie es morgen aussieht. Ich werde es dann schon merken, wenn es so weit ist (lacht).

 

Vielen Dank für das Interview!

 

*Name von der Redaktion geändert.