Der meist verkaufte Dildo von SelfDelve ist der Maiskolben aus der Produktreihe "Garten Eden". | Bild: Anja Koschemann

Interviews Berufe
Wie wird man eigentlich Dildodesignerin?

Der meist verkaufte Dildo von SelfDelve ist der Maiskolben aus der Produktreihe "Garten Eden". | Bild: Anja Koschemann

09 Aug 2020

Alles begann mit einer gebogenen Banane. Vor 14 Jahren hat Anja Koschemann die Firma „SelfDelve“ gegründet und sich als Dildodesignerin selbstständig gemacht. Sie hat uns aufgeklärt, was man als Dildodesignerin genau macht und wie sie dazu gekommen ist.

Lorena Boß

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftPolitik

Zum Autorenprofil

Was tragen Sie eigentlich auf offiziellen Dokumenten als ihren Beruf ein?

Ich bin Dildodesignerin. Das hat sich im Laufe der Zeit als die beste Bezeichnung herausgestellt. Auf dem Gewerbeschein steht Silikonmanufaktur, das ist ein bisschen abgeschwächter formuliert. Dildodesignerin ist aber genau das richtige Mittelmaß, es sagt was es ist, aber ist nicht herabwürdigend.

Gab es da schon mal lustige Reaktionen?

Ich habe bis jetzt immer Gelassenheit und Freude entgegengebracht bekommen. In der Regel sind die Leute sehr interessiert: „Ah ja stimmt, davon habe ich schon mal gehört. Das ist ja aufregend, erzähl mal.“ Inzwischen habe ich auch ein gutes Gefühl dafür, wie ich solche Gespräche anfangen kann, mit wem ich da ganz locker drüber reden kann und wen man da ein bisschen ranführen muss.

Sie haben ja wahrscheinlich nicht direkt nach der Schule gesagt: „Mama, Papa, ich mache jetzt Dildos.“ Was haben Sie stattdessen gemacht?

Ich bin tatsächlich ausgebildete chemische Laborantin, habe dann noch Chemie und Umwelttechnik studiert und zehn Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet.

Und wie sind Sie dann auf das Thema Dildos gekommen?

Ich war so um die 30 und mein damaliger Partner hatte Lust auf Spielzeuge. Akribisch wie ich bin, habe ich mir das dann alles angeschaut und durchgelesen. Ich habe herausgefunden, was in Dildos für Materialien verarbeitet werden und dass es beispielsweise keinen Verbraucherschutz gibt. Vor 15 Jahren gab es außerdem noch nicht so eine bunte Vielfalt und Sachen, die auch uns Frauen gefallen. Das war alles so „Bähm Penis, Bähm Fleischfarbe, Bähm“ und da habe ich gesagt: "Ne vergiss es. Soetwas kaufe ich mir nicht und möchte ich auch nicht in meinem Körper haben." Irgendwann fiel dann der Satz: „So anspruchsvoll wie du bist, musst du dir deinen Dildo selbst machen.“

Das haben Sie ja dann auch gemacht, für ihren ersten Dildo hat eine gebogene Banane als Vorlage gedient. Wie lange hat das gedauert von der Idee bis zum fertigen Dildo?

Das war ein halbes, dreiviertel Jahr, indem ich wirklich jedes Wochenende daran getüftelt habe. Ich wusste ja nichts von Formenbau oder von homogenen, gleichmäßigen Farben. Diese Idee vom eigenen Dildo hat sich dann zu einem freundschaftlichen Projekt entwickelt. Wir hatten schon immer ein großes Haus und viele Freunde und bei uns war dann immer großes Tüfteln. Einer hat zum Beispiel eine Gießvorrichtung gebaut, der nächste etwas anderes. Das hatte nichts Erotisches mehr, wir waren einfach alle davon besessen, das hinzubekommen.

Und wie genau macht man jetzt einen Bananen-Dildo?

Als erstes wird das Silikon abgewogen und zu einer homogenen Masse verrührt. | Bild: Anja Koschemann
Anschließend wird das Silikon in die Form gegossen. In diesem Fall soll der Dildo die Form einer Banane bekommen. | Bild: Anja Koschemann
Nachdem das Silikon ausgehärtet ist, folgt das Entgraten. Hierbei wird die Naht nachbearbeitet, sodass die Oberfläche glatt ist. | Bild: Anja Koschemann
Nach dem Airbrush wird jeder Dildo mit einer letzten Schicht aus durchsichtigem Silikon versiegelt. Anschließend folgt das Einpacken in versiegelte Hygienetüten und dann noch in die Schmuckverpackung und Seidenpapier. | Bild: Anja Koschemann

Wie kam es denn dazu, dass Sie aus diesem persönlichen Interesse ein Unternehmen gemacht haben?

Als diese Banane ohne Luftblasen mit homogener Farbverteilung und ohne Naht endlich fertig war, haben das viele aus meinem Bekanntenkreis mitbekommen. Dann kam die Weihnachtszeit und eine Freundin nach der anderen fragte nach, ob sie nicht auch einen Abguss haben könnte. Weil das Silikon so teuer ist, habe ich darum gebeten, die Materialkosten zu bekommen. Und dann saß ich eines Tages da und dachte: „Wow, so viele Leute sind an Dildos interessiert und sind vor allem auch dazu bereit einen fairen Preis zu zahlen.“

Ich habe mir ein Jahr Zeit gegeben, mir ein Stück von meinem Erspartem als Investition gegönnt und mir fest vorgenommen nach einem Jahr Bilanz zu ziehen. Entweder ich hatte einfach ein kurioses und interessantes Jahr oder es funktioniert wirklich. Manche machen ein Sabbat Jahr, ich halt das.

Das ist ja schon ein relativ krasser Wechsel, oder?

Rückblickend ist Dildodesignerin gar nicht so weit weg von meinen inneren Interessen. Die Berufswahl passt eigentlich dazu und ohne das chemische Wissen hätte ich mir das wahrscheinlich nie zugetraut. Es reicht nicht, eine schöne Idee zu haben, das haben ganz viele Menschen auf dieser Welt. Aber daraus ein ganzes Unternehmen zu machen ist schon nochmal ein Schritt. Ohne Berufserfahrung mit Anfang 20 hätte ich das nie hinbekommen. Das kam schon alles so zur rechten Zeit und fügte sich dann ganz gut zusammen.

Dildodesignerin ist jetzt seit 14 Jahren ihr Beruf. Wie kommt man den auf die Ideen zu neuen Dildos und worauf muss man da achten?

Es gibt zwei Herangehensweisen. Zum einen die nüchterne technische, das war zum Beispiel beim Paprika so. Man weiß ja, dass es den Zervix Orgasmus gibt. Also Frauen können einen Orgasmus erleben, wenn der Muttermund stimuliert wird. Der liegt recht weit hinten im Körperinneren und ist so eine kleine Geradeausfläche. Das ist eine richtig geile Empfindung und es gibt nicht so richtig Toys dafür. Und dann sind wir auf den Spitzpaprika gekommen. Der ist lang und schlank und könnte den Punkt wunderbar stimulieren. Und da war die Entwicklung darauf ausgelegt, genau diese Spielart zu unterstützen.

Und die zweite Herangehensweise?

Zum Beispiel der Maiskolben, der fasziniert ja die Leute schon sehr lange. Wenn man sich aber überlegt, wie holzig und starr das ist, war der Mais bisher immer nur Fantasie von ganz vielen Leuten. Sex soll ja Spaß machen und nie wehtun. Da kann jetzt die Chemikerin mit den modernen Materialien sagen, wir nehmen den Mais, diese Fantasievorlage, und wir machen einfache eine Kopie aus modernen Werkstoffen mit ungefährlichen Inhaltsstoffen und schwups kann man diese Fantasie ausleben.

Wenn man da so viel experimentiert, werden die Prototypen bestimmt auch getestet. Wie darf man sich das vorstellen?

Na klar, es darf ja nicht nur schön aussehen. Zum Beispiel die Banane soll ja den G-Punkt treffen. Dafür gibt es Anatomiebücher und Durchschnittskörpergrößen und so. Und dann gibt es noch eine ganz liebenswürdige Gruppe aus Bloggerinnen, Sexarbeiterinnen, Sexualtherapeutinnen und Freunden. Die freuen sich dann immer, wenn es neue Prototypen gibt. Auf einem Fragebogen können sie dann alle Anmerkungen eintragen, was gut ist oder eben auch nicht. Da ist auch schon einiges komplett durchgefallen. Erst, wenn von den Testerinnen das Go kommt, geht es um die Farben und so.

Sie haben zum Beispiel den Garten Eden mit Gemüse und Obstdildos, aber auch Skulpturen und sogar einen Kaktusdildo entworfen. Was ist denn das beliebteste Toy? Sind die Leute neugierig oder wollen die meisten doch eher klassische Dildos?  

Also der Garten Eden ist hier wirklich der Hingucker und im Garten Eden ist es definitiv der Mais. Diese knubbelige Oberfläche sorgt für mega schöne Massagen und das hat man sonst bei anderen Spielzeugen eben nicht. Wir dürfen uns auch wirklich oft freuen, weil über die Hälfte der Leute sich nochmal etwas bei uns kaufen. Wir haben auch Pärchen, die richtig sparen. Und dann gibt’s immer zu Ostern, zu Weihnachten, zum Valentinstag, zum Kennenlerntag neue Toys. Das ist total schön, da sind richtige Fans dabei. Dann ist das für mich auch nicht nur Broterwerb, sondern das macht mich stolz und glücklich, wenn ich diese Freude teilen kann.