Es gibt über 20.000 Beiträge mit #feminismsucks und sogar 170.000 Beiträge mit #feminismiscancer. | Bild: Symbolbild: Monica Melton, Unsplash

Politik&Aktion Kritik
#feminismsucks

Es gibt über 20.000 Beiträge mit #feminismsucks und sogar 170.000 Beiträge mit #feminismiscancer. | Bild: Symbolbild: Monica Melton, Unsplash

03 Sep 2020

Meistens wird Kritik an Feminismus von einer Herde „Feminazis“ zertrampelt, wie eine Pusteblume von einer Herde Büffel. „Feminazis“, so werden die Hardcore-Feministen von der Gegenbewegung genannt. Aber was ist an der Kritik dran?  #feminismsucks, stimmt das?

Lorena Boß

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftPolitik

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Die einen sind der Meinung wir seien noch weit entfernt von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, während die anderen predigen der Feminismus sei übertieben und unnötig. Dieses Lager versammelt sich unter Beiträgen mit den Hashtags #feminismsucks, #feminismiscancer und #feminazis. Immer wieder findet man Aussagen wie:

Frauen seien übersensibel und kämen nicht mit Kritik klar. Der Feminismus sei der Kampf gegen die Hausfrau und würde den Mann unterordnen. "Feminism is about hating men", liest man unter fast jedem antifeministischen Beitrag. Die Gender-Pay-Gab sei eine große feministische Lüge und von Ökonomen widerlegt worden. Es ist völlig normal und unbedenklich, dass auf Kinderbüchern für Mädchen oft Ponys und Wäscheleinen abgedruckt werden und bei Geschichten für Jungs, Piraten und Abenteuer. Die „Mädchenfarben“ und „Jungsfarben“ seien einfach den Interessen der Geschlechter angepasst und nicht andersherum. Und überhaupt gendern in der Sprache?! Man kanns auch übertreiben, so ist das halt im Deutschen. Diese Doppelmoral: Ihr fordert Gleichberechtigung, aber wollt eine Sonderbehandlung. Außerdem haben Männer genauso mit Vorurteilen zu kämpfen, wo ist eigentlich unser Weltmännertag? Und bitte schiebt nicht alle Kritik an Feminismus oder an eurer Person auf die Tatsache, dass ihr Frauen seid.

„Ich hasse Feminismus“ – Fardeen Khan, 19

Auch Fardeen Khan benutzt den Hashtag #feminismsucks. Er ist 19 und führt auf Instagram die Seite „The feminist lie“. In seinen Beiträgen macht er sich über „Feminazis“ lustig. Frauen würden einfach immer die Opferkarte ausspielen und Männer unterordnen. Diese bekämen viel zu wenig Platz in der Diskussion um Gleichberechtigung. Männer, die Feminismus unterstützen, schaufeln sich ihr eigenes Grab. Auch das Thema "Toxic Masculinity" steht oft im Vordergrund. Und ja auch Männer werden von der Gesellschaft in eine Rolle gedrückt. Männer müssen stark sein, dürfen nicht weinen und ihre Gefühle zeigen und schminken sollen sie sich bitte auch nicht. Diese Probleme zu thematisieren ist wichtig und richtig. Teilweise ist die Kritik an der feministischen Bewegung aber einfach Frauenhass. Memes mit Sprüchen wie: "Respektiert nicht Frauen, sondern die, die es verdienen" oder "Ew, ich bin in Scheiße getreten. - Die Meinung eines Feministen" haben keinerlei Inhalt oder begründete Kritik.

Und Fardeen Khan ist nicht der einzige, der sich so im Internet über die Bewegung aufregt. Er ist der Meinung, bei Feminismus ginge es längst nicht mehr um Gleichberechtigung. Oft würden Männer zu Unrecht beschuldigt, auch wenn es um Vergewaltigungen geht. Genau diese Art von provokanter Kritik löst eine Welle an Antworten hervor. Likes, Dislikes, Shares und Kommentare schießen in die Höhe. Wilde Diskussionen über die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage finden ihren Anfang. Manchmal geht es um Fakten, oft um unterschiedliche Empfindungen.

Definition Feminismus: Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt.

(Quelle: DUDEN) 

Vieles von der Kritik lässt sich nicht faktisch überprüfen. Ob die Gender-Pay-Gab eine feministische Lüge ist, hingegen schon. Sie beschreibt den Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen. 2019 lag die unbereinigte Gender-Pay-Gab in Deutschland bei 20 Prozent. Hierbei wird nur das absolute Gehalt von allen Frauen mit dem von allen Männern verglichen. Diese 20 Prozent bedeuten, dass Frauen im Schnitt 77 Tage im Jahr „umsonst“ arbeiten. Nicht berücksichtigt wird hier aber, dass Frauen beispielsweise öfter eine Karriere in weniger bezahlten Branchen antreten, öfter halbtags arbeiten und seltener Führungspositionen haben. Wenn man das alles berücksichtigt, verdienen Frauen im selben Beruf noch sechs Prozent weniger als Männer. Diese Zahl wird dann als bereinigte Gender-Pay-Gab bezeichnet. Und dieses Ungleichgewicht gibt es wirklich.

Vor zehn Jahren war der Equal Pay Day noch am 26. März. Frauen haben da noch 23,6 Prozent des Jahres umsonst gearbeitet. | Bild: Lorena Boß | erstellt mit Canva

Politisch gesehen wird versucht, durch Kindergeld, Mutterschutz und die Frauenquote diese Lücke zu schließen. Gegner des Feminismus beharren aber auf dem Fakt, dass sich viele Frauen freiwillig für den Weg als Hausfrau und Mutter entscheiden, das habe nichts mit Sexismus zu tun. Und genau darum geht es doch eigentlich: ein selbstbestimmtes Leben, ohne von der Gesellschaft  in eine Rolle gezwängt zu werden - das gilt übrigens für Männer und Frauen. Aber haben wir das nicht schon längst erreicht? Genau hier fängt das Problem an. Ist das rosafarbene Tutu in der Kindheit, ein Job als Erzieherin mit Anfang 20 und später die Aufgabe als Hausfrau und Mutter wirklich die Natur von Frauen oder wird uns dieses Verhalten von der Gesellschaft anerzogen?

Es gibt nicht die eine Wahrheit, keine Zahlen und Fakten und keine Universalantwort - die perfekte Diskussionsgrundlage. Auf Instagram finden sich mehr als 20.000 Beiträge mit #feminismsucks, über 170.000 Beiträge mit #feminismiscancer und 260.000 Beiträge mit #feminazi. Ob man jetzt unbedingt in der Sprache gendern muss oder nicht, darüber kann man sich meinetwegen streiten. Frauen verdienen aber weiterhin sechs Prozent weniger im selben Beruf. Männer dürfen ihre Nippel zeigen, bei Frauen werden die Beiträge gesperrt. In vielen Branchen sind Frauen unterrepräsentiert, im Bundestag sind beispielsweise nur etwa 30 Prozent der Abgeordneten Frauen. Die Politik versucht schon lange Ungleichgewichte auszugleichen und kommt damit mal mehr und mal weniger gut voran. Vor 60 Jahren lag der Frauenanteil im Bundestag zum Beispiel noch bei knapp sieben Prozent.

Also ist die Kritik an Feminismus berechtigt? Teilweise. Man muss nicht aus jedem Satz einen argentinischen Tango machen, bei dem man versucht, ja keinem auf die Füße zu treten oder taktlos zu wirken. Aber das Problem Sexismus gibt es immer noch und mit Feminismus kommt man der Lösung bestimmt näher als mit „Ach, stellt euch nicht so an“.