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Nachhaltig ehrlich
Das Gurken-Dilemma

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Mit oder ohne Plastik? Bio oder nicht Bio? Soja- oder Kuhmilch? Das sind die tagtäglichen Entscheidungen eines nachhaltigeren Lebens. | Bild: Lina Krauß

Nachhaltig ehrlich Das Gurken-Dilemma

Mit oder ohne Plastik? Bio oder nicht Bio? Soja- oder Kuhmilch? Das sind die tagtäglichen Entscheidungen eines nachhaltigeren Lebens. | Bild: Lina Krauß
 

28 Nov 2022

Nachhaltig leben ist kompliziert? Manchmal. Auf dem Weg zu einem grüneren Leben stößt man vor einige Herausforderungen. Trotzdem machen vegane Würstchen, Secondhand-Pullis und festes Shampoo glücklich. Eine ehrliche Kolumne über den Weg zu einem nachhaltigeren Leben.

Lina Krauß

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2021
PolitikNachhaltigkeitKultur

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Für mein selbstgebackenes Sauerteigbrot mit selbstgemachtem Hummus brauche ich noch eine Gurke. Ich stehe im Supermarkt meines Vertrauens vor dem Gemüseregal. Da liegen sie: lang und grün. In der einen Kiste die mit einem Plastik-Kondom überzogenen Bio-Gurken. In der Kiste daneben die konventionellen, nackigen, ohne Plastik. Welche soll ich nun kaufen? Müll und bio oder plastikfrei und konventionell? Ich kratze alles, was ich zu dem Thema gehört habe, aus der letzten Ecke meines Kopfes zusammen. Ich möchte nachhaltiger leben und eine möglichst nachhaltige Entscheidung treffen. Jetzt stehe ich hier im Supermarkt und muss Gurken-Algebra betreiben: Transportweg, Müllproduktion und Energieverbrauch – all das muss ich in meine Rechnung mit einbeziehen. So wird aus einem schnellen Einkauf wie aus dem Nichts eine halbstündige Supermarktreise. Tatsächlich soll das Gurken-Kondom das grüne Gemüse vor dem frühzeitigen Verderben schützen. Deshalb gilt die in Plastik verpackte Bio-Gurke wirklich als nachhaltigere Alternative. Ist mir aber egal, ich wollte doch eigentlich kein Plastik mehr kaufen.

Supermarkt-Mathematik

Die Gurke ist nur ein Beispiel für andere Rechenspiele, die ich regelmäßig im Supermarkt durchführe. Zuletzt durfte ich mich wieder mit Palmöl-Analysis rumschlagen. Bei welcher Schokocreme findet sich das verteufelte Öl nicht auf der Zutatenliste? Wahrscheinlich in der veganen Bio-Creme – aber kann ich mir die überhaupt leisten? Immer wieder beliebt: Milch-Stochastik. Soja, Hafer, Mandel – ich wähle schon die pflanzliche Alternative. Aber welche hat jetzt die beste CO2-Bilanz? Und dann wäre da noch die Sache mit der Mehrwertsteuer: Kuhmilch ist mit 7 Prozent besteuert, auf pflanzliche Milch werden 19 Prozent erhoben. Einkaufen hat einmal Spaß gemacht. Seit ich angefangen habe, nachhaltigere Entscheidungen zu treffen, auf Plastik zu verzichten und mich vegan zu ernähren, folgt ein Öko-Dilemma auf das andere.

Zeichen setzen und kreativ werden

Die Auswirkungen unserer persönlichen Konsumentscheidungen sind wichtig. Sie können Zeichen setzen: für mehr Bio-Gurken ohne Plastik, für Schokocreme ohne Palmöl und für pflanzliche Milch mit gesenkter Mehrwertsteuer. Aber während ich zwischen den Supermarktregalen entlanglaufe – hin und hergerissen, welche Gurke ich jetzt kaufen soll – muss ich einsehen: Meine kleinen alltäglichen Entscheidungen werden diese strukturellen Probleme nicht lösen. Trotzdem will ich weiter nachhaltig einkaufen. Denn das führt auch dazu, dass ich kreativer werde, in dem, was ich nutze und esse.

Für welche Gurke ich mich schließlich entschieden habe? Ich habe gar keine gekauft. Wir hatten November und die Gurke kam aus Spanien. Nicht regional, nicht saisonal. Ich sag ja, kreativ werden ist das Stichwort: Ich habe Rote Bete gekauft, im Ofen geröstet und sie auf mein selbstgebackenes Sauerteigbrot mit selbstgemachtem Hummus gelegt. Ehrlich gesagt schmeckt das sogar besser als mit Gurke.

Eine weitere Episode der Kolumne „Nachhaltig ehrlich“ mit ehrlichen Einblicken in den Weg zu einem nachhaltigeren Leben findest du hier.