Politik&Aktion

Kolumne
Ausbeutung unter Freund*innen

Am Esstisch werden wichtige Angelegenheiten besprochen z.B: wie hoch die Untermiete sein soll. | Bild: Allegra Knobloch

Kolumne Ausbeutung unter Freund*innen

Am Esstisch werden wichtige Angelegenheiten besprochen z.B: wie hoch die Untermiete sein soll. | Bild: Allegra Knobloch
 

20 Dec 2022

Eltern, die vor dem Sozialismus aus Polen und Tschechien flohen und das „Kapital“ von Karl Marx im Bücherregal: meine Beziehung zu Kapitalismus & Co. ist kompliziert. Wo Kapitalismus uns im Alltag begegnet und wie er uns beeinflusst – eine prüfende Kolumne.

Allegra Knobloch

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
seit Wintersemester 2021
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„Habt ihr den Mietpreis nach Quadratmeterzahl der Zimmer aufgeteilt?“ Wir schweigen. Tauschen Blicke aus. „Ja“, sagt einer schließlich. Auch der 2-Liter-Rotwein, ein Geschenk von unserem Gast, verhilft uns nicht zu Ehrlichkeit ihm gegenüber. „Das ist fair von euch“. Ich schlucke. Der Mietpreis ist nach Quadratmeterzahl aufgeteilt, aber ihm haben wir 100€ Aufschlag gegeben.

Zwei Tage zuvor saßen wir an ebendiesem Tisch in unserer WG-Küche (ohne Rotwein und ohne den potenziellen neuen Mitbewohner) und stritten. Darüber, ob wir dem Kandidaten für das freie WG-Zimmer Geld abknöpfen sollen oder nicht. Zur linken Hälfte des Tisches die Fraktion „kein Geld abknöpfen“, bestehend aus uns Mädels. Zur Rechten die Fraktion „Geld abknöpfen“, bestehend aus den Jungs.

Arme Studierende vs. Stuttgarter Mieten

„Wir können dem das Zimmer doch nicht einfach für 350€ überlassen. Vor allem nicht in Stuttgart West.“- meint M. Tatsächlich kostet ein WG-Zimmer in Stuttgart im Durchschnitt 520€, wie aus einer Studie des Moses-Mendelssohn-Instituts in Kooperation mit wg-gesucht.de hervorgeht. Also saftige 170€ mehr als unser Premium-Zimmer nahe der Stadtmitte kosten würde. Aber was berechtigt uns dazu, das Zimmer 100€ teurer anzubieten und Profit aus einem studierenden Leidensgenossen zu schlagen? „Nichts“, sagen wir Mädels. „Jeder macht das so“, sagen die Jungs.

Die Frage ist, ob wir uns auf die gleiche Stufe wie profitgeile Immobilienfutzis begeben wollen. Und das als arme Studierende, die Oettinger-Bier trinken und aus Kostengründen nicht heizen. Wir wissen selbst, wie es ist, wenn die Miete das gesamte Gehalt frisst. Für uns Mädels ist das ein Grund, solidarisch zu sein und den Mietpreis für das freie Zimmer nicht zu erhöhen. Schließlich könnten es auch wir sein, die auf dem leeren Casting-Stuhl sitzen. Für die Jungs ist das ein Grund, den Preis zu erhöhen und Geld einzustecken, weil sie ihre teure Miete damit selbst ein wenig reduzieren könnten.

Solidarität vs. Kapitalismus

Nur ist unser neuer Untermieter selbst Student. Und er soll bald unser Freund werden. Was uns von ihm unterscheidet, ist lediglich, dass wir früher da waren und nun die Macht über den Mietpreis innehaben. Für mich schreit das nach Kapitalismus: schlechtergestellte Menschen ausbeuten und Geld einsacken. Der Markt regelt eben, Bro. „Ich habe nichts gegen Kapitalismus, es gibt keine gescheite Alternative dazu“, ertönt es von der rechten Tischhälfte. Wie passend wir doch sitzen. Es scheint ein Konflikt grundsätzlicher Art zwischen links und rechts zu sein. Wir diskutieren zwei Stunden lang.

Ein paar Tage nach dem Casting rufen wir unseren potenziellen neuen Mitbewohner an. „Wir waren nicht ehrlich zu dir.“ Als wir ihm erklären, dass wir ihm grundlos 100€ abknöpfen wollten, reagiert er gelassen. Bedankt sich für unsere Ehrlichkeit. Jetzt soll er die 350€ solidarischen Preis nach Quadratmetern und zusätzliche 12€ an die zahlen, die Verwaltungsarbeiten in der WG übernehmen. Es soll ja keiner unbezahlt für die anderen arbeiten. „Das ist fair von euch“, meint er und sagt uns für das Zimmer zu.

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