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Kultur&Gesellschaft

Marktcheck
Nachhaltig Einkaufen schwer gemacht

Im Supermarkt haben wir oft die Wahl zwischen eingepackten Bio-Lebensmitteln und konventionellen, losen Produkten. | Bild: Sarah Liebers

Marktcheck Nachhaltig Einkaufen schwer gemacht

Im Supermarkt haben wir oft die Wahl zwischen eingepackten Bio-Lebensmitteln und konventionellen, losen Produkten. | Bild: Sarah Liebers
 

11 Jul 2022

Verpackung, Transportweg und Pestizide – nachhaltiger Konsum umfasst viele Aspekte und ist oft auch eine Frage des Geldes. Supermärkte und Discounter erweitern daher ständig ihr Sortiment an biologischem und regionalem Obst und Gemüse. Doch worauf kommt es wirklich an?

Berenice Fengler

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
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Sarah Liebers

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
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Die folgenden Ergebnisse beruhen auf eigenen Erhebungen im Zeitraum vom 14. Juni bis zum 24. Juni 2022. Dabei wurden die sechs beliebtesten Obst- und die sieben beliebtesten Gemüsesorten in zehn Einkaufsläden, darunter Supermärkte, Discounter und Biomärkte, auf ihre Nachhaltigkeit untersucht. Kriterien waren Label, Herkunft, Verpackung und Preis.

Ein knackiger grüner Salat zum Grillabend oder eine erfrischende Obsttorte zum Kaffee – so lässt sich der Sommer genießen. Beim Einkaufen dann die Qual der Wahl: Den Bio-Apfel aus Neuseeland oder den Konventionellen aus Deutschland? Die Bio-Tomaten in der Plastikverpackung oder doch die losen Konventionellen? Und dann ist da noch der Preis…

Kurze Transportwege – Hauptsache regional?

Der Begriff Nachhaltigkeit ist schwer zu fassen und beinhaltet verschiedene Facetten, wodurch die Verbraucher*innen sich zunächst selbst die Frage beantworten müssen, was es für sie bedeutet. Bei einer Befragung des Meinungsforschungsinstitut YouGov Deutschland 2019 gaben 71 Prozent der Befragten an, dass nachhaltige Lebensmittel aus der Region kommen sollten.
In unserer Datenauswertung fiel auf: Tatsächlich kamen 34 Prozent und damit die meisten aller erhobenen Lebensmittel aus Deutschland. Allerdings kamen neben den 57 Prozent der deutschen Äpfel auch sieben Prozent aus Neuseeland. Ein scheinbar klarer Fall für nachhaltige Verbraucher*innen: natürlich regional kaufen! Jan Niessen, ehemaliger Biolandwirt und Leiter des Studiengangs Management in der Ökobranche an der TH Nürnberg, erklärt, warum das nicht so einfach ist: „Regionalität funktioniert nur mit Saisonalität. Deshalb entscheiden Sie sich als Verbraucher*in am besten für den neuseeländischen Bio-Apfel, weil seine C02-Bilanz besser ist als die des 10 Monate gelagerten deutschen Apfels.“ Tatsächlich hilft dabei ein Blick in den Saisonkalender. Äpfel sind in Deutschland nur von August bis November frisch erhältlich. Ähnlich sieht es bei Gemüse oder Obst aus, das nicht gelagert werden kann, wie zum Beispiel Tomaten: „Wenn ich ein beheiztes Gewächshaus habe, macht es kaum einen Unterschied, ob die Tomate in Deutschland angebaut wurde oder ob sie aus Spanien mit dem LKW transportiert wurde“, sagt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Ein Saisonkalender kann helfen sich regional und nachhaltig zu ernähren, aber nicht alles gibt es dann auch in jedem Laden zu kaufen. Beachte: Bioware ist meistens etwas später dran. | Bild: Informationen: eatsmarter, Erstellt: Sarah Liebers & Berenice Fengler

Ein genauerer Blick in die Supermärkte zeigt: Viele Obst- und Gemüsesorten werden aus dem Ausland importiert. Spitzenreiter ist Spanien. 20 Prozent aller erhobenen Lebensmittel kamen von dort. Doch sind die Lebensmittel aus Spanien eine Alternative für Obst und Gemüse, das in Deutschland keine Saison hat?
Laut Niessen auf keinen Fall: „Obst und Gemüse aus Spanien sollten Sie nur in der absoluten Ausnahme kaufen. Das Land trocknet sich gerade selber aus.“ Nach Niessen mache Spanien im Sommer den deutschen Markt kaputt, denn das Land hat deutlich bessere Wetterbedingungen als Deutschland und damit bessere Wettbewerbsvoraussetzungen. Zudem würden dort oft Migrant*innen aus Afrika unter schlimmen Umständen arbeiten. Doch „in zehn Jahren hat sich das erledigt. Dann hat Spanien kein Wasser mehr“. Bei Bio-Produkten sieht er es etwas weniger kritisch. Hier würden deutlich strengere Kontrollen durchgeführt werden.

Ohne Verpackung für mehr Nachhaltigkeit?

Doch nicht nur Regionalität gehört für viele Verbraucher*innen zum nachhaltigen Einkaufen. Für 69 Prozent der Befragten gehört auch eine umweltfreundliche Verpackung dazu. Laut Statistischem Bundesamt fielen 2020 pro Kopf sechs Kilogramm mehr Verpackungsmüll an als im Vorjahr. Supermärkte sind sich des Problems bewusst. Mit Hilfe von Mehrweg-Beuteln versuchen sie die Verbraucher*innen zum umweltbewussten Einkaufen zu animieren. Doch unsere Erhebung zeigt: Zwar waren 27 Prozent der erhobenen Lebensmittel lose, doch noch immer 33 Prozent der Produkte in Plastik eingepackt. Deutlich besser schnitten die Biomärkte ab. Hier war knapp 82 Prozent des Obsts und Gemüses lose. Bei der Analyse fiel außerdem auf: In den Supermärkten und Discountern gab es einen großen Unterschied zwischen Bio- und konventionellen Produkten. Während zumindest 30 Prozent der konventionellen Lebensmittel lose angeboten wurden, waren es nur 13 Prozent der Bio-Produkte. Sabine Holzäpfel hat eine Antwort darauf: „Bioware muss immer eindeutig getrennt sein, beim Transport und beim Verkauf, und entsprechend gekennzeichnet sein.“

Bio-Lebensmittel sind in Supermärkten und Discountern kaum lose zu kriegen. | Bild: Berenice Fengler & Sarah Liebers

Nur unverpackte Lebensmittel zu kaufen, muss jedoch nicht zwingend nachhaltiger sein. Denn die Verpackung ist bei einigen Sorten ein wichtiger Schutz. „Wenn die Ware hinterher kaputt geht, weil ich die Verpackung einspare, dann ist es wieder weniger nachhaltig“, so Holzäpfel. Zudem sind auch die Alternativen wie die Mehrwegnetze nur dann sinnvoll, wenn sie auch deutlich öfter verwendet werden. Denn auch dieses muss zunächst hergestellt und am Ende wieder entsorgt werden. Studierende fanden heraus, dass ein PET-Mehrwegbeutel mehr als 18-mal benutzt werden müsse, um ökologisch sinnvoller zu sein als 18 PET-Einwegbeutel.

Mit Bio ans Ziel?

Niessen würde sich im Zweifel eher für das Bio-Produkt als das Unverpackte entscheiden. Er sieht in den Pestiziden, die im konventionellen Anbau verwendet werden, eine Gefahr für die Umwelt: „Die Biene kann ich zwar durch Roboter ersetzen, aber das ist nicht die Welt, die ich möchte. Und das ist ökonomischer Irrsinn”
Bio liegt im Trend – auch beim Obst und Gemüse steigt der Anteil an Produkten aus ökologischer Landwirtschaft im Einkaufswagen. Laut dem Öko-Barometer 2021 gaben 38 Prozent der Befragten im Jahr 2021 an, häufig oder ausschließlich Bio-Produkte zu kaufen. In unserem Check kam heraus: 22 Prozent der Lebensmittel im Supermarkt und Discounter waren aus biologischem Anbau. Dafür kamen allerdings knapp 35 Prozent dieser Bio-Produkte aus Spanien und nur 20 Prozent aus Deutschland. Wer biologisch und regional einkaufen will, muss in den Biomarkt. Hier kamen immerhin 45 Prozent der Produkte aus Deutschland und nur 22 Prozent aus Spanien.

Deutschland kann die hohe Nachfrage an biologischem Obst und Gemüse nicht decken. Daher werden vor allem die Bio-Lebensmittel im Supermarkt und Discounter meist aus dem Ausland importiert. | Bild: Berenice Fengler & Sarah Liebers

Doch der aktuelle Branchenreport des Bunds ökologische Landwirtschaft zeigt eine positive Entwicklung: 2021 haben Höfe von einer Fläche fast so groß wie Berlin auf ökologischen Anbau umgestellt. Zwei Drittel der Bio-Anbauflächen werden sogar nach den strengen Bio-Verbandsregeln, wie etwa von Demeter, Naturland oder Bioland bewirtschaftet. Obst und Gemüse mit diesen Labels erhält man jedoch fast nur in Bio-Märkten.
Die Erhebung zeigt auch: Bio ist noch immer deutlich teurer als konventionelles Obst und Gemüse. Während das Kilo konventionelle Apfel im Schnitt 2,31 Euro kostet, zahlt man für die Bio-Äpfel im Schnitt 3,94 pro Kilo. Und auch die Bio-Gurke kostet im Durchnschnitt 72 Prozent mehr.

„Häufig ist es eine Entscheidung für einen bestimmten Schwerpunkt, weil ich oft nicht alles auf einmal haben kann.” – Sabine Holzäpfel, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Wofür sich Verbraucher*innen am besten entscheiden, wenn sie nachhaltig einkaufen wollen, ist am Ende nicht einfach beantwortbar. Jeder muss selbst definieren, was Nachhaltigkeit für ihn oder sie bedeutet. Geht es dabei um die Umwelt-, die Gesundheit oder um soziale Aspekte? „Häufig ist es eine Entscheidung für einen bestimmten Schwerpunkt, weil ich oft nicht alles auf einmal haben kann.“ Sabine Holzäpfel kritisiert außerdem, dass die Verbraucher*innen nicht an die nötigen Informationen kommen. Transport und Anbaubedingungen sollten ihrer Meinung nach transparent auf der Verpackung kommuniziert werden. Bis das umgesetzt wird, rät Holzäpfel den Verbraucher*innen den Fokus darauf zu setzen, was man selbst, unabhängig vom Angebot, tun kann. Das betrifft den Weg zum Supermarkt, den Kauf von saisonalem Obst und Gemüse in sinnvollen Mengen, damit Lebensmittel nicht weggeschmissen werden müssen.