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Von 2015 bis 2016 gab es laut der EU-Kommission in Europa über 20.000 Opfer von Menschenhandel. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. | Bild: Berenice Fengler

Moderne Sklaverei Aus Afrika geflohen, in Europa verkauft

Von 2015 bis 2016 gab es laut der EU-Kommission in Europa über 20.000 Opfer von Menschenhandel. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. | Bild: Berenice Fengler

20 May 2021

Hunderte Nigerianerinnen kommen jedes Jahr nach Europa, um ein neues Leben zu beginnen. Doch viele Frauen ahnen nicht, worauf sie sich einlassen - und dass sie schon bald zur Prostitution gezwungen werden. Auch Princess musste diese Erfahrung machen.

Berenice Fengler

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
FotografieSportPolitik

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Plötzlich spürte Princess* eine Hand auf ihrem Bein. Als sie ihre Augen öffnete, konnte sie nicht glauben, was sie sah. Usama* stand nackt, nur mit einem Handtuch bedeckt, vor ihr. Er forderte sie auf, sich auszuziehen. Bevor sie mit anderen Männern schlafe, sei er dran. Von dem Usama, den sie damals im Senegal kennengelernt hatte, war nichts mehr übrig. „Ich hatte Angst“, blickt sie heute zurück. Princess wusste, dass er sie vergewaltigen würde, wenn sie nichts tat. Als sie Usama erklärte, dass sie sich nicht ausziehen werde, versuchte dieser sofort, sie auf den Boden zu drücken. Wut kochte in Princess hoch. Sie holte aus und trat ihm mit voller Kraft zwischen seine Beine. Usama schrie auf und fiel zu Boden. Princess schlug ein paar weitere Male auf ihn ein und rannte aus dem Hotel. Vor ihr lag Paris - eine ihr völlig fremde Stadt.

Sklaverei existiert noch heute

Princess fiel einem Menschenhändler zum Opfer und wäre in Frankreich fast sexuell ausgebeutet worden. Nach heutigem Verständnis sollte sie versklavt werden. Weltweit leben laut der International Labour Organization (ILO) mehr als 40 Millionen Menschen in Sklaverei. Das sind mehr als je zuvor.

Der Global Slavery Index definiert Sklaverei so:

Im Wesentlichen bezieht es sich auf Ausbeutungssituationen, die eine Person aufgrund von Drohungen, Gewalt, Zwang, Täuschung oder Machtmissbrauch nicht ablehnen oder verlassen kann.

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Zwangsprostitution wird heute als eine Form moderner Sklaverei gesehen. Fahre über die Diagramme für die genauen Daten. | Bild: Berenice Fengler

Es sind oft Menschenhändler*innen, die Menschen zu Sklav*innen machen. Sie verkaufen die betroffenen Personen, um sie dann durch Zwangsarbeit oder Zwangsheirat auszubeuten.

Besonders viele der sexuell ausgebeuteten Opfer in Europa stammen aus Nigeria. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) ging 2017 davon aus, dass im Jahr zuvor 80 Prozent der in Europa angekommenen nigerianischen Frauen und Mädchen gehandelt und zur Prostitution gezwungen wurden. 

Der Traum vom besseren Leben 

Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) leben in Nigeria 53 Prozent der Menschen in extremer Armut. 23 Prozent der Bevölkerung ist arbeitslos. Damit sind die oft noch jungen Nigerianerinnen eine leichte Beute.

Auch Princess erlebte in ihrem Heimatland Nigeria viel Leid. Mit 15 Jahren sollte sie beschnitten werden und entkam dem noch weit verbreiteten Ritual nur knapp. Alleine floh sie in die Stadt Lagos, wo sie in einem Kiosk einen Platz zum Schlafen und Arbeiten fand. Eines Nachts standen plötzlich fünf große Männer im Eingang und drohten ihr. „Der eine war ein Straßengangster, hatte eine Zigarette im Mund und stank nach Alkohol“, erzählt Princess heute mit zitternder Stimme. Sie bot den Männern Geld. Doch die Fünf ignorierten ihr Flehen und drückten sie brutal zu Boden. Sie zogen dem Mädchen ihre Kleider aus und vergewaltigten sie abwechselnd. 

Nach dieser Nacht flüchtete Princess mit dem Zug in die afrikanische Republik Senegal. Endlich wollte sie mit den Ereignissen aus Nigeria abschließen. Sie fand eine Kirche, die sie aufnahm und bekam einen Job im Supermarkt vermittelt. Das war der Ort, an dem sie Usama kennenlernte. Usama kaufte regelmäßig im Supermarkt ein und die beiden kamen ins Gespräch. Er hörte ihr zu, schien sich für ihre Geschichte zu interessieren und machte ihr Komplimente. „Ich habe ihm vertraut“, erinnert sich Princess. 

Nach ein paar Monaten erzählte Usama ihr von Europa. Dort hätte sie die Chance, ihre Geschichte zu erzählen. Er sei regelmäßig in Frankreich und könne sie mitnehmen. Princess arbeitete Überstunden, bezahlte ihn und zusammen flogen sie 2017 nach Frankreich. Dass Usama ein Menschenhändler war und sie in Paris zur Prostitution zwingen wollte, ahnte sie bis dahin nicht. 

Gehandelt, um zu dienen

Wie Princess zahlen die Frauen vor der Reise viel Geld an ihre Schlepper*innen. Bei der Ankunft in Europa wird der Betrag oft nochmal erhöht. Die daraus entstehenden Schulden sollen dann von den Opfern durch die Arbeit als Prostituierte abgearbeitet werden. Da die Menschenhändler*innen im Zielland für die Unterkunft und Verpflegung ihrer Sklavinnen sorgen, wird der Schuldenberg für die Betroffenen immer größer. 

Zudem wird der Vertrag zwischen den Menschenhändler*innen und den Opfern häufig durch eine sogenannte Juju-Zeremonie besiegelt. Dort sollen die Frauen einen rituellen Schwur ablegen, der sie zur Rückzahlung der Schulden, zu Gehorsam und Verschwiegenheit gegenüber Dritten verpflichtet. 

Viele Frauen können sich die Reise über den Luftweg nicht leisten und werden von den Schlepper*innen über das Mittelmeer nach Europa gebracht. Auf diesem Weg müssen sie auch durch Libyen, wo kriminelle Gruppen das Land kontrollieren. Oft fangen diese die Frauen ab und bringen sie in sogenannte „Connection-Houses“, wo sie sexuell ausgebeutet werden und erst gegen die Zahlung eines Lösegelds wieder in die Hände der Schlepper*innen gelangen. Bleibt ihnen diese Erfahrung erspart, werden sie spätestens in Europa zur Prostitution gezwungen.

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Der Weg nach Europa führt viele Frauen über die gefährliche Mittelmeerroute. | Bild: Berenice Fengler

Deutschland - der sichere Hafen

Princess schaffte es, ihrem Schlepper Usama in Paris zu entkommen und gelangte mit dem Zug nach Deutschland. Vor ein paar Monaten wurde ihr der Flüchtlingsstatus anerkannt. Damit ist sie eine der wenigen Nigerianerinnen, die in Deutschland bleiben dürfen. In der ersten Jahreshälfte 2020 bekamen laut der Menschenrechtsorganisation SOLWODI nur acht Prozent der Nigerianer*innen im Asylverfahren Schutz zugesprochen. 
Ähnliches berichtet die Rechtsanwältin Frau Ortler, die bereits viele nigerianische Frauen während des Asylverfahrens begleitet hat:

Der Zuspruch der Flüchtlingseigenschaft hängt laut Gesetz nicht von den Erlebnissen einer Person ab, sondern davon, ob im Falle einer Abschiebung eine erneute Verfolgung im Herkunftsland droht. 

Princess ist nun endlich sicher. Doch sie hat Narben, die bleiben. „Ich bin traumatisiert und immer innerlich gestresst. Wenn ich glücklich sein sollte, bin ich es nicht. Manchmal habe ich Flashbacks; dann denke ich, ich bin völlig verrückt.“

*die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.