Menü
Politik&Aktion

Menschenhandel
Rotlicht im Dunkeln

Prostitution ist in Deutschland legal – fördert das den Menschenhandel? (Symbolbild) | Bild: Alina Braun

Menschenhandel Rotlicht im Dunkeln

Prostitution ist in Deutschland legal – fördert das den Menschenhandel? (Symbolbild) | Bild: Alina Braun
 

20 Mar 2021

Wenn Menschen zu Ware werden: Auch in Bordellen Europas werden Frauen und Männer sexuell ausgebeutet. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob es mehr Menschenhandel gibt, wenn Prostitution in einem Land legal ist. Ein Blick auf die Daten – und das große Problem dahinter.

Alina Braun

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
Gesellschaft SportGesundheitKultur

Zum Profil

Annika Mayer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
Gesellschaft

Zum Profil

Netzstrumpfhosen, die aus High Heels schauen, knappe Röcke und roter Lippenstift – selbstbestimmte Frauen, die in einer Nacht mit ihrem Körper hunderte von Euro verdienen. Dieses Bild haben viele Menschen von Sexarbeiterinnen. Es gibt aber auch Prostituierte, die nicht freiwillig im Rotlichtmilieu arbeiten. Manche von ihnen sind Opfer von Menschenhandel und werden ausgebeutet. Wie viele? Man weiß es nicht. 

Menschenhandel beschreibt verschiedene Arten der Ausbeutung. Die Täter nutzen meist eine Situation aus, in der die Opfer hilflos sind, manche wenden auch Gewalt oder Zwang an. Die häufigste Form ist laut europäischen Statistiken die sexuelle Ausbeutung in der Prostitution. Menschenhandel ist international verboten und findet deshalb meist im Verborgenen statt. 

2012 hat der Wissenschaftler Axel Dreher eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem Zusammenhang von Menschenhandel und der Legalität von Prostitution beschäftigt. Dabei hat er mit einem internationalen Forschungsteam das Ausmaß des Menschenhandels in 150 Ländern analysiert. Das Ergebnis hat in den Medien eine große Welle ausgelöst: „Länder, in denen die Prostitution legal ist, sind Länder, in denen der Menschenhandel ausgeprägter ist“, erklärt er den Zusammenhang. Die These beschreibt ein globales Phänomen. Trifft sie auch auf die Länder der Europäischen Union (EU) zu?

Um zu überprüfen, ob der Zusammenhang aktuell in der EU erkennbar ist, können die Daten zum Menschenhandel von 2018 herangezogen werden. Diese hat die Europäische Kommission aus nationalen Berichten zusammengestellt. Wirft man einen Blick auf die Europakarte, sieht man in den Ländern große Unterschiede in den Zahlen der Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Die Spanne reicht von einem Opfer in Malta bis hin zu fast 2000 Opfern im Vereinigten Königreich. 

Klicke auf die verschiedenen Länder, um mehr über die Zahl der Opfer zu erfahren. | Bild: Eigene Erhebung

Prostitution ist in den EU-Ländern sehr unterschiedlich geregelt. Im Wesentlichen gibt es vier Ansätze, die in der Europakarte erkennbar sind. Nach den absoluten Zahlen der Opfer von sexueller Ausbeutung wirkt es so, als gebe es eine Tendenz, die Axel Drehers These entspricht: In vielen Ländern, in denen Prostitution legal ist, gibt es den Daten nach eine größere Anzahl an Opfern. Ein enger Zusammenhang scheint beispielsweise in den Niederlanden und in Italien zu bestehen, wo jeweils um die 500 Opfer registriert worden sind. In EU-Ländern, in denen Sexkauf oder Prostitution verboten sind, sind die erhobenen Opferzahlen oft geringer. Deutlich wird das am Beispiel von Kroatien mit neun Opfern. Für beide Seiten gibt es jedoch Ausnahmen. So sind in Frankreich trotz Sexkaufverbot 945 Opfer von Menschenhandel in der Statistik erhoben worden.

Zusammengefasste Darstellung der Opferzahlen pro eine Million Einwohner. | Bild: Eigene Erhebung

Sonja Dolinsek ist Historikerin und Autorin des Blogs „Menschenhandel heute“. Sie gibt zu bedenken, dass absolute Zahlen in der Statistik nicht vergleichbar seien: „Das Problem ist, dass die Strafverfolgung in den Staaten unterschiedlich ist.“ Beispielsweise gebe es Länder, die nur erfolgreich abgeschlossene Verfahren in die Statistik aufnehmen. Um dennoch etwas mehr Vergleichbarkeit zwischen den Ländern herzustellen, muss man laut Dolinsek den Anteil der Opfer pro eine Million Einwohner berechnen. Auch hier fällt auf, dass in den EU-Ländern mit den höchsten Werten Prostitution legal ist. Spitzenreiter ist Ungarn mit umgerechnet 52 Opfern pro eine Million Einwohner. Wenn man sich auf die gegebenen Zahlen verlässt, scheint es so, als gebe es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Legalität von Prostitution und dem Ausmaß von Menschenhandel in der EU. 

Das große „Aber“

Allerdings ist das eigentliche Problem in den Daten ein ganz anderes. Helga Gayer von der Expertengruppe des Europarats gegen Menschenhandel (GRETA) sieht die Statistik insbesondere als „Arbeitsnachweis, wie viel Personal in der Strafverfolgung oder in den Beratungsstellen eingesetzt wird.“ Beispielsweise müsse man oft mehrmals mit einem Opfer sprechen, um herauszufinden, was ihm widerfahren sei. „Wo aber nicht so viele Möglichkeiten bestehen, intensiv mit dem Opfer ins Gespräch zu kommen, wird sich mancher Verdacht nicht bewahrheiten können“, erläutert Gayer. Besonders gut erkenne man dies im Vereinigten Königreich. Dort gebe es seit fünf Jahren mehr Kapazitäten, gegen Menschenhandel zu ermitteln. „Seither sind die Zahlen der identifizierten Opfer sprunghaft nach oben gegangen“, so Gayer. „Das lässt schon vermuten, welch großes Dunkelfeld wir haben müssen.“ In den verschiedenen Staaten seien unterschiedlich große Dunkelziffern vorhanden. Die Statistik bildet diese natürlich nicht ab und spiegelt somit nicht die ganze Realität des Menschenhandels wider. 

Boomt der Menschenhandel in Deutschland? 

Die Daten der EU-Länder sind also schwierig zu interpretieren. Aber wie sieht es in einem Land wie Deutschland aus? Hier ist Prostitution seit 2002 offiziell als Beruf anerkannt. 2017 folgte ein Gesetz, das Sexarbeiter*innen besser schützen sollte. 

Im Jahr 2002 wurde das Prostitutionsgesetz eingeführt. Ziel war es, die rechtliche Lage von Sexarbeiter*innen zu stärken. Beispielsweise können sie ihren Lohn vor Gericht einklagen, wenn ein Freier nicht zahlen will.

2017 folgte das Prostituiertenschutzgesetz. Dieses soll Ausbeutung im Rotlichtmilieu verhindern. Sexarbeiter*innen sollen sich nun offiziell anmelden. Außerdem müssen Bordellbetreiber ihr Gewerbe genehmigen lassen. Zusätzlich gilt beispielsweise die Kondompflicht.

Durch die Gesetzeslage boomt Kritiker*innen zufolge die Prostitution in Deutschland. Laut Andrea Tivig von der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ wird außerdem der Menschenhandel gefördert: „Der Sexkäufer schafft durch die Nachfrage den Markt für Prostitution und Menschenhandel.“ Mit der Legalität von Prostitution steigere somit die Nachfrage. Um zu sehen, ob die Daten den vermeintlichen Anstieg des Menschenhandels widerspiegeln, muss man die Statistiken des Bundeskriminalamts (BKA) betrachten. 

Klicke auf die verschiedenen Punkte entlang der Linien, um die genauen Zahlen zu sehen. | Bild: Eigene Erhebung

Wenn man sich den Verlauf des Diagramms anschaut, erkennt man eine sinkende Zahl an Opfern von Menschenhandel sowie Tatverdächtigen. Während es im Jahr 2006 noch 775 Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung waren, sind die Zahlen bis 2019 auf 427 Opfer gesunken. Die Tatverdächtigenzahl hatte ihren Höhepunkt 2008 mit 785 Verdächtigen und lag über zehn Jahre später bei 430. 

Der vermeintliche Rückgang kann allerdings unterschiedlich interpretiert werden. Frauenrechtlerin Andrea Tivig ist der Meinung, dass kein Trend zu weniger Menschenhandel besteht: „In manchen Jahren gibt es große Verfahren mit 30 Betroffenen aus einem Herkunftsland und im nächsten Jahr dann zufällig keins.“ Außerdem können mangelnde Ressourcen der Polizei zu geringeren Zahlen in der Statistik führen: „Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt: Wenn man nicht danach sucht, findet man es nicht“, erläutert Tivig. Das Prostituiertenschutzgesetz habe keinen Einfluss: „Ich würde den Rückgang der Zahlen nicht als Effekt der Gesetzesänderung sehen.“ 

„Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt: Wenn man nicht danach sucht, findet man es nicht.“ – Andrea Tivig

Anders bewertet Historikerin Sonja Dolinsek die Datenlage und bezieht sich auf die Berichte des BKA: Diese spekulieren, dass die abnehmenden Opferzahlen mit dem Prostituiertenschutzgesetz zu tun haben können. Die Frage ist laut Dolinsek aber, in welcher Hinsicht das Gesetz die Zahlen beeinflusst: „Gibt es einen Rückgang, weil die Frauen um ihre Rechte wissen?“ Durch Aufklärung in Beratungsstellen könnten Frauen es nicht mehr zulassen, ausgebeutet zu werden, vermutet Dolinsek. „Oder ist es schwieriger, an die Betroffenen zu kommen?“ Denn Kontrollen für offiziell angemeldete Sexarbeiter*innen sind leichter. Deshalb kontrolliert die Polizeit eher die angemeldeten Sexarbeiter*innen, als diejenigen, die im Verborgenen arbeiten. 

Welchen Grund es auch gebe: „Das sind die Daten der tatsächlichen Strafverfolgungen und diese müssen ernst genommen werden“, erklärt Sonja Dolinsek. Über alles, was darüber hinaus geht, könne man nur spekulieren. Oft sei die Rede von einer „Explosion des Menschenhandels“, die durch die Legalität von Prostitution in Deutschland verursacht wird. „Dafür gibt es seit 20 Jahren keine statistischen Daten“, widerspricht sie. 

Das Rotlichtmilieu bleibt im Dunkeln 

In einem Punkt sind sich die drei Expertinnen einig: Die Datenlage ist problematisch und das Dunkelfeld lässt sich nicht einschätzen. Statistiken zu Menschenhandel können GRETA-Mitglied Helga Gayer zufolge nur das Minimum abbilden: „Diese Fälle gibt es, es könnten aber mehr im Dunkelfeld schlummern.“ Umstritten bleibt daher auch, wie man Menschenhandel in der Prostitution am besten bekämpfen kann. 

Ein Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell fordert Andrea Tivig von Terre des Femmes. Dabei sollen die Freier bestraft werden, die Sexarbeiter*innen jedoch nicht. Das würde die Nachfrage nach Prostitution und damit den Menschenhandel verringern. „Das ist die beste der möglichen Alternativen“, meint Tivig, denn das „Deutsche Modell“ funktioniere nicht.

„Wenn ein Kunde keinen Sex kaufen darf, dann ist auch die Sexarbeit nicht legal.“ – Sonja Dolinsek

Sonja Dolinsek ist gegen ein Sexkaufverbot. Dieses treibt ihrer Meinung nach auch die Prostituierten in die Illegalität: „Wenn ein Kunde keinen Sex kaufen darf, dann ist auch die Sexarbeit nicht legal.“ Sie wünscht sich eine bessere Regulierung von Prostitution, dabei sei die Legalität ein Schritt in die richtige Richtung. Für Helga Gayer ist es als GRETA-Mitglied wichtig, dass die Staaten wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen, um Opfern von Menschenhandel zu helfen. Das sei völlig unabhängig davon, ob ein Staat Prostitution erlaubt oder verbietet.