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Politik&Aktion

Querdenken
Verschwörungstheorien für Putin

Putinfreundliche Aussagen auf Querdenker-Demonstrationen sind keine Seltenheit mehr. (Symbolbild) | Bild: Paulina Kock

Querdenken Verschwörungstheorien für Putin

Putinfreundliche Aussagen auf Querdenker-Demonstrationen sind keine Seltenheit mehr. (Symbolbild) | Bild: Paulina Kock
 

12 May 2022

Putin trage nicht die alleinige Schuld am Ukraine-Krieg: In „Querdenker“-Kreisen werden immer wieder Rechtfertigungsrufe für Putins Angriff auf die Ukraine laut. Dabei spielen Verschwörungsmythen eine große Rolle, die alle einen ähnlichen Tenor haben.

Paulina Kock

Crossmedia Konzeption/Public Relations
seit 2021

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Die Kriegsverbrechen in Butscha seien eine Inszenierung der ukrainischen Regierung und der russische Präsident Wladimir Putin hätte nicht anders können, als in die Ukraine einzumarschieren. Solche Aussagen sind sowohl auf „Querdenken“-Demonstrationen als auch in einschlägigen Telegram-Foren zu finden. Neben der Kritik an den Coronamaßnahmen der Bundesregierung treffen „Querdenkende“ nun auch putinfreundliche Aussagen. So waren seit der Gründung von „Querdenken“ im März 2020 die Telegram-Foren gefüllt mit Verschwörungsmythen zur Schädlichkeit der Coronaimpfung oder Unterstellungen, dass einflussreiche Personen in Politik und Wirtschaft die Pandemie erfunden hätten. Die Themenauswahl der Bewegung hat sich seit ihrer Gründung diversifiziert. Eines bleibt aber gleich: „Querdenken“ positioniert sich weiterhin gegen den angeblichen „Mainstream“ und macht sich für die andere Seite stark.

„Querdenken“ ist in verschiedene regionale Gruppen aufgeteilt, die sich in ihrer Ausrichtung unterscheiden. | Bild: Paulina Kock

In der ersten Woche des Ukrainekriegs, der am 24. Februar begann, positionierte sich der Großteil der „Querdenkenden“ putinfreundlich. Eine Analyse des Thinktanks CeMAS ergab: Der Hauptteil der zehn reichweitestärksten Telegram-Kanäle äußerte sich positiv zu Putin. Zudem erhielten die Kanäle, die mit Putin sympathisierten, einen leichten Zuwachs an Mitgliedern. 

Bislang positionierten sich „Querdenkende“  in Stuttgart nicht offen für Putin. So demonstrieren Teilnehmer einer „Querdenken“-Kundgebung weiterhin gegen die Coronamaßnahmen der Bundesregierung, während sie sich im Gespräch und in verschiedenen Telegram-Foren positiv zu Putin äußern: „Für mich ist Putin einer der besten Politiker der Welt“, sagt ein „Querdenker“  im Interview. Der russische Präsident habe aus verschiedenen Gründen keine andere Wahl gehabt als Truppen in die Ukraine zu entsenden: Die NATO habe Russland durch die Ost-Erweiterung sowie durch angebliche Biowaffenlabore an der Grenze bedroht. Außerdem soll der ukrainische Staat russischstämmige Ukrainer*innen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und ermordet haben. Trotzdem betonen die Teilnehmenden der Demonstration aber immer wieder, dass sie sich für den Frieden einsetzen. So auch der Gründer von „Querdenken-711“, Michael Ballweg, angesprochen auf die Positionierung seiner Gruppierung im Ukraine-Krieg: „Wir sind eine Friedensbewegung und lehnen jegliche Form von Krieg ab“.

Deutsche Verschwörungstheorien gegen den Westen

Laut mehreren „Querdenkenden“ habe der Westen eine erhebliche Teilschuld am Krieg in der Ukraine. Dabei heben sie die Schuld des Westens und damit auch die der Ukraine besonders hervor, während sie Putins Anteil relativieren. Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und Teil des EU-Forschungsprojekts COMPACT zur Herkunft und Wirkungsweise von Verschwörungstheorien, sieht den Ursprung dieser Sympathie für Putin vor allem darin, dass er sich gegen den Westen richtet. So seien viele deutsche Verschwörungstheorien antiamerikanisch und antiwestlich. Da Putin diese Einstellung mit „Querdenken“ teilt, verklärt ihn diese zum Helden.

 „Und dann wird automatisch der Gegenpol zum Westen als gut dargestellt. In dem Fall ist es Putin.“ – Michael Butter

Außerdem verkörpere der russische Präsident Werte, die „Querdenkende“ teilen: Zum Beispiel die negative Haltung gegenüber fortschrittlicheren Werten wie Medienfreiheit, Gleichberechtigung oder Toleranz, sagt Alexander Roth Journalist in Waiblingen und Experte für Verschwörungstheorien und „Querdenken“. Die Sympathie für autoritäre Systeme und ihren Führern sei fest in der Gruppe verankert. So stelle Putin eine Art Heilsfigur gegen die „Eliten“ in der Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft dar.

„The Great Reset“-Eine große Verschwörung

Die Verschwörungstheorien zum Ukraine-Krieg werden in einschlägigen Telegram-Foren zu einer großen Verschwörungsideologie zusammengefasst. Butter sieht darin ein gängiges Phänomen: „Für die allermeisten Menschen, die diese Dinge glauben, ist alles miteinander verbunden“.  So auch in der Verschwörungsideologie „The Great Reset“, in der Verschwörungsideologen und „Querdenker“ behaupten, dass die Finanzelite einen Wirtschaftsumbruch plane, um eine neue Weltordnung zu etablieren: Die Coronapandemie, aber auch der Ukraine-Krieg gelten als Ablenkungsmanöver, um diesen Plan umzusetzen. Putin stehe diesem Wirtschaftsumbruch entgegen und werde deshalb als Retter und Held glorifiziert. Dabei werfen Verschwörungsideolog*innen vor allem der Gegenseite die bewusste Täuschung der Bevölkerung vor, wie man gerade bei den Verschwörungsmythen um die angebliche Inszenierung der Kriegsverbrechen in Butscha mitverfolgen kann.