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Seit rund 30 Jahren begibt sich Julia Boike auf Forschungsreisen in die Kälte. | Bild: Alfred-Wegener-Institut / Paolo Verzone (CC-BY 4.0)

Wirtschaft&Forschung Polarforschung
Brennen für den Permafrost

Seit rund 30 Jahren begibt sich Julia Boike auf Forschungsreisen in die Kälte. | Bild: Alfred-Wegener-Institut / Paolo Verzone (CC-BY 4.0)

20 May 2021

Auf abenteuerlichen Expeditionen erforscht Prof. Dr. Julia Boike die Einflüsse des Klimawandels. Sie ist Polarforscherin aus Leidenschaft und der tauende Permafrost ihr Fachgebiet.

Anne Meister

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
KulturKlimaschutz

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Naturwissenschaftlich interessiert sei Julia Boike schon immer gewesen. Während ihres Studiums wanderte sie bereits auf den Gletschern der Alpen. Im Rahmen ihres Masterstudiums in Kanada reiste sie 1990 zum ersten Mal in die Arktis. „Das Flugzeug fliegt wieder weg und man ist komplett alleine mit dieser Stille, die auf die Ohren drückt. Dann hat‘s mich so richtig gepackt“, schwärmt sie.

„Das Flugzeug fliegt wieder weg und man ist komplett alleine mit dieser Stille, die auf die Ohren drückt.“ – Julia Boike

Heute arbeitet Julia Boike in Potsdam für das Alfred-Wegener-Institut (AWI). Sie ist dort die stellvertretende Sektionsleitung der Permafrostforschung. Zusätzlich lehrt sie an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist außerdem die Mutter eines Freundes von mir. Der kam übrigens in Alaska zur Welt.

Eigentlich findet Boikes Hauptarbeit im Büro und Labor in Potsdam statt. Zusammen mit ihrem Team wertet sie die Daten und Proben der Expeditionen aus und testet Geräte. Die Pandemie verkompliziert bekanntlich Pläne, doch in der Regel ist die Wissenschaftlerin mindestens einmal im Jahr auf Expedition. Für mehrere Wochen bis Monate forscht sie dann draußen. Als sie eine Forschungsstation mit dem treffenden Namen „Polar Bear Pass“ in Kanada besuchte, liefen ihr dabei sogar schon Eisbären über den Weg. „Da gab es mehrmals Bären, die oben an unserer Hütte standen und durchs Fenster reinguckten“, verrät sie. „Wir waren froh, dass nichts Schlimmes passiert ist.“

Ein einfaches Leben

Die Stille und die Einsamkeit abseits der Forschungsstationen würden sie noch immer faszinieren. Das gehe allerdings nicht allen so: „Ich habe schon Leute kennengelernt, die dort gelitten haben und sehr unglücklich waren.“ Viele lernten sich hier erst richtig kennen. So sei es ihr jedenfalls ergangen, schmunzelt sie und fügt hinzu: „Ich war erstaunt über mich, dass ich diese Extremsituationen so gern mag.“ Sie habe schon immer gern gecampt, doch die Bedingungen auf Expedition sind andere als an der Ostsee. Teilweise übernachtete sie im mitgeschleppten Zelt und wusch sich im Fluss oder mit geschmolzenem Schnee.

 

„Ich war erstaunt über mich, dass ich diese Extremsituationen so gern mag.“ – Julia Boike

Es gibt aber auch eher luxuriösere Stationen mit Betten und Duschen. „Auch dort leben wir auf engem Raum zusammen. Man teilt sich alles und muss viel improvisieren“, beschreibt Boike. Es scheint ihr nichts auszumachen. Heute sei man wenigstens erreichbar. Früher gab es nichts außer uralten Telex-Geräten. Wenn man die Antennen richtig ausrichtete, konnte man mit Glück einen Teil einer  Nachricht empfangen.

Auf den Forschungsreisen herrsche meistens eine freudige Stimmung. Die Grenzen zwischen Kolleg*innen und Freund*innen würden da verschwimmen. „So habe ich ja auch meinen Mann kennengelernt“, erzählt sie glücklich.

Begegnungen mit Eisbären können gefährlich werden. | Bild: Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks (CC-BY 4.0)
Die sibirische Insel Kurungnakh erreicht Julia Boike hüpfend. | Bild: Alfred-Wegener-Institut / Paolo Verzone (CC-BY 4.0)
Zu den Expeditionsorten zu gelangen, ist nicht immer einfach. | Bild: Alfred-Wegener-Institut / Raimund Waltenberg (CC-BY 4.0)
Der Krossfjord befindet sich auf der norwegischen Insel Spitzbergen, auf der Julia Boike bereits forschte. | Bild: Alfred-Wegener-Institut (CC-BY 4.0)
Die Büste vor der Forschungsbasis auf Spitzbergen zeigt einen Seeman und Polarforscher des 19. Jahrhunderts: Roald Amundsen. | Bild: Alfred-Wegener-Institut (CC-BY 4.0)

Polarforschung als Frau

Laut einer UNESCO-Studie arbeiten in Deutschland allgemein nur 28 Prozent Frauen in der Forschung. Auch in der Polarforschung sei der Männeranteil hoch, erzählt Boike und berichtet sogar von einem diskriminierenden Erlebnis: In der Anfangszeit am AWI durfte sie nicht mit auf eine russische Expedition – nur weil sie eine Frau war. „Ich war sehr wütend“, erinnert sie sich. Früher war sie oft die einzige Frau im Team, doch das ändere sich. Sie erzählt von einer Expedition, die sie mit einer zweiten Frau leitete, bei der mehr Frauen als Männer dabei waren. „Das war auch total lustig. Die jüngeren Kolleginnen haben uns TikTok gezeigt und Dances gemacht.“

Permafrost und wie er schwindet

Auf ihren Expeditionen forscht sie zu ihrem Fachgebiet, dem Permafrost. Dabei handelt es sich um Boden, der mindestens zwei Jahre gefroren ist. Permafrost ist in fast ganz Sibirien und halb Russland zu finden. Er erstreckt sich über 13–18 Prozent der Landoberfläche der Nordhalbkugel. „Jeder kennt den Eispanzer Antarktis. Aber der Permafrost ist all das, was sich unter Land versteckt und teilweise sogar unter dem Meer“, erklärt Boike. Die Permafrost-Landschaft verändert sich schnell, denn der Klimawandel lässt das Eis im Untergrund tauen. Die Forscherin untersucht diese Veränderungen zum Beispiel mit Sensoren, die bis zu 100 Meter tief in den Permafrost hineinragen. Einige Folgen des Klimawandels, wie Absackungen im Boden, sind mit dem bloßen Auge erkennbar. Große Sorgen macht ihr die sogenannte Permafrost-Kohlenstoff-Rückkopplung. Im Permafrost ist tote Biomasse gespeichert. Wenn das Eis taut, wird diese zersetzt. Der somit freigesetzte Kohlenstoff beschleunigt den Klimawandel zusätzlich und das Eis taut noch schneller. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sich im Permafrost 1500 Gigatonnen Kohlenstoff befinden. Fast doppelt so viel, wie derzeit in unserer Atmosphäre. Die Forscherin seufzt: „Da kann man nicht einfach ein Kühlaggregat hinstellen und das wieder gefrieren.“ Man müsse eben wirklich versuchen, die Erwärmung des Planeten zu reduzieren.