Sexualkundeunterricht - so wichtig und doch so umstritten. (Symbolbild) | Bild: Clara Schneemann

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Sexualkundeunterricht - so wichtig und doch so umstritten. (Symbolbild) | Bild: Clara Schneemann

10 Dec 2019

Tinder, Pornhub und Fifty Shades of Grey vs. Blümchen und Bienchen: Brauchen wir heute überhaupt noch Sexualkundeunterricht? Wenn ja, wie sieht er aus?     

Ein Kommentar.

Ich erinnere mich noch ganz gut an die „besonderen“ Stunden im Biologieunterricht: Alle tuschelten wild. Das Kichern hörte fast nie auf. Die Lehrer versuchten zwar stets bemüht, die pubertierende Menge zu beruhigen und gleichzeitig ausreichend Informationen zu bieten, doch das Meiste kannten wir schon - oder glaubten es zumindest. Entweder durch heimliche Gespräche der Mitschüler, die nun ihre ersten Erfahrungen sammelten oder, wenn das Wissen doch nicht ausreichte, durch die langen Suchen im Internet - Bravo und Dr. Sommer waren ja out. Für mich bedeutete das Internet in dieser Hinsicht zwar immer die unsichere, aber unkomplizierte Alternative - diesen Trend bestätigt auch eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zwischen 2001 und 2014: Während zu Beginn nur drei Prozent der weiblichen und zehn Prozent der männlichen Befragten zwischen 14 und 17 Jahren das Internet als Aufklärungsquelle nutzten, stieg die Zahl im Laufe der Jahre auf 39 Prozent bei den weiblichen und fast 50 Prozent bei den männlichen Jugendlichen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Auch zwei Lehrerinnen, mit denen ich mich über den Sexualkundeunterricht ausgetauscht habe, bestätigen diese Entwicklung. Zwar sehen sie das Internet als Chance, den Unterricht multimedialer zu gestalten, dennoch müsse man auch hier Aufklärungsarbeit leisten, um Quellen kritisch beurteilen zu können. So soll auch die Möglichkeit geboten werden, das Gespräch aufgrund der Vielzahl an Begriffen zu suchen.

Sexualkundeunterricht - Eure Erfahrungen:

"Wir haben sehr viel über Verhütung im Allgemeinen gelernt, aber fast nichts über sexuell übertragbare Krankheiten." - Julika (23), Studentin | Bild: Clara Schneemann
"Wir hatten keinen ausführlichen Sexualkundeunterricht." - Tom (22), Student | Bild: Clara Schneemann
"Aufgrund der fehlenden Kontinuität als Lehrer einer Klasse ist es meistens schwieriger, in der kurzen Unterrichtszeit eine tiefere Vertrauensbasis aufzubauen." - Claudia (42), Lehrerin der Biologie u. kath. Religion | Bildbearbeitung: Clara Schneemann
"Der Unterricht hat vor allem gezeigt, wie wichtig richtige Aufklärung ist. Vor der gesamten Klasse Fragen zu stellen, fiel trotzdem schwer und war eher unangenehm." - Paul (19), Auszubildender | Bild: Clara Schneemann

Die Idee, im Unterricht aufkommende Fragen auf das kleinste Maß an Peinlichkeit zu reduzieren, erschien mir daher als eine der besten Ideen meiner Schulzeit (zumindest was das Thema Sexualkunde betrifft): Meine damalige Lehrerin brachte eine Box mit, in die von Schülern auf Papier notierte Fragen nach der Stunde eingeworfen werden konnten. Zwar bestand die Chance, beim Abgeben der Frage erwischt  und als „unwissend“ enttarnt zu werden, doch zumindest versprach die Antwort mehr Sicherheit als die einer Gutefrage.net-Community. Leider erfuhren wir nie, wie oft die Box genutzt oder ihr Inhalt beantwortet wurde.

Sexualkundeunterricht in Deutschland - Zahlen und Fakten | Infografik: Clara Schneemann

Alles eine Frage der Themen?

Doch wie sieht es in der Schule mit den Themen LGBTQIA, Pornographie und sexueller Gewalt aus, die seit Längerem in den Medien kursieren? In der bereits erwähnten BZgA Studie gaben etwas weniger als die Hälfte der Befragten an, dass sie das Thema Homosexualität im Unterricht behandelt hatten, sexuelle Gewalt besprachen circa 40 Prozent, während Pornografie nur bei einem Fünftel thematisiert wurde. Die befragten Lehrerinnen meinten zu mir, bei der Gestaltung aber auch einen gewissen Spielraum zu besitzen, um Aspekte je nach Bedarf und Klasse aufzugreifen. Der neue Lehrplan sieht nun einen stärkeren Fokus auf diese Themen vor, wobei die Informationen auch sicher früher schon relevant gewesen wären. Zumindest in Sachen Migration scheint die Sexualaufklärung gut im Jetzt angekommen zu sein. Hier eine Anekdote zum Schluss: Mir wurde bei meinen Gesprächen mit den Lehrerinnen von zwei Müttern türkischer Herkunft berichtet, die sich nach den Inhalten des Sexualkundeunterrichts erkundigten - nicht etwa um ihn einzuschränken, sondern um sicher zu gehen, dass ihre Kinder auch ausreichend lernen.

Für mich ist Deutschland somit sicher nicht das schlechteste Beispiel, was Sexualkundeunterricht betrifft - man ziehe beispielsweise Polen mit den drohenden Verboten zum Vergleich. Dennoch hat der neue Lehrplan meiner Meinung nach auch vieles aufzuarbeiten, um mit dem Internet gleichzuziehen.