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Ich habe das Gefühl zwischen zwei Welten zu stehen. Bisexuelle werden oft nicht akzeptiert. | Bild: Lavinia Hutt

Sex&Identität Bisexualität
Zwischen zwei Welten

Ich habe das Gefühl zwischen zwei Welten zu stehen. Bisexuelle werden oft nicht akzeptiert. | Bild: Lavinia Hutt

20 May 2021

Beziehungsunfähig, entscheidungsunfähig, hypersexuell. Das sind Vorurteile, mit denen sich Bisexuelle täglich herumschlagen müssen. Sie bekommen diese sowohl von Heteros als auch von der LGBTQIA+-Community vorgeworfen. Biphobie fühlt sich an wie Gegenwind von beiden Seiten.

Lavinia Hutt

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
GesellschaftIdentitätPolitik

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Meine neue Bekanntschaft und ich laufen gemütlich durch den Park. Bis jetzt hatten wir ein wirklich schönes Date und ich habe bei ihr ein gutes Gefühl. Ich erzähle ihr gerade von einem früheren Date mit einem Jungen, als sie mich unterbricht: „Warte, ich dachte du stehst auf Frauen? Wir sind hier doch auf einem Date!“ Ich merke, wie sich alles in mir verkrampft. Was jetzt kommt, weiß ich genau. Trotzdem antworte ich: „Ja, aber ich stehe auf Männer und Frauen. Ich bin bisexuell.“ Sie schaut mich entgeistert an. „Sorry, aber ich habe echt keine Lust dein Experiment zu sein! Entscheide dich doch erst mal, bevor du auf ein Date gehst.“ Mit diesen Worten lässt sie mich stehen.

B wie Biphobie

Jeder Mensch hat das Bedürfnis dazuzugehören. Zur Familie. Zum Freundeskreis. Wir ordnen uns selbst und andere in Kategorien ein, um Gemeinsamkeiten zu finden und, um zu erkennen, wo wir hingehören. Aber was, wenn du plötzlich von allen Seiten verstoßen wirst? Das „B“ im Begriff LGBTQIA+ scheint leider weniger für Bisexualität und mehr für Biphobie zu stehen. Menschen wie ich, die sich als bisexuell identifizieren, erfahren nicht nur Diskriminierungen von Heteros. Auch aus den eigenen LGBTQIA+-Reihen werden wir nicht akzeptiert und mit Vorurteilen konfrontiert. Schon mehrmals musste ich erleben, wie eine Frau sich mit den Worten verabschiedete: „Oh sorry, aber wenn du bisexuell bist, kann ich keine Beziehung mit dir führen. Du bist doch nur verwirrt oder in einer Phase.“ Das von Menschen zu hören, die eigentlich wissen, wie sehr solche Unterstellungen einem zusetzen, schmerzt noch mal extra. Und nicht selten muss ich betonen, dass ich nicht auf zwei Menschen gleichzeitig stehe und auch nicht mit jedem schlafe, der mir über den Weg läuft. Oder dass ich keinen Dreier haben möchte.

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Bisexualtät wird oft nicht als sexuelle Orientierung anerkannt. | Bild: Lavinia Hutt

Zu erkennen und vor allem zu akzeptieren, dass ich bisexuell bin, war für mich deshalb ein sehr langer und schwerer Prozess. Als 13-Jährige habe ich nicht verstanden, warum ich mich so anders als die Menschen in meinem Umfeld gefühlt habe. Ich verstand zwar die Anziehung meiner Freund*innen zu Jungs, aber sie schienen meine Gefühle gegenüber Mädchen in keiner Weise zu teilen. Ich war mir sicher, dass ich nicht lesbisch bin – dafür mochte ich Jungs zu sehr. Aber Bisexualität war ein Begriff, mit dem ich mich erst nicht anfreunden konnte. Eben weil ich mich mit den Charaktereigenschaften, die Bisexuellen zugeordnet werden, nicht identifiziert habe. Niemals würde es mir in den Sinn kommen, Diskriminierungserfahrung von Homosexuellen zu verharmlosen, aber wenigstens wird ihre Sexualität als „echte“ Orientierung anerkannt. Zudem gibt es inzwischen zahlreiche Coming-Out Filme und Serien wie „Love, Simon“, in denen Homosexualität behandelt wird. Sucht man dagegen nach bisexuellen Protagonist*innen, kann man lange suchen. Auch in der LGBTQIA+-Community finden Homosexuelle ein unterstützendes Umfeld, in dem sie akzeptiert werden. Ich hatte nie ein solches Umfeld. Wie sollte ich also, ohne jegliche Vorbilder oder Repräsentation, meine Gefühle oder meine Sexualität verstehen?

Ist Bisexualität nur Einbildung?

Selbst Wissenschaftler*innen zweifelten lange Zeit daran, ob ein Mensch bisexuell empfinden kann. 2005 wurde eine Studie veröffentlicht, in der Bisexualität als Einbildung der Betroffenen benannt wurde. Erst letztes Jahr konnten die Ergebnisse durch eine Wiederholung der Studie widerlegt werden. Die Studie von 2020 beweist, dass Menschen sich von mehr als nur einem Geschlecht angezogen fühlen können.

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Schwulen, heterosexuellen und bisexuellen Männern wurden Pornos mit Männern oder Frauen gezeigt und ihre Erregung gemessen. | Bild: Lavinia Hutt

Diese Studie beweist, dass Bisexualität eine „echte“ sexuelle Orientierung ist. Dass dieser Beweis im 21. Jahrhundert noch benötigt wird, ist eigentlich unfassbar. Es bestätigt wieder die Stellung bisexueller Personen in der Gesellschaft: Nämlich dass wir uns für unsere Sexualität rechtfertigen müssen. Sollte unsere Gesellschaft nicht langsam so weit sein, dass wir die Gefühle von anderen Menschen akzeptieren können, ohne sie zu hinterfragen?

Vorbilder fehlen

Lange Zeit habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht, mir die Anziehung zu Frauen nur einzubilden. Als Teenager habe ich darum oft versucht meine Bisexualität zu unterdrücken und mich nur auf Männer zu konzentrieren. Oder es kam der Gedanke auf, dass ich zu ängstlich war, mir einzugestehen, dass ich homosexuell bin. Das ist nämlich auch die Meinung, die mir von den Medien vermittelt wird. Prominente, die sich als bisexuell outeten, werden als homosexuell bezeichnet. Oder ihnen wird unterstellt, durch das Outing nur Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Das war etwa bei der Schauspielerin Lili Reinhart der Fall.

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Jahrelang habe ich versucht mich zu labeln – entweder als hetero- oder als homosexuell. Mich nirgends wirklich zugehörig zu fühlen und von keiner Seite akzeptiert zu werden, zerrt unglaublich an der Psyche und am Selbstwertgefühl. Mehrere Studien zeigen , dass Bisexuelle die höchsten Raten an Depressionen haben. Die Suizidrate ist im Vergleich zu Homosexuellen teilweise noch höher.

Studie zu psychischer Belastung

In der australischen „Who I Am“ Studie wurden Menschen, die sich als bisexuell identifizieren, zu ihrer psychischen Gesundheit befragt. Das Ergebnis zeigt, dass der Anteil der Bisexuellen, die unter psychischer Belastung leiden (58,5 Prozent) deutlich höher ist, als der allgemeine Durchschnitt (11,7 Prozent) und als der Durchschnitt der LGBTQIA+-Community (19,6 Prozent).

Es fällt mir immer noch schwer, meine Bisexualität offen zu zeigen, aber inzwischen kann ich diesen Teil von mir akzeptieren. Der Weg dort hin hat mich viel Zeit und Recherche gekostet. Ich habe die Hoffnung, dass der Gegenwind bei Bisexuellen nachlässt und schließlich verschwindet. Doch dafür müssen alle Bisexualität als sexuelle Orientierung anerkennen. Ich fordere auch die LGBTQIA+-Community auf, sich an das Gefühl zu erinnern, nicht repräsentiert und akzeptiert zu werden.