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Auch wenn Mattis‘ Eltern in getrennten Haushalten leben, verbringt die Co-Parenting-Familie an Feiertagen und Geburtstagen Zeit miteinander. | Bild: Tanja Schabert

Sex&Identität Co-Parenting
Wenn Mama und Papa nur Freunde sind

Auch wenn Mattis‘ Eltern in getrennten Haushalten leben, verbringt die Co-Parenting-Familie an Feiertagen und Geburtstagen Zeit miteinander. | Bild: Tanja Schabert

22 Dec 2020

Familienglück ohne Liebe – durch Co-Parenting finden Menschen zusammen, die der gemeinsame Kinderwunsch verbindet. Eine romantische Beziehung führen sie dabei nicht. Warum wir unsere traditionelle Vorstellung von Familie überdenken sollten.

Jana Braungardt

Crossmedia Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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„Ich habe mir überlegt: Was für Möglichkeiten habe ich denn? Ich war über 33 Jahre alt, meine Uhr hat innerlich angefangen zu ticken“, sagt Tanja*, während ihr Mattis* auf den Knien herumturnt. Die 35-Jährige hat sich ihren Kinderwunsch mit Co-Parenting erfüllt, einem neuen Familienkonzept. „Dann dachte ich mir, okay, meine einzige Option ist es, mir einen Mann zu suchen, der auch ein Kind will, unabhängig von einer Beziehung.“ Heute hat Tanja ein Kind mit einem homosexuellen Mann, der selbst verheiratet ist. Ein Paar waren sie nicht und werden es auch nie sein. Dennoch sind sie Mama und Papa für den kleinen Mattis.

Mit Onlinedating zum Kind

Tanja hat auf der deutschen Plattform „familyship“ nach Menschen gesucht, die denselben Wunsch haben wie sie: eine Familie zu gründen. Mit diesem Wunsch ist sie nicht allein. 2.800 Menschen sind auf der Plattform ebenfalls auf der Suche. Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters, aber auch mit verschiedenen sexuellen Orientierungen und Nationalitäten. Die Vielfalt der Kombinationen ist groß und so kann man von Regenbogenfamilien sprechen. Betrachtet man die Profile, erinnern sie an Datingportale – mit persönlichen Bildern, Ansprüchen und Vorgaben. Die Mitglieder beschreiben ihre Lebenssituation, ihren unerfüllten Kinderwunsch und wie sie sich das Leben mit Co-Parenting vorstellen.

Diese Parallele sieht auch Tanja: „Das ist eigentlich wie beim Dating – nach ein, zwei Nachrichten merkst du direkt, wie der andere tickt und ob die Chemie passt.“ Den potenziellen Co-Vater hat sie über ein Jahr unter die Lupe genommen und unverbindlich kennengelernt. Gemeinsame Spieleabende, das Kennenlernen der Freunde und Gespräche über die Zukunft. Tanja hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und sich dabei viele Fragen gestellt: „Ist er überhaupt in der Lage, für längere Zeit verbindlich zu sein? Wie ist sein Freundeskreis? Hat er bestehende Freundschaften? Wie verbringt er Familienfeste? Man kann ja viel erzählen, aber man weiß ja dann am Ende nicht, ob es auch wirklich so ist.“ Mit ihrem 34. Geburtstag kam dann der endgültige Entschluss: „Jetzt.“

Neun Monate nach dem positiven Schwangerschaftstest ist Tanjas „persönliches Wunder“ da. | Bild: Tanja Schabert
„Wir verstehen uns gut und das Kind merkt, dass wir in Harmonie leben. Es gibt nicht nur eine Kind-Übergabe, sondern er bewegt sich bei uns frei. Er kocht sich einen Kaffee, hat einen Schlüssel und fühlt sich hier wohl.“ | Bild: Tanja Schabert
„Ich war mir echt sicher, dass es klappt. Ein Kind ist so ein emotionales Thema. Wenn ich da unsicher gewesen wäre oder Angst gehabt hätte, wäre ich das Ganze nicht angegangen.“ | Bild: Tanja Schabert

Co-Parenting ist bisher in Deutschland wenig bekannt. Der Ursprung dieses Konzepts stammt aus den USA. Über die Verbreitung hierzulande kann man bisher wenig sagen. Aber das Thema gewinnt an Aufmerksamkeit, was nicht zuletzt die verstärkte Berichterstattung über dieses Thema zeigt. 2016 haben laut dem Statistischen Bundesamt 14.000 Kinder in Regenbogenfamilien gelebt. Doch bei den bisherigen Erhebungen gehen Familienformen wie das Co-Parenting und damit auch eine multiple Elternschaft unter und werden wenig erforscht.

Vater, Mutter, Kind

Dabei wäre diese Form der Familiengründung für viele Menschen attraktiv. Für Singles ist der Weg zu einem Kind meist nur im Ausland und mit der Hilfe von Samenbanken möglich. Genau das war für Tanja nie eine Option: „Ich wollte eine aktive Vaterfigur für mein Kind und auch, dass ich an mancher Stelle entlastet werde.“ Ihre Anforderungen an den zukünftigen Co-Vater waren vor allem, dass er bedingungslos gegenüber dem Kind sein sollte, egal ob es dabei um Zeit oder finanzielle Mittel geht. Tanja wollte keinen Vater für ihr Kind, der sagt: „Ja, ich möchte zwar ein Kind, aber nur alle zwei Wochen an den Wochenenden.“ Die Betreuungssituation werden die beiden situationsbedingt anpassen, wenn Mattis älter ist. Tanja kann sich im Moment noch kein 50:50 Modell vorstellen, da der Co-Vater auch durch seine Arbeit eingeschränkt ist. Dennoch wünscht sie sich, dass Mattis nicht jeden Tag in den Kindergarten geht, sondern abwechselnd von beiden betreut wird. Dabei wird auch der Ehemann des Co-Vaters eine Rolle spielen, der zwar selbst keinen Kinderwunsch hat, aber in Mattis Leben eine Art Onkelrolle einnimmt. 

Die leiblichen Eltern von Mattis haben also das gemeinsame Sorgerecht, welches in Deutschland sowieso nur für zwei Elternteile gilt. Familien mit mehreren Elternrollen fallen aus dem Raster und müssen damit die Entscheidung treffen, wer das gesetzliche Sorgerecht bekommt – oft ein Hindernis auf dem Weg zu einer Co-Elternschaft mit mehreren Müttern und Vätern.

Die rechtliche Lage in Deutschland

Sorgerecht

Das Sorgerecht kann in Deutschland nur bei zwei erwachsenen Personen liegen. Es wird aber gesetzlich kein Unterschied gemacht, ob sie sich in einer Partnerschaft befinden oder nicht. Somit werden sie rechtlich wie ein unverheiratetes Paar behandelt. 

Sorgerechtserklärung

Wie bei unverheirateten Paaren liegt das Sorgerecht zunächst bei der Frau, die das Kind zur Welt bringt. Sie ist rechtlich gesehen die Mutter. Durch eine sogenannte Sorgerechtserklärung wird der biologische Vater auch rechtlich zum Vater erklärt.

Unterhalt

Durch die Sorgerechtserklärung ist wiederum der Vater gegenüber dem Kind, und in gewissen Fällen auch gegenüber der Mutter, unterhaltspflichtig. Er hat gleichzeitig ein Recht auf den Umgang mit seinem Kind.

Mehrelternschaft

Eine Mehrelternschaft ist bisher gesetzlich nicht möglich. Es können zwar mehrere Personen eine soziale Mutter- oder Vaterrolle im Leben des Kindes einnehmen, die dann aber kein Sorgerecht oder gesetzliches Recht auf Umgang haben. In der kanadischen Provinz Ontario kann ein Kind seit 2016 bis zu vier Elternteile haben.

Quelle: Dudwiesus Rechtsanwalt, 2017

Doch nicht nur rechtlich ist Deutschland wenig auf solche Konstellationen eingestellt, sondern auch gesellschaftlich. Das bestätigt Tanja, als sie erklärt, wieso ihr Name geändert werden soll. „Eigentlich ist es total schade, dass man anonym über sowas berichten muss. Weil man eigentlich ja sagen möchte: ‚Wir haben ein Gesicht, wir sind auch eine Familie.‘ Und man sollte damit rausgehen und zeigen, dass es auch anders geht.“ Was sie davon abhält, ist ihr berufliches Umfeld. Ein konservativer Chef und ihr außergewöhnliches Familienleben passen nicht zusammen. „Da ist immer von euch, Familie, Vater-Mutter-Kind die Rede.“

Zwischen Normalität und Tradition

Deswegen werden Co-Parenting-Familien häufig mit Kritik konfrontiert, die sich um das Wohl des Kindes dreht. Kinder- und Jugendpsychologin Ulrike Banzhaf sieht in der Konstellation keine Problematik: Wenn es ein Problem für diese Kinder gibt, dann weil andere Eltern noch zu traditionell für so etwas sind.“ Ein Vorteil könne auch sein, dass man den Partner ausschließlich nach Elternqualitäten aussucht und nicht danach geht, ob man sich eine gemeinsame Beziehung vorstellt. Zudem bestehe weniger emotionales Konfliktpotenzial zwischen den Eltern.

"Es ist nicht immer alles toll und rosig und es ist natürlich genauso schwierig wie zwischen zwei anderen Elternteilen auch.“ – Tanja Schabert

Dass trotzdem auch in dieser Familienkonstellation nicht immer alles rosig ist, erzählt Tanja aber auch. „Es gab schon Momente, wo ich dachte: ‚Hätte ich es halt mal alleine gemacht‘, da würde ich sonst lügen. Es ist nicht immer alles toll und rosig und es ist natürlich genauso schwierig wie zwischen zwei anderen Elternteilen auch.“ Sie berichtet von Kommunikationsproblemen, unterschiedlichen Vorstellungen und Phasen, in denen es Streitigkeiten gibt. Dass man ihre Beziehung nicht mit einer Partnerschaft vergleichen kann, ist für Tanja ebenfalls klar. „Aber wir wollten unbedingt zusammen ein Kind, was uns miteinander verbindet. Es hat geklappt, unser Kind ist gesund und unser größtes Glück.“

*Die Namen der Protagonisten wurden nachträglich von der Redaktion geändert.