Im Schwarzwald kümmert sich Veronique um ihre Tochter und die Tageskinder, die sie betreut. | Bild: Julia Ruppert

Gesundheit&Geist Vegane Ernährung
„Und wie mache ich das jetzt mit dem Kind?”

Im Schwarzwald kümmert sich Veronique um ihre Tochter und die Tageskinder, die sie betreut. | Bild: Julia Ruppert

11 Dec 2019

Chicken Nuggets, Wiener Schnitzel, Spaghetti Bolognese: Diese Klassiker liebt jedes Kind. Doch Veroniques Tochter hat diese noch nie in ihrem Leben probiert – sie wird seit ihrer Geburt vegan ernährt. In der Gesellschaft ist vegane Ernährung ein sehr kontroverses Thema, aber beeinträchtigt vegane Ernährung Kleinkinder in ihrer Entwicklung tatsächlich?

Julia Ruppert

Wintersemester 2019/20
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Mai Vy Nguyen Ngoc

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Veronique ist seit 2013 Veganerin – aus ethischen Gründen. 2015 wurde sie schwanger. Neun Monate lang hat die werdende Mutter sich damit auseinandergesetzt, ob und wie sie ihre Tochter vegan ernähren kann. Sie hat intensive Recherche betrieben und ist letztendlich zu dem Entschluss gekommen, dass die vegane Ernährung im frühen Kindesalter durchaus umsetzbar ist. Alexandra ist mittlerweile drei Jahre alt und gesund und munter. Während wir uns mit Veronique im Wohnzimmer ihres Hauses unterhalten, sitzt das von Anna und Elsa plaudernde Mädchen im Kinderstuhl neben uns und isst ein Stück Pizza von der Übernachtungsparty der vergangenen Nacht.

Schulmedizin, Ernährungsberatung und Veroniques Entscheidung

„Eine vegane Ernährung ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet und kann ihr Wachstum gefährden” - meint zumindest Dr. Karella Easwaran in „Das Geheimnis gesunder Kinder”. Auch Veroniques Kinderärztin sei fast vom Stuhl gefallen, als sie gehört hatte, dass die Mutter ihre Tochter rein pflanzlich ernährt. Von der bisherig ablehnenden Haltung zum Bluttest beim Kind wechselte die Ärztin ganz panisch zu „Ja okay und dann muss man dies und jenes und welches noch mit testen”. Mittlerweile hat die Ärztin keine andere Wahl, als zähneknirschend zuzugeben, dass man bei der Entwicklung und den Blutergebnissen des Kindes „ja nichts dagegen sagen” kann. Veronique ist sich der kritischen Haltung der Schulmediziner bewusst und begründet diese dadurch, dass Ernährungswissenschaften kein Bestandteil der Ausbildung eines Arztes sei.

In Deutschland gibt es mittlerweile Studien, die belegen, dass Kinder durch vegane Ernährung nicht geschädigt werden, auch wenn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine vegane Ernährung für Säuglinge und Kinder nicht empfiehlt:

  • Die „VeChi Diet-Studie” (Vegetarian and Vegan Children Study) von der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld zeigt, dass sich die vegan ernährten Kinder im Vergleich zu omnivor ernährten Kindern normal entwickeln.
  • Das „National Programme for the Promotion of Healthy Eating Portugal” ist der Meinung, dass vegetarische oder vegane Diäten chronische Krankheiten vermeiden und bekämpfen können.
  • Auch die „Academy of Nutrition and Dietetics” aus den USA sieht die pflanzliche Ernährung als gesund, vollwertig und nachhaltig an - vom Säuglingsalter bis ins höhere Alter.
  • Die Organisation „Dietitians of Canada” schreibt, dass vegetarische oder vegane Ernährungsweisen gesund für Kinder jeden Alters sein können, solange diese gut geplant werden.

Entscheiden sich Eltern für die vegane Ernährung, sollten diese ihrem Kleinkind natürlich nicht unüberlegt nur noch Soja servieren. Marco Hedel, veganer Ernährungsberater aus Stuttgart, sieht bei der rein pflanzlichen Ernährung von Kleinkindern keine Probleme. Man müsse nur gut darauf achten, dass das Kind alle wichtigen Vitamine und Nährstoffe bekommt. Dies würde bedeuten, „die sechs Lebensmittelgruppen wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide, Nüsse und Samen täglich zu sich zu nehmen”, so Marco Hedel. Aber auch Supplementationen in Form von Vitamin B12 und besonders im Winter Vitamin D seien dringend zu empfehlen. Dennoch sollten sich Eltern davor ausführlich informieren, dabei können sie sich Hilfe bei einem Ernährungsberater oder vegan-freundlichem Arzt suchen.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V., Dietitians of Canada, VeChi-Studie, Marco Hedel | Bild: Julia Ruppert

Veroniques Umfeld und der Beruf als Tagesmutter

In Veroniques Bekannten- und Freundeskreis herrschte anfangs ebenfalls Skepsis gegenüber dem veganen Lebensstil ihrer Familie. Oftmals wurde eine Erkältung ihrer Tochter auf die vegane Ernährung geschoben oder ironische Kommentare über den auf dem Tisch stehenden Blumenstrauß gemacht. Veronique lässt sich davon nicht beeindrucken und bleibt sich und dem Veganismus treu. Mittlerweile gehen auch ihre Freunde offener mit dem Thema um und die Sticheleien haben abgenommen.

Ursprünglich war die Familienplanung für Veronique und ihren Ehemann nach dem ersten Kind noch nicht abgeschlossen. Als ihr Mann jedoch plötzlich verstarb, stellte sie sich die Frage, was sie mit ihrem Leben eigentlich machen möchte. Ihr war schnell klar, dass sie nicht ihr Leben lang im Büro arbeiten will. Ein Studium traute sie sich zu dem Zeitpunkt allerdings auch nicht zu. Die Antwort kam durch eine befreundete Mutter, die nach ihrer Elternzeit wieder arbeiten gehen wollte. Diese sagte zu Veronique: „Ach Mensch, wärst du Tagesmutter, würde ich mein Kind zu dir geben.” Veronique reagierte etwas perplex: „Ich? Tagesmutter? Danke, nein.” Jedoch ließ sie dieser Gedanke nicht mehr los, da sie schon immer mit Kindern arbeiten wollte.

„Ich? Tagesmutter? Danke, nein.” – Veronique Seiler

Zur Zeit betreut sie an vier Tagen in der Woche die Tageskinder im Erdgeschoss ihres Hauses. Ihre Betreuung beinhaltet ein veganes Frühstück und Mittagessen, obwohl die Eltern der Kinder keine Veganer sind, sondern sich und ihre Kinder omnivor (also inklusive Fleisch, Milch und Eiern) ernähren. Dennoch schätzen sie es sehr, dass ihre Kinder bei Veronique vollwertig und gesund ernährt werden. Veronique möchte den Kindern vor allem das Ernährungsbewusstsein nahebringen und ihnen zeigen, was die Zusammenhänge bei Lebensmitteln sind. „Morgens, wenn die Kinder kommen, sehen sie mich ganz oft Gemüse schnippeln, damit sie das auch mal gesehen haben. Auch wenn sie jetzt mit anderthalb Jahren noch nicht das Bewusstsein haben, wird vieles unterbewusst abgespeichert” erzählt Veronique. So lernen die Kinder, wie das Gemüse im Brei vor der Verarbeitung aussieht.

Viele Eltern fragen bei Veronique ganz interessiert nach, was es zu essen gab. Besonders Veroniques „Einhornsuppe” begeistert Kinder wie Eltern: „Das ist eigentlich ein Gemüseeintopf mit Hirse. Dann mache ich zusätzlich statt einer orangenen Möhre eine lila Möhre rein und die färbt den Eintopf lila. Die Hirse sieht dann ein bisschen aus wie Glitzer und schon ist es eine Einhornsuppe.” Und solange es eine „Einhornsuppe” ist, schwindet auch die Gemüse-Skepsis von vielen Kindern in Sekundenschnelle.

Die alleinerziehende Mutter möchte letztendlich das Beste für ihr Kind. | Bild: Julia Ruppert
Im Wohnzimmer steht ein Regal voller Rezeptbücher für jeden Anlass. | Bild: Julia Ruppert
Die Nähe zu den Tieren wird im Kalender sichtbar. | Bild: Julia Ruppert
Veroniques vegane Lebensart spiegelt sich am Kühlschrank wider. | Bild: Julia Ruppert
Nicht nur vegan, sondern auch saisonal und regional ist der Familie wichtig. | Bild: Julia Ruppert
Das Schneidebrett besteht aus gepresstem Papier. | Bild: Julia Ruppert
Veronique dünstet und schnippelt, während sie mit uns redet. | Bild: Julia Ruppert
In der veganen Spielküche kocht Alexandra nur mit pflanzlichen Zutaten – und veganem "Käse". | Bild: Julia Ruppert
Der Duft des gedünsteten Gemüses erfüllt den ganzen Raum. | Bild: Julia Ruppert
Trotz buntem Gemüse greift Alexandra zuerst zur veganen Pizza von gestern. | Bild: Julia Ruppert
Gegen Mittag entdeckt Veronique ihren Rest Kaffee vom Frühstück. | Bild: Julia Ruppert

Nach unserem Interview fängt Veronique an, das Gemüse in der Küche zu schnippeln. Währenddessen klappert es in der veganen Spielküche ihrer Tochter Alexandra, die den passenden Salat aus Paprika, Bananen und veganem „Käse” zubereitet. Alexandra hat trotz ihres jungen Alters bereits eigene Erfahrungen gemacht, die sie zur veganen Ernährung bewegten. Während eines Urlaubs auf einem Bauernhof beobachtete sie, wie ein neugeborenes Kalb von seiner Mutter getrennt und in die Kälberbox gebracht wurde. Veronique sagt, dass das eine wichtige Erkenntnis für Alexandra war und sie mittlerweile sogar selbst fragt, ob der angebotene Keks vegan sei.

Veronique selbst trinkt zum veganen Keks auch gerne mal einen Kaffee mit Pflanzenmilch. Als wir sie in ihrer Küche begleiten, zeigt sie uns lachend die Blümchentasse mit dem kalten Kaffeerest vom Frühstück.

„Egal, ob vegan oder nicht - den kalten Kaffee gibt’s in jeder Familie!” – Veronique Seiler
Impressionen aus der veganen Kinderküche