Eine eigene Familie zu gründen, ist für viele Menschen ein Herzenswunsch. | Bild: Isabelle Kern

Kultur&Identität Asexualität
Wie liebt man ohne Verlangen?

Eine eigene Familie zu gründen, ist für viele Menschen ein Herzenswunsch. | Bild: Isabelle Kern

25 Jun 2020

Paul ist asexuell. Dadurch hat die schönste Nebensache der Welt keine Relevanz für ihn. Dass er ein Leben mit Frau und Kindern führen möchte, stand für ihn trotzdem fest. Aber was bedeutet die Asexualität für die Partnerschaft und den Kinderwunsch? Wie Paul die Konflikte in sich selbst und bei anderen überwinden konnte, um sein Ziel zu erreichen, erzählt sein Porträt.

Paul mag es mit seiner Frau zu kuscheln und sie zärtlich zu küssen. „Nur Sex ist Etwas, das ich nicht unbedingt brauche“, sagt der 40-Jährige. Bereits in der Pubertät bemerkt Paul, dass er anders ist. Er besuchte mit seinen Freunden den Sexshop im Ort, um sich mit ihnen die lasziven Bilder in den Erotikmagazinen anzuschauen.

„Leute das ist doch stinklangweilig“ – Paul

Während seine Freunde dabei alle rote Ohren bekamen, ließen ihn die Aufnahmen relativ kalt. „Das war der Moment, an dem ich gemerkt habe, dass ich anders ticke. Nur damals gab es noch keine Worte dafür“, erinnert sich Paul.

Asexualität ist keine bewusste Entscheidung

Asexuelle Menschen haben kein Verlangen nach Sex und vermissen dabei auch nichts. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge ist etwa ein Prozent der Bevölkerung asexuell. Dabei ist das Auftreten bei Männern wie Frauen ausgewogen. Außerdem ist die Forschung davon abgekommen sie als Krankheit oder als psychische Probleme wahrzunehmen. Vielmehr wird sie heute neben der Hetero-, Bi- und Homosexualität offiziell als vierte Orientierung anerkannt.

Allerdings sind die Grenzen des asexuellen Spektrums nicht starr, sondern zeichnen sich durch ihre Vielfalt aus, die sich auf der sexuellen und romantischen Ebene abspielt. Paul beschreibt es so: „Ich kann mich total verlieben, aber das ist ein rein romantisches Verlieben. Das ist mehr als eine Freundschaft, aber das geht nicht mit dem Drang zusammen mehr anzufangen“.

Das Spektrum der Asexualität:

Das Spektrum der Asexualität | Quellen: www.lgbtqnation.com, www.aven-info.de | Grafik: Isabelle Kern

Der holprige Start zur Identität

Die Reise zu Pauls Identität verlief nicht ohne Konflikte.
„Ich dachte, dass ich ein Spätzünder bin und das alles mit der Zeit kommen würde. Meine erste Freundin hatte ich mit Mitte 20. Dadurch dass ich nicht wusste, was von mir sexuell erwartet wurde und ich auch nicht erklären konnte worin das Problem bestand, war es schwer darüber zu sprechen. Das führte zu Spannungen in der Beziehung woran auch diese und weitere Beziehungen gescheitert sind“, erinnert sich Paul. „Irgendwann habe ich aber dann einen Weg gefunden damit umzugehen, weil für mich war klar, dass ich in meinem Leben eine Partnerin und Kinder wollte“.

Was eine Beziehung ohne Sex für die Partner*innen bedeutet, erklärt die Münchner Sexualtherapeutin Heike Melzer.

Asexuelle Beziehungen erfordern Kompromisse und Kreativität

Für die Sexualtherapeutin Heike Melzer ist es wichtig individuelle Lösungen für die Paare zu entwickeln, die auch funktionieren. Dabei spielen insbesondere die persönlichen Grenzen der Partner*innen eine Rolle, die Kompromissbereitschaft und Kreativität auf beiden Seiten erfordern. „Neben der Option eine offene Beziehung zu führen, gibt es auch bestimmte Arten von Sexualpraktiken die Anwendung finden können“, sagt Frau Melzer. So kann ich in der Sexualität ja auch sagen: „Hey ich hab dich lieb, ich will dir emotional nah sein und weiß, dir ist Körperlichkeit wichtig, aber lass mich bitte etwas außen vor sein“.

„Das ist wie wenn man was für den Partner kocht was einem nicht schmeckt. Heute mal vegan, obwohl ich lieber Steak mag!“ – Heike, Melzer, Sexualtherapeutin

„Da bietet sich eine schöne Massage mit "Happy End" an. Ansonsten ist die Sexualität so bunt wie ein Blumenstrauß, bei der es nicht unbedingt einen Penis braucht, um Befriedigung zu erlangen“, weiß sie aus der Praxis zu berichten. Für seine Frau hätte Paul sich auf eine offene Beziehung eingelassen, aber für sie kam das in der Partnerschaft überhaupt nicht infrage. Deswegen haben Beide ihren eigenen Weg gefunden den Bedürfnissen des anderen gerecht zu werden. „Man muss halt zu- und abgeben das ist ganz klar“, stellt er treffend fest.

Mischbeziehungen können funktionieren

Seit mehreren Jahren ist Paul mit seiner Ehefrau Maike verheiratet, die er bei einem Segeltörn kennen und lieben gelernt hat. Dieses Hobby verbindet sie bis heute. Da Maike nicht asexuell ist, braucht es zusätzliche Kompromissbereitschaft in ihrer Beziehung. „Ob es einfacher gewesen wäre eine rein asexuelle Beziehung zu führen“, kann Paul so nicht beantworten. „Ich verliebe mich ja in den ganzen Menschen und nicht nur in eine Facette seiner Identität“, stellt er fest. „Vielleicht gäbe es ein Konfliktfeld weniger, aber dann hätte man höchstwahrscheinlich andere Probleme. So sind halt Menschen eben“ und schließt damit das Gedankenexperiment für sich ab.

Die sexuelle Orientierung der Eltern sollte vollkommen nebensächlich sein, solange die Kinder geliebt werden. | Bild: Isabelle Kern
Eine Beziehung besteht aus so viel mehr als Sex. | Bild: Isabelle Kern
Sexualisierte Bilder in den Medien gehören zum Alltag. Denn es gilt: Sex sells! | Bild: Isabelle Kern

Asexualität bei Männern ist ein Tabu

In einer Gesellschaft in der Sexualität mit anderen Menschen als selbstverständlich vorausgesetzt wird, sehen sich asexuelle Menschen unterschiedlichen Diskriminierungen ausgesetzt. Frauen wird unterstellt frigide zu sein oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben, die sie drastisch traumatisiert hätte. Männern dagegen wird unterstellt kein "richtiger Mann" zu sein, da ihnen stereotypisch ein starkes Bedürfnis nach Sexualität zugeschrieben wird. Paul stößt das sauer auf. „Ich möchte mich nicht mehr verstecken“ und steht jetzt zu seiner Asexualität, wenn das Thema aufkommt. Es ist eine undenkbare Sache, weil auch die ganze LTBG Bewegung geht immer noch davon aus, dass jeder Mensch Sex hat und Sex will“, gibt er zu bedenken. „Deswegen ist es wichtig, dass diese Orientierung anerkannt wird“, sagt Paul. Da es für seine Kinder immer schon klar war, dass ihr Vater etwas anders tickt als andere Väter, war das Outing kein großes Thema bei ihnen. Er erzählte, dass die mittlerweile groß gewordenen Teenager es ganz entspannt aufgenommen hätten. Deshalb wünscht er sich ganz selbstverständlich und natürlich mit seiner Orientierung leben zu können.

Zum Schluss zieht er ein Resümee über sein Leben mit der Asexualität: „Ich hätte wenig anders gemacht, aber ich hätte meine Entscheidungen bewusster getroffen. Das Ergebnis wäre dasselbe, aber ich wäre zufriedener gewesen“.

*Name von der Redaktion geändert