Menschen sind Datenpakete, und Daten sind wertvoll. | Bild: Curtis MacNewton (Unsplash)

Blickwinkel Digitalisierung
Der Mensch als Datensatz

Menschen sind Datenpakete, und Daten sind wertvoll. | Bild: Curtis MacNewton (Unsplash)

18 Dec 2018

Smart Cities scheinen für Technik-Enthusiasten das Konzept der Zukunft zu sein. Großkonzerne wie Google oder Microsoft treiben den Ausbau solcher Projekte voran. Doch der Preis für die Vision der digitalisierten Daten-Städte ist hoch – Überwachung und soziale Spaltung drohen.

Die Verheißungen sind groß: Städte sollen ökologischer, vernetzter, sicherer und effizienter werden. Intelligente Abfalleimer benachrichtigen automatisch die Müllabfuhr, sobald sie zu voll werden. Autonom fahrende Autos zieren das Bild der Straßen. Kühlschrank, Waschmaschine und Rollläden kommunizieren miteinander. Smart Home, Smart Mobility, Smart School – die Smart City garantiert allumfassende Vernetzung in jedem Lebensbereich. Dabei liegen Komfortgewinn und Kontrollgesellschaft nur Millimeter nebeneinander. Smart Cities versprechen ein Idealbild einer perfekten Stadt, eine digitalisierte Utopie, die sich bei genauerer Betrachtung jedoch als Orwell’sche Dystopie erweist.

Wirtschaft, Wirtschaft über alles

 

Tech-Riesen läuft bereits der Speichel im Mund zusammen. Denn smarte Städte sind für Google, Microsoft und Co. nicht bloß Imageprojekte. Ihre allgegenwärtige Präsenz in den digitalen Zukunftssiedlungen sichert den Konzernen handfeste ökonomische Vorteile zu. Der Publizist Evgeny Morozov warnt, dass Tech-Firmen Städten die technische Infrastruktur aufdrängen und somit abhängig machen würde. Es ist offensichtlich: Die Bereitstellung der benötigten Software festigt deren Monopolstellung und bindet Nutzerinnen und Nutzer an ihre Produkte.

Es geht ums Geld. In Toronto, der größten Stadt Kanadas, plant Alphabet – der Mutterkonzern von Google – eine solche smarte Stadt. Unumgänglich bei derartigen Visionen urbaner Zukunft: das Datensammeln. Die massenhafte Anhäufung und Auswertung von Nutzerdaten riecht stark nach Überwachungsstaat. Wer legt denn fest, welche Informationen zu welchem Zweck gespeichert und eventuell weiterverkauft werden? Und wer unterscheidet zwischen wichtig und unwichtig?

Für die Tech-Konzerne gleicht die Stadt damit einer Ware, die den Gesetzen des Marktes unterworfen gehört. Beteiligte Unternehmen jedenfalls dürften sich über marketinggeeignete Zusatzinfos höllisch freuen. Der Verein Digitalcourage kritisiert, dass in den EU-Beratungen über Smart Cities große Player wie Siemens oder Cisco mit am Tisch sitzen, während zivilgesellschaftliche Gruppierungen dort kaum Platz fänden. Das zeigt, dass die aktuelle Debatte um Smart Cities stark vom neoliberalen Denkmuster der Privatwirtschaft geprägt wird, kaum aber von Akteuren, die die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten.

Straßenlaternen an jeder Ecke, die mittels integrierter Videokamera das Geschehen aufzeichnen und Fußgänger erkennen können – das ist keine Vision einer fortschrittlichen Stadt, das ist schlicht ein Paddelschlag in totalitäre Gewässer. Diese „Diktatur der Daten“ (NZZ) kann eine freie, offene Gesellschaft nicht akzeptieren – Technikoptimismus hin oder her. Von der Anfälligkeit solcher Systeme für Hackerangriffe mal ganz abgesehen. Energieeffiziente Gebäude etwa oder Einsparungen durch intelligente Systeme fungieren als Lockvogel in feinstem Marketing-Federkleid. Wer könnte dagegen schon etwas einwenden?

Es geht auch anders

Ein anderer Punkt, der in Vorzeigeprojekten kaum angeschnitten wird, ist die soziale Durchmischung. Der Logik der bisherigen Modelle folgend, scheint die smarte Stadt eher für Besserverdiener konzipiert zu sein. Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik geht davon aus, dass sich Smart Cities eher an den „gehobenen, technikaffinen Mittelstand“ richten. Soziale Heterogenität –  eine Gesellschaft, in der Arm und Reich Tür an Tür leben, rückt mit dem neoliberal angehauchten Konzept der Smart Cities in noch weitere Ferne als ohnehin schon. Doch es geht auch anders: Weniger bekannt, dafür umso interessanter sind alternative Ansätze wie etwa jener der Open City. Dessen Pionier Richard Sennet hält zwei Merkmale für eine fortschrittliche Stadt der Zukunft für entscheidend. Erstens sei eine unvollkommene, unvollständige Stadt ohne Steuerungs- und Sammelwahn vonnöten. Zweitens durchlässige, überlappende Grenzen zwischen Quartieren, Ethnien und sozialen Klassen. Dieser Ansatz geht weniger in Richtung Polizeistaat und mehr in Richtung smarte Stadt – ohne Orwell-Dystopie, ohne Digitaldiktatur.