Gökhan Güler bei der Arbeit. | Bild: Moritz Osswald

Interviews Mischen & Mastern
„Wir verkaufen hier Träume“

Gökhan Güler bei der Arbeit. | Bild: Moritz Osswald

09 Jan 2019

Gökhan Güler ist Mixing- und Mastering-Engineer: Er verpasst Liedern den letzten Schliff, schmirgelt sie solange, bis sie radiotauglich sind. Der 36-Jährige sitzt vor seinen zwei riesigen Bildschirmen in Stuttgart-Weilimdorf, vor ihm ein Meer an Knöpfen und Reglern.

Zwischen Bart, Goldrand-Brille und Haaren versteckt sich sein Gesicht. Zigarettenfilter im Mundwinkel, den Blick fixiert auf Tonspuren und Tonhöhen. Ein bisschen wie Don Corleone in „Der Pate“, nur ohne Katze auf dem Schoß. Gökhan Güler verkehrt auch mit Gangstern – allerdings leben die ihre kriminellen Fantasien meist in ihrer Musik aus. Schwesta Ewa, Xatar, Capo, Nimo: Er ist der Strippenzieher hinter vielen bekannten deutschen Rap-Künstlern, die graue Eminenz des Hip-Hop’s. Der Stuttgarter mit türkischen Wurzeln ist Diplomat durch und durch – monströse Künstler-Egos muss er im Griff haben. Gelernt hat er von der alten Garde: Engineers von Freundeskreis oder den Massiven Tönen konnte er über die Schulter schauen. Der Meister des Masterns im Gespräch über Psychologie, Musik und Anerkennung.

Du arbeitest mit Künstlern zusammen, die Drogen, Sex und Gewalt besingen. Wie Gangster sind sie wirklich?
Wenn die bei mir sind, benehmen sie sich. (grinst)

Du hörst pausenlos Musik, jeden Tag – berufsbedingt. Kannst du in deiner Freizeit überhaupt noch Musik hören?

Was ich nicht mache, ist einfach nebenher Musik laufen zu lassen. Ich setze mich hin und entscheide mich bewusst dazu, jetzt Musik zu hören. Dann sitze ich da und mache auch nichts anderes. Ich staubsauge nicht nebenher und koche auch nicht. Wenn ich Musik höre, dann höre ich Musik. Musik ist für mich nicht etwas, was nebenbei in meinem Alltag passiert. Es ist etwas, das volle Aufmerksamkeit verdient.

Glaubst du, dass Musik durch Spotify und Co. eher zum Nebenprodukt geworden ist?

Ich glaub‘ das war schon immer so. Zumindest seit es Musik im Alltag gibt. Die Sache ist: Ich fühle mich von der Musik gestört, wenn ich etwas anderes mache. Und ich fühle mich von anderen Sachen gestört, wenn ich Musik hören will. Ich hasse es, wenn man in Gesellschaft ist, kocht oder sich unterhält und dann läuft nebenbei Musik. Allerdings gefällt es mir, wenn jemand „iPhone-DJ“ spielt und man sich gegenseitig Lieder zeigt. Das erinnert mich auch ein bisschen an meine Kindheit. Da war’s für die Anerkennung immer sehr wichtig bei den Mitschülern frische Musik zu haben, zu zeigen und auszutauschen. Ich fand‘s immer sehr interessant zu sehen, was für eine Emotion die Leute entwickeln, wenn sie ‘nen Song hören oder entdecken. Musik ist für mich eine rein subjektive Sache.

Das heißt?

Ein studierter Musiker hört bei Rap-Musik Dreiklang-Akkorde oder Standard-Akkordwechsel heraus und sagt: „Das ist ja alles Pipifax und Kindergarten“. Aber dieser studierte Musiker hat vielleicht nicht den Bezug dazu, was für eine Wirkung diese Akkorde haben, die man in der Grundschule lernt (spielt Akkorde auf Keyboard). Bei klassischer Musik sind die Kompositionen viel komplexer und haben Emotionsumschwünge und hin und her. Die Arrangeure holen dich ab, die Komponisten holen dich ab. Sie bringen dich von einer Stimmung in eine andere Stimmung. Rap ist aber in einer simpleren Form das Gleiche.

Die Kritik fällt auch oft im Bereich House und Techno. Acht Minuten, ein Akkord – das sei doch schnell produziert und keine Kunst.

Finde ich überhaupt nicht. Man muss es erst mal schaffen, acht Minuten lang einen Akkord laufen zu lassen und den Zuhörer dabei abzuholen, von der ersten bis zur letzten Sekunde an. Beim Techno passieren viele kleine Sachen. Und diese kleinen Sachen treiben es voran. Es muss auch nicht immer ein Blockbuster sein. Es kann auch mal ein monotoner Schwarz-Weiß-Film sein, der nette Dialoge hat. Die, die sowas sagen, haben überhaupt keine Ahnung.

Wie viel bei deiner Arbeit ist Kunst, wie viel Technik?

Mir kommt irgendwas in den Kopf und die Lösungen für Probleme kommen dann intuitiv. Ich denke nicht mehr so viel drüber nach. Ich erkenne einen Problembereich in einem Song. Dann weiß ich, was ich tun muss. Wenn das dann nicht funktioniert, probiere ich eine andere Technik. Es ist unterbewusst. Technisch, aber nicht wie eine technische Zeichnung. Denn es gibt keine Schablone für Songs. Wenn es so einen Blueprint geben würde, dann würden Online-Plattformen fürs Mastering auch funktionieren. Die würden einfach eine Blaupause hochladen und fertig. Man muss immer intuitiv an die Sache rangehen, reinhören, schauen: Was hat der Song zu viel, was hat er zu wenig?

Darin besteht dann also die Kunst.

Genau. Darin, die Balance zu finden.

Aber hört ein Rapper überhaupt einen Unterschied heraus zwischen gemastert und ungemastert?

Es gibt wirklich Künstler, die hören Sachen raus, die ich selber nicht höre. Da denke ich mir: Okay, vielleicht solltest du an meiner Stelle hier sitzen (lacht). Aber ich würde sagen, dass 80 Prozent der Rapper in erster Linie ihre eigene Stimme hören. Dann gucken sie: Wie wirke ich auf dem Song? Verkörpert der Song mich, meine Persönlichkeit wieder?

Die Stimme trägt den Song.

Genau. 80 Prozent der Revisionen, die ich mache, drehen sich um die Stimme. Da bekomme ich Rückmeldungen wie: Ich klinge ein bisschen unmächtig. Ich möchte mächtiger klingen. Und dann ist die Kunst, reinzuhören und zu sagen: Okay, er nimmt sich nicht wahr wie ein Putin, wie ein Mensch, der für Macht steht. Dann muss man halt gucken, wie man diese Beschreibungen ins Technische übersetzt.

Du musst also Wörter und Beschreibungen in Frequenzen umwandeln.

Manchmal ist es auch einfach eine Sache der Lautstärke. Oftmals machst du eine Stelle um zwei Dezibel lauter und die Wahrnehmung verschiebt sich. Es ist viel Psychologie dabei. Es gibt auch das Phänomen, dass jemand kritisiert, weil er kritisieren will. Er denkt sich: Okay, die erste Version kann‘s nicht sein. Da muss man mehr dran arbeiten, das geht mir zu schnell so!

Ohne dabei konkret zu werden?

Er sagt dann zum Beispiel: Ich will, dass es an dieser Stelle etwas lauter ist. Aber diese 0,2 Dezibel bei dieser Silbe hat er nach drei Tagen wieder vergessen. Es kam schon vor, dass ich eine Version genommen hab, wo die Kritik dabei Nonsens war. Ich hab‘ die Version – Nummer zwei beispielsweise – einfach genommen, in Version drei umbenannt, abgeschickt, und alles war gut. Pure Psychologie.

Warum machen Künstler das?

Bei dem ein oder anderen ist es der klassische Künstler-Perfektionismus. Es gibt allerdings auch Künstler, die juckt es nicht, die sagen: Du kennst dich aus, mach einfach. Ich hab‘ mal mit einem Typen zusammengearbeitet. Er ist von weit her gekommen, um seine Platte zu mischen – ich nenne hier jetzt mal keinen Namen. Wir haben ‘ne Woche lang an seinem Album rumgemischt. Ein Song war innerhalb von einer Stunde gemischt. Das ging ratzfatz, weil einfach schon alles saß. Er ist dann reingekommen und hat gesagt: „Ey, das kann doch nicht sein, dass ihr in einer Stunde mit dem Mix fertig seid! Ich arbeite schon seit einem Jahr an dem Album!“ Dann hat er mich aus Prinzip weiter dran rumdoktern lassen.

Wenn dir ein Künstler einen Song zum Mischen oder Mastern schickt, der dir überhaupt nicht gefällt – wie gehst du damit um?

Ich versuche, da nicht emotional ranzugehen. Es kann einem nicht jedes Lied gefallen – das ist normal bei meiner Arbeit. Ich glaube auch, dass nicht jeder Engineer hat so ‘ne Haltung. Da muss man dann einfach auf Durchzug schalten.

Kommt ja bestimmt ab und zu vor.

Wenn du mir einen Song schickst, der mir nicht gefällt, werde ich dir nicht sagen, dass mir der Song nicht gefällt. Ich maße mir nicht an, über Sachen zu urteilen. Wer bin ich schon, um darüber urteilen zu können, ob dein Song gut ist oder nicht.

Und wenn dich ein Künstler nach deiner persönlichen Meinung fragt?

Kommt drauf an. Der Künstler kommt zu mir und ist so überzeugt davon, dass er es veröffentlichen will. Wir verkaufen hier Träume. Ich will ihm dabei helfen, seinen Traum zu verwirklichen.

Wenn überhaupt, stehst du bei den Credits ganz unten. Wie fühlt sich das an, kaum Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen? Fühlst du dich wie die Drehbuch-Schreiber beim Film?

Wenn ich mehr Anerkennung wollen würde, dann wär‘ ich Rapper. Dann würde ich nicht diesen Job machen. Aber ich will gar nicht wie ein Rapper oder ein Star durch die Straßen laufen. Wichtiger ist für mich die Anerkennung vom Künstler. Die will ich schon haben. Etwa ein kurzes Gespräch nach einem Album-Release: Bist du glücklich, zufrieden damit? Einfach, um das Projekt abzuschließen.

Verstehst du dich als Künstler?

Ich verstehe mich als Berater und Betreuer. Musiker kommen zu mir und sagen: Ich vertraue dir jetzt mein Lebenswerk an. Meine Klienten sehen in mir eine vertraute Person, einen Onkel, einen älteren Bruder.