Heimkinder

Das Heim - mein Zuhause?

Ein Kind fasst Vertrauen zu einem Sozialpädagogen und lässt sich auf einen neuen Lebensabschnitt ein.
18. Mai 2019

Kriminell, asozial, ungebildet, chancenlos – Vorurteile, mit denen Kinder und Jugendliche, die in Heimeinrichtungen aufwachsen, häufig konfrontiert werden. Sind diese Behauptungen berechtigt und bestehen diese immer noch? Ein Kommentar.

Mein Name ist Maria, ich bin 29 Jahre alt und im Heim aufgewachsen. Heute studiere ich und zähle mich als Teil dieser Gruppe verpönter Heimkinder. Mich haben kränkende Behauptungen viele Jahre sehr betroffen gemacht. Die Vorurteile waren immer da, dabei entsprach ich diesem Bild nicht, wie ich finde. Deshalb möchte ich mehr Bewusstsein für dieses Thema erreichen.

Vertrauen schaffen

Bei Heimkindern bricht häufig die Geborgenheit zur eigenen Familie weg. Gewalt oder Erniedrigungen – die Hintergründe sind vielseitig und unterschiedlich. Viele Heimkinder verbindet das Gefühl, in ihren Familien nicht geliebt zu werden und keine Bindung zu erleben. Kinder ziehen sich dann in ihre eigene Welt zurück, weil sie sich nicht verstanden fühlen.

Die Kinder, die dann in einer Pflegeeinrichtung aufwachsen, haben große Herausforderungen zu meistern – besonders das Vertrauen zu Fremden aufzubauen. Oft wird dieser Aspekt unterschätzt, wenn man bedenkt, dass ihr Vertrauen bereits in ihren Familien missbraucht wurde.

Viele Kinder schaffen es trotzdem, Vertrauen und Selbstbewusstsein aufzubauen, und finden ihren Weg mit der Unterstützung ihrer Pädagogen. Doch nicht alle Kinder haben dieselben Ziele und Träume, wie Lucas-Johannes Herzog vom Jugendamt Stuttgart auf den Punkt bringt:

„Kinder aus Heimen und Pflegefamilien sind genauso individuelle Charaktere

wie Kinder aus intakten Familien. Sie alle haben die unterschiedlichsten Wünsche,

Voraussetzungen und Ansprüche an ihr Leben.“

Lucas-Johannes Herzog, Abteilungsleitung Erziehungshilfen, Jugendamt Stuttgart

Ich selbst durfte elf Jahre in einem Heim verbringen. Ja, durfte – da das mein Zuhause war. Der einzige Unterschied war die Zahl der Familienmitglieder. Manche Kinder blieben Jahre, manche nur für einen kurzen Zeitraum an meiner Seite. Dennoch: In dieser Zeit durfte ich ein Gefühl der Geborgenheit erfahren – durch Menschen, die an mich glaubten und mich unterstützten.

Laut Statistischem Bundesamt steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Einrichtungen aufwachsen, Jahr für Jahr. Berichte über Kindesmisshandlungen und Todesfällen in den Medien trugen in der Vergangenheit dazu bei, dass die Sensibilität für dieses Thema erhöht wurde, und es gab vermehrt Meldungen bei Jugendämtern. Ein Fortschritt, denn den Kindern bietet das Heim eine sicherere Alternative als das Elternhaus, in welchem Misshandlungen drohen.

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Anzahl an Kindern und Jugendlichen die in Heimen und sonstigen Pflegeeinrichtungen aufwachsen. | Quelle: Bundesamt für Statistik

Der jährliche Anstieg zeigt, wie wichtig das Thema ist und dass diesem mehr Akzeptanz entgegengebracht werden muss. Wir waren alle mal Kinder und brauchten Anerkennung, Unterstützung und einen liebevollen Umgang miteinander. Die Öffentlichkeit muss offener werden und ihre Vorurteile ablegen. Denn es zählt nicht, woher wir kommen und wie wir aufgewachsen sind – sondern wer wir heute sind und welche Entscheidungen wir im Jetzt treffen!