Eine „echte“ Rock'n'Roll Schallplatte. | Bild: Franziska Anson

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Rock'n'Roll oder Hall of Fame?

Eine „echte“ Rock'n'Roll Schallplatte. | Bild: Franziska Anson

22 Aug 2020

„Ich dachte, ich kriege einen Umschlag wo drinsteht, wer Kennedy ermordet hat und was wirklich in Area 51 passiert“, witzelt Alice Cooper über die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame. Ganz so spektakulär ist die Aufnahme dann doch nicht, trotzdem gibt es jedes Jahr Diskussionen über die aufgenommen Künstler*innen und Bands. Denn was genau macht der King of Pop in der Rock’n’Roll Hall of Fame? 

Franziska Anson

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Der Einfluss auf den Rock’n’Roll, die Länge der Karriere, die Bandbreite der eigenen Songs, Innovationen innerhalb des Genres oder überlegene Techniken. All das sind Kriterien, um in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden. Wie genau sich diese jedoch definieren, darüber schweigt sich das Komitee aus. Dementsprechend zieht der Preis viel Kritik nach sich. Dass gerade Punker die Hall als „Pissfleck“ bezeichnen, passt zum Image: 2006 weigerten sich die Sex Pistols an der Aufnahmezeremonie teilzunehmen. Die Begründung: Nicht die Fans entscheiden, wer Einzug halten darf, sondern Expert*innen oder bereits aufgenommene Künstler*innen. Allüren einer Punk-Band oder ist die Kritik berechtigt? 

„Once you want to be put into a museum, Rock and Roll's over; it's not voted by fans, it's voted by people who induct you, or others; people who are already in it.“  – Steve Jones (Sex Pistols)

Ein Vorwurf, den sich die Hall of Fame immer wieder gefallen lassen muss, ist Intransparenz. Ein Komitee aus Rock-Historiker*innen trifft eine Vorauswahl an Bands und Künstler*innen. Danach entscheiden circa 500 Expert*innen, wer aufgenommen wird. Diese Expert*innen sind in der Regel Musik-Journalist*innen oder Produzent*innen, jedoch keine Musiker*innen. In einem Podcast zweifelt Alice Cooper an, wie informiert diese Expert*innen sind. Es gehe es nicht nur um die Musik oder die Popularität, sondern um Politik. Denn die Karten für die Aufnahmezeremonie im Waldorf-Astoria kosten bis zu 25.000 Dollar. Mit bekannten Namen wie Michael Jackson lassen sich diese Tickets besser verkaufen als beispielsweise mit Rosetta Tharpe, der „Grandmother of Rock’n’Roll“, deren Name jedoch weitgehend unbekannt ist. Die Hall of Fame steht hinter ihrem Prozess und möchte ihn weiterhin streng geheim halten.  

Die Mission: Andere mit der Kraft des Rock inspirieren. Beim Durchklicken der Website fällt auf, das Wort „Rock“ ist überall. Da scheint es logisch, dass in der Rock’n’Roll Hall of Fame nur Rockmusiker*innen aufgenommen werden. 

Eine Wortwolke aus den Texten der Rock'n'Roll Hall of Fame. Zählt man die Wörter auf der Website, fällt auf, das Wort „Rock“ ist omnipräsent. | Bild: Franziska Anson

Schaut man sich auch noch die Bilder der Website an, ist auf dem ersten Bild in der Kategorie „Performers“ Janet Jackson zu sehen. Ganz zu schweigen vom King of Pop, Whitney Houston, und Tupac Shakur. Diese Künstler*innen wurden im Laufe der Jahre aufgenommen, als Rockmusiker*innen würde man sie dennoch nicht bezeichnen. So stellt sich also weiterhin die Frage, ob Michael Jackson nur aufgrund seiner Popularität in die Hall of Fame aufgenommen wurde. Ein Blick auf die Genres der aufgenommenen Künstler*innen verrät, die Rock’n’Roll Hall of Fame ist nicht konsequent. Das Genre Rock ist zwar stetig präsent, doch finden sich auch Blues, Jazz und viele weitere Genres. 

Zu sehen sind elf Genres und deren Verteilung in der Rock'n'Roll Hall of Fame. | Bild: Franziska Anson, Wikipedia

Da eine Aufnahme erst 25 Jahre nach dem ersten Album erfolgen kann, zeigt sich eine Verschiebung um circa drei Jahrzehnte. Denn als der Preis in der Kategorie „Performers“ 1986 zum ersten Mal vergeben wurde, wurden vor allem Blues und Soul Musiker honoriert – das Genre Rock war noch nicht so alt. Die Vorväter konnten dennoch honoriert werden: Elvis Presley, Chuck Berry und Little Richard. 

Die Spitze im Diagramm in den Jahren 1986 und 1987 erklärt sich durch die Aufnahme von zehn bis fünfzehn Künstler*innen, doppelt so viele wie in den meisten Jahren. Besonders in den frühen 2000ern und 2010ern wurden oft nur fünf Künstler*innen aufgenommen. Trotzdem werden die Genres immer vielfältiger: Hip Hop, Metal und Punk tauchen erst ab einem gewissen Punkt auf. Hier wird die Musikentwicklung sichtbar, denn im Jahr 1986 gab es zwar bereits Punk-Bands, doch hätten diese ihr erstes Album 1961 veröffentlichen müssen, um berücksichtigt zu werden. 

Auffällig sind jedoch auch die spezifischen Mixformen, die zwischen den Genres entstehen. Zur Vereinfachung wurden hier die 129 Genres auf elf Genres heruntergebrochen. Denn von Proto-Surf-Rock zu Bubblegum-Pop über Metal-Funk lässt sich jedes vorstellbare Genre finden. Betrachtet man die verschiedenen Farben über die Jahre, sieht man gewisse Trends. Während das Genre Rock meist konstant bleibt, werden Blues and Soul immer weniger und auch der Einfluss von Pop nimmt ab. Genres, die erst ab einem gewissen Zeitpunkt zu finden sind, wie Metal oder Punk, bleiben hingegen sehr stabil. Einmal etabliert, sind sie zu einem gewissen Grad stets präsent. Die Kategorie „Sonstiges“ umfasst von Christmas Music über Islamic und Mariachi bis hin zu Celtic, Ska und Reggae alles, was sich nicht in einen bekannten Rahmen fassen lässt. Die Hall of Fame scheint Experimentellem gegenüber nicht abgeneigt. 

Vorgehen: 

Die Genres aller aufgenommenen Künstler*innen der Rock’n’Roll Hall of Fame wurden von der englischsprachigen Wikipedia-Website erhoben und auf die Genres Rock, Metal, Punk, Pop, Blues and Soul, Funk, Disco, Dance, Jazz, Hip Hop und Sonstiges reduziert. Insgesamt waren 129 Genres genannt. Für die Grafik wurden die Genres des jeweiligen Jahres addiert. Hierbei sind unterschiedlich viele Künstler*innen und Genres vertreten, was eine ungleiche Verteilung verursacht. 

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, kann man in zwanzig Jahren eine noch größere Aufsplittung der Genres erwarten. Inwiefern diese eine Daseinsberechtigung in der Rock’n’Roll Hall of Fame haben bleibt umstritten. Die Auszeichnung wird wohl auch in Zukunft für ausreichend Gesprächsmaterial sorgen – innerhalb und außerhalb der Rock-Industrie – und das ganz ohne geheimen Handschlag und Geheimnisse über die Kennedy-Ermordung.