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100 Prozent Mensch in der LGBTQI+ Community und im Christentum - ist das vereinbar? | Bild: Julia Pietsch

Sex&Identität Identitätskrise
Zwischen christlichem Glauben und sexueller Identität

100 Prozent Mensch in der LGBTQI+ Community und im Christentum - ist das vereinbar? | Bild: Julia Pietsch

22 Dec 2020

Für die Pfarrerstochter Hannah ist der christliche Glaube omnipräsent und weit mehr als regelmäßiges Beten. Doch die Stütze ihres Glaubens wird auf eine harte Probe gestellt, als sie sich in ein Mädchen verliebt und durch ihre Bisexualität in eine Identitätskrise stürzt.

Julia Pietsch

Medienwirtschaft
seit Wintersemester 2017

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Hannah* wuchs als Tochter eines evangelischen Pfarrers direkt neben der Kirche auf. Von ihrer Kindheit an besuchte sie regelmäßig Bibelstunden und Gottesdienste. Während ihr Bruder gegen die sonntäglichen Messen rebellierte, fand sie selbst eine Stütze im Glauben. Trotzdem war sie stets aufgeschlossen gegenüber der LGBTQI+ Community, der Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer/ Questioning und Intersexual. Doch es kam ihr nie in den Sinn, dass sie eines Tages selbst ein Teil davon sein könnte und wie sich das auf ihr Leben auswirken würde.

Über den Begriff Bisexualität stolperte Hannah erstmals im Jahr 2014. Zu diesem Zeitpunkt fand sie das Thema zwar interessant, dachte aber nicht mehr groß darüber nach. Es betraf sie ja sowieso nicht, da sie bisher nur Jungs attraktiv fand. Doch immer öfter erwischte sie sich selbst bei neuartigen Gedanken und verliebte sich mit 17 Jahren tatsächlich in ein Mädchen. Trotz der rosaroten Brille wollte sich Hannah nicht durch das Etikett Bisexualität definieren lassen. Denn was wäre, wenn sie es sich nur einbildete? Erst durch dieses bestätigende Zitat einer YouTuberin, konnte sie sich ihre Bisexualität eingestehen: „Wenn du darüber nachdenkst, dass du bi sein könntest, dann bist du es wahrscheinlich, weil Hetero-Leute sich nicht so viele Gedanken um ihre Sexualität machen.“

Bisexualität definiert die Anziehung zu demselben, dem gegensätzlichen und anderen Geschlechtern, was wiederum nicht mit dem Familienbild des traditionellen Christentums überein geht. Hannah rutschte in eine Identitätskrise: Der tiefe Graben zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität schien unüberwindbar.

Ein Einblick in Hannahs Gedanken | Bild: Julia Pietsch

Ein besonders prägender Moment geschah 2017, in der Predigt eines Gastpfarrers. In jener Woche wurde die Ehe für alle beschlossen, ein Moment der Euphorie. Doch Hannah drehte sich im darauffolgenden Gottesdienst der Magen um.

Der Pfarrer sagte ‚Es wurde die Ehe für alle beschlossen, welch düsterer Tag für uns, bald können Leute wohl auch ihre Hunde heiraten.‘ Meine Gemeinde hat lautstark zugestimmt, insbesondere meine Mutter, und ich saß daneben. – Hannah

Mit 19 Jahren ging Hannah ihre erste Beziehung mit einem Mädchen ein. Die erste große Liebe, das schönste Gefühl der Welt, wurde überschattet von der Heimlichtuerei vor ihrer Familie. Daher überwand sich Hannah zu einem Outing in Form eines Briefes vor ihren streng gläubigen Eltern. Ihre größte Angst? Ein Rauswurf von Zuhause.

So weit kam es nicht, trotzdem hinterließ das darauffolgende Familiengespräch Narben. Ihre Mutter schlug eine Therapie vor, Enthaltsamkeit und Gebete, um diese ‚Phase‘ zu beenden. Solange ihr Vater noch als Pfarrer tätig ist, solle ihre Bisexualität geheim bleiben. 

Ihr Vater reagierte vergleichsweise entspannt. In einer Predigt bat er die Gemeinde sogar um einen freundlichen Umgang mit homosexuellen Menschen. Doch Hannah bezweifelt, dass ihre konservative Gemeinde das umsetzen würde.

Die konservative Sicht des Christentums

Ulrich Nußbaum war 24 Jahre Pastor, inzwischen ist er im Ruhestand. Er wünscht sich mehr Geduld und Verständnis für fromme Christ*innen, wie Hannahs Mutter, die Homosexuelle nicht als Person ablehnen, sondern ihre Beziehung vor Gottes Maßstäben in der Bibel hinterfragen.

Wenn die Liebe zu Gott da ist, kann ich nicht einfach alles beiseitelegen, was in der Bibel steht und was mir nicht gefällt. Das gilt hier für beide Parteien. – Ulrich Nußbaum

Für ein besseres Verständnis der konservativen Perspektive, erläutert er stichhaltige Bibelstellen zum Thema LGBTQI+. Alles beginne mit der Schöpfung im Buch Genesis: „Gott schuf uns als Mann und Frau.“ Dies verbildliche die von Gott gestiftete Ehe. 

Im Römerbrief werde beschrieben, warum alle Menschen, ausnahmslos, die Vergebung von Jesus Christus brauchen. Es sei eine Sünde, Gott nicht zu preisen, nicht zu danken und nach eigenen Regeln zu leben. Dabei werde nicht nur Homosexualität als Sünde aufgelistet, sondern etwa auch Geiz, Lügen oder Neid. Somit dürfte kein Mensch komplett aus dieser Sündenliste ausgeschlossen sein.

Die Sicht der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) scheint liberal

Im Gegensatz dazu fordert die EKD die Gläubigen der LGBTQI+ zu schützen und zu respektieren. Die Gemeinden sollen auf alle zugehen und ihnen ein offenes Ohr schenken. Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm setzt sich für eine Überwindung von Diskriminierung jeder Art ein und engagiert sich stark für die Ehe für alle. Doch in der Praxis sieht es oft ganz anders aus, denn die evangelischen Landeskirchen agieren jeweils sehr unterschiedlich.

Infografik der Evangelischen Landeskirchen in Deutschland mit ihren jeweiligen Regelungen zur Ehe für alle Eine kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare ist nur in Teilen Deutschlands gestattet | Bild: Julia Pietsch, evangelisch.de

Ulrich Nußbaum sieht hier ein großes Dilemma, ohne Lösung in Sicht. Aufgrund der Bibel könne eine homosexuelle Beziehung nicht mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgesetzt werden. Besonders der Süden Deutschlands sei hierbei konservativer, da etwa in Württemberg in den letzten 100 bis 200 Jahren besonders viele Menschen neu zum Glauben gefunden haben.

Währenddessen gibt es im Norden Deutschlands sogar homosexuelle Pfarrer*innen, die von ihrer Gemeinde akzeptiert werden. Auf YouTube sprechen zwei Pastorinnen offen über ihre homosexuelle Ehe und die Vereinbarkeit mit dem Christentum.

In Hannahs bayerischen Heimat wäre so etwas undenkbar. Dort ist auch nur eine Segnung der einzelnen Personen in einem öffentlichen Gottesdienst mit einer zusätzlichen Eintragung ins Kirchenregister erlaubt, keine kirchliche Trauung. Doch das ist für Hannah als gläubige Christin keine Option. Ihre Hochzeit wird wohl irgendwann in einem anderen Bundesland stattfinden, ohne die eigene Mutter.

Ein Outing ist nicht in Sicht

Hannah selbst sieht in der nahen Zukunft keine Möglichkeit ihren inneren Zwiespalt zu überwinden. Die 20-Jährige ist bis heute nicht vollständig geoutet und leidet unter dem täglichen Versteckspiel. Was hindert sie daran? Zum Teil der Beruf ihres Vaters, aber auch ein Schamgefühl.

Ich bin in vielen christlichen Kreisen und möchte nicht, dass andauernd Leute auf mich zukommen und mir sagen, das was ich mache, sei eine Sünde. Darauf habe ich keinen Bock, weil ich jetzt schon weiß, dass es mich innerlich total fertigmachen wird, wie bei dem Verhalten meiner Mutter. – Hannah

Seit ihrer Identitätskrise ist der Glaube für Hannah nicht mehr ihre Stütze in allen Lebenslagen. Zwar glaubt sie noch an Gott und betet regelmäßig, doch Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen besucht sie immer seltener, da sie dort ständig auf Argumente gegen ihre Bisexualität stößt. Zu ihrem früheren starken Glauben wird sie wohl nicht wieder zurückfinden, solange die Kirchen und Gemeinden LGBTQI+ nicht vollständig akzeptieren.

*Name durch Redaktion geändert