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Kaum in Deutschland angekommen, schon geht's zum Sprachkurs. | Bild: Privat

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„Es ist nicht für mich der Sinn des Lebens, Häuser aufzuräumen“

Kaum in Deutschland angekommen, schon geht's zum Sprachkurs. | Bild: Privat

26 May 2021

Wie ist das eigentlich so, wenn man eigentlich „nur“ eine Ausbildung machen möchte, dann aber immer etwas anderes dazwischenkommt? Und wie schafft man es, trotzdem seine Ziele zu erreichen? Wie man mit 34 und zwei Kindern eine Ausbildung meistert: Ein Gespräch mit meiner Mutter.

Artur Stolinsky

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
Ungefähr auf Hüfthöhe (im Stehen)Schlechte Gags auf der Redakteurseite

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Es ist Samstag. Ich musste für wichtige Termine ein paar Tage in die Heimat, da bot sich ein persönliches Interview regelrecht an. Am Haus werden Renovierungsarbeiten durchgeführt, alle sind ein wenig im Stress. Wir haben uns auf eine Couch im Keller gesetzt, um möglichst ungestört reden zu können. Mama hat die Beine überschlagen, spielt außerdem ein wenig mit ihrem Ehering. Beim Vorgespräch verhaspelt sie sich immer mal wieder, sie hat bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Interview gegeben.

Wie waren die letzten Arbeitstage so bei dir?

Voll. War schon stressig. Ja, viel Arbeit, viel zu tun.

Du bist mit 36 examinierte Pflegefachkraft geworden, bist jetzt 44 Jahre alt und in der ambulanten Pflege tätig. Hättest du jemals gedacht, dass du so lange bei diesem Beruf bleibst?

(lacht) Eigentlich nicht. Wenn ich so an meine Ausbildungszeit denke, da wollte ich schon nach paar Monaten abbrechen. Das war mir zu stressig alles. Oder was heißt zu stressig? Ich war einfach schon lange aus der Schule raus, über 20 Jahre schon.

In diesem Berufsfeld hast du ja auch in Corona-Zeiten nicht weniger zu tun.

Ja, es geht. Die Arbeit ist die Gleiche, die Bedingungen und Hygienevorkehrungen sind halt jetzt bissle anders. Vor allem wegen der Maske. Viele Patienten brauchen diese Mimik, dass sie einen überhaupt verstehen. Manche haben kein Verständnis, aber sie müssen die Maske tragen. Wo die zweite Welle kam, sind die meisten mehr einsichtig geworden.

Du hast schon das Thema Schule angerissen. Wir sitzen ja heute hier, um über deinen Bildungsweg zu sprechen. Dieser begann in Kasachstan, damals noch Teil der Sowjetunion. Ganz frech gefragt: Wie warst du denn so in der Schule?

(lacht) Ehrlich gesagt, ich war bissle zu faul, um zu lernen. Also die Fächer, die interessant waren, für die hab‘ ich dann gelernt und mitgemacht im Unterricht. Biologie, Chemie, Sport. Ja und das, was mich nicht so interessiert, das hab‘ ich einfach so mitgenommen.

Von 6 bis 16 Jahren war ich in der Schule. Wo dann die Sowjetunion Ende der Achtziger zusammengebrochen ist, das war mitten in meiner Schulzeit, ja ja. In der achten Klasse - da war ich so 14 - kamen dann noch bissle andere Fächer dazu, weil Kasachstan ja dann ein eigenständiges Land wurde. In Geschichte mussten wir explizit die Geschichte von Kasachstan lernen, und vermehrt Kasachisch als Zweitsprache. Verglichen mit Deutschland hatte ich zu diesem Zeitpunkt ‘nen Hauptschulabschluss.

War das danach dein Ziel? Also etwas mit Biologie, Chemie oder Sport?

Das nicht, aber Medizin hat mich immer interessiert. Ich hab‘ noch zwei Jahre für den „Realschulabschluss“ gemacht. Danach wollte ich ‘ne Ausbildung zur Krankenschwester machen. Vielleicht mit ‘ner Freundin zusammen. Ich wollte auch zur „Bundeswehr“ in Kasachstan. In diesem Bereich lustigerweise nicht als Krankenschwester. Aber bei der Musterung hieß es dann, wir Mädchen dürfen nicht.

Hättest du auch gerne studiert?

Ich hätte in Kasachstan theoretisch auch ein Studium machen können mit dem Abschluss. In Deutschland hätte ich das übrigens nicht machen können. Obwohl wir quasi dasselbe Wissen hatten wie Schüler mit Abitur hier. Aber das war ja sowieso nicht mein Plan, nur eventuell.

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Kasachstan (blau) ist mehr als siebenmal größer als Deutschland | Bild: Visme

Und der Plan mit der Ausbildung ist leider auch nicht aufgegangen.

Ende 91, Anfang 92 haben wir die Papiere für die Ausreise nach Deutschland beantragt. Ich war so 16. Meine Mutter hat mir dann immer gesagt: „Fange jetzt keine Ausbildung an, weil das bringt eh nichts. Morgen, übermorgen kommen die Dokumente an und wir fliegen. Du schaffst das zeitlich sowieso nicht“. Ich bin dann nach der Schule arbeiten gegangen. Zuerst in einer Kantine als Aushilfe, dann bin ich zu einem Restaurant gewechselt.

Wie hast du dich damit gefühlt?

Ja, das fand ich natürlich schade, weil alle meine Freundinnen was gemacht haben. Einige haben dann mit der Ausbildung begonnen, die anderen haben mit dem Studium begonnen und ich bin arbeiten gegangen. Ich wurde nicht gefragt, ob ich nach Deutschland will. Meine Mutter hat mir das so erklärt: Es ist eine schwere Zeit hier in Kasachstan und nach und nach wandern unsere Verwandten nach Deutschland aus. Und nun sind wir halt dran.

Im Nachhinein wussten wir, dass es fast drei Jahre gedauert hat, bis die Papiere kamen, da gab’s bissle Probleme. Drei Jahre, in denen ich eigentlich – und das bereue ich sehr – die Ausbildung hätte machen können.

Und dann seid ihr nach Deutschland.

Mit 18 bin ich dann nach Deutschland. Zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester. Ohne meinen Vater, meine Eltern haben sich scheiden lassen.

Was war dein erstes Ziel in Deutschland? Direkt die Ausbildung zur Krankenschwester?

Das hatte ich im Hinterkopf gehabt, ja. Krankenschwester oder Einzelhandel. Da musste man sich wieder neu orientieren, weil die Berufsauswahl hier ist ganz anders wie bei uns. Viele, viele Richtungen und Möglichkeiten. Hauptziel war, die Sprache zu lernen und zu beherrschen. Ganz einfach. Damit man überhaupt irgendwas anfangen konnte. Im März haben wir einen Sprachkurs gemacht, also ich, meine Mama und meine Schwester.

Ich liebe es, zu kommunizieren. Man fühlte sich wie ein halber Mensch ohne Sprache. Ich hab‘ die Sprache einfach gebraucht, um mich mit anderen Leuten unterhalten zu können. Ich hab‘ gelernt. In der Sprachschule und später mit meinen Kindern zusammen, als ihr dann da wart. Silbe für Silbe, Wort für Wort, Satz für Satz.

Eine kleiner Test. | Bild: Privat
Die Urkunde für das Abschließen des Sprachkurses. | Bild: Privat

Die Kinder sind ja noch ein ganz anderes Problem. (lacht)

Ja, die Kinder sind noch ein ganz anderes Problem (lacht auch, Gott sei Dank).

Ein bisschen mehr als ein Jahr später hast du nämlich schon dein erstes Kind bekommen.

Ja, mit 19 hab‘ ich dich dann bekommen.

Und du hast dich um mich kümmern müssen.

Ja. Papa hat gearbeitet. Ich wollte schnell arbeiten gehen, den Partner bissle unterstützen und zu Hause war’s auch ein bisschen langweilig. Was heißt langweilig – ich bin natürlich gerne Mutter und Ehefrau. Aber ich wollte auch für mich persönlich was. Anerkennung, bemerkt werden, nützlich sein. Mit Kindern ist das natürlich schwierig. Ich bin dann hin und her mit den Gelegenheitsjobs.

Das ging dann ja längere Zeit so. Irgendwann kam das zweite Kind, später sind wir nach Baden-Württemberg gezogen. Wann kam wieder der Gedanke: „Ich muss jetzt was machen“?

2009, da war ich 34. Ich hab‘ zwei Jahre als Hauswirtschafterin bei einer Diakonie gearbeitet. Meine Chefin hat mich spontan angesprochen, ob ich denn für immer putzen, oder „mal was machen“ möchte. Ich hab‘ gesagt, dass es für mich nicht der Sinn des Lebens ist, Häuser aufzuräumen. Ich möchte schon was erreichen im Leben.

Daheim bin ich zu meinem Mann und hab‘ ihn gefragt, was er dazu sagt. Ob wir das schaffen. Er muss mich dann bissle unterstützen, was den Haushalt angeht, die Kinder. Er hat gesagt: „Okay, wir unterstützen dich alle, wir gucken halt. Mach das.“ Papa hat seine Sache sehr gut gemacht, ja.

Er macht auch sehr gute Bratkartoffeln.

Ja, ihr wart versorgt. (lacht)

„Das macht mich dann schon irgendwo stolz.“ – Mama

Mit 34 und zwei Kindern (neun und dreizehn Jahre alt) hast du dann deine Vollzeit-Ausbildung angefangen.

Meine Chefin hat mich angerufen und gesagt: „Ich hab‘ für dich schon die Schule rausgesucht. Das Praktische würdest du dann bei uns machen.“ Und dann hat es so begonnen. Das war interessant, weil das wollte ich immer machen. Praktisch wieder jung sein. Dieses Studentenleben, das hab‘ ich noch in Kasachstan gesehen bei meinen Freundinnen. Sagt man das bei einer Ausbildung auch? Dieses Schulleben.

Hast du den Anschluss an dieses Schulleben schnell wiedergefunden?

Jein. Ich war bissle ängstlich. Schule auf Deutsch, zwei Kinder, Haushalt, Mann. Ja, ich war ziemlich aufschieberisch. Dieses „ich muss mich jetzt hinsetzen und lernen“ hat ein halbes Jahr gedauert. Ich wollte schon paar Mal abbrechen, aber unsere Klassenlehrerin hat zu mir gesagt: „Du schaffst das, mach erst mal die Zwischenprüfungen, dann sehen wir weiter.“

Was war so der schwierigste Teil an der Ausbildung?

Prüfungsphase. (lacht) Ich wollte natürlich irgendwo ein Vorbild für euch sein. Ich durfte nicht versagen, das hat an mir genagt. Wenn ich es nicht geschafft hätte, was hätte ich euch sagen sollen? Gute Bildung ist das Wichtigste im Leben, das hab‘ ich euch immer gesagt. Egal ob Studium oder Ausbildung. Aber irgendein Beruf, wo’s Spaß macht, das muss sein.

Du hast deine Ausbildung geschafft. Und auch ziemlich gut. Macht dir dein Beruf als Pflegefachkraft immer noch Spaß?

Ich fühle mich wohl, ich denke mal, ich habe das Richtige gemacht. Das ist nicht nur ein Beruf, das ist eine Berufung. Ein nützlicher Beruf. Ich fühle mich besser, wertvoller. Die Dankbarkeit, die ich von meinen Patienten, meinen Klienten spüre, die dann sagen: „Es ist gut, dass es Sie gibt, dass Sie zu uns kommen“. Das macht mich dann schon irgendwo stolz. Wenn ich jetzt die Wahl hätte: Ich würde alles genauso machen. Natürlich hätte es auch leichter sein können. Aber man kann es trotzdem schaffen.

Wann ist deine nächste Schicht?

Montag, halb sieben.

Freust du dich schon? Du kannst ruhig ehrlich sein.

Ich kann ruhig ehrlich sein. (lacht) Also ich gehe wirklich jeden Tag gerne zur Arbeit. Ich weiß, dass es wieder stressig wird. Da gibt’s immer irgendwas Unvorhersehbares. Aber ich denke mal, in jedem anderen Beruf gibt’s das auch. Ich freue mich, ja.