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Manchmal ist einfach alles zu viel. | Bild: Privat

Gesundheit&Sport Kaffee am Morgen
Unbedingt funktionieren

Manchmal ist einfach alles zu viel. | Bild: Privat

25 Feb 2021

Kaffee, immer Kaffee. Ich kann's nicht mehr hören. Ich will nicht auf Kaffee oder andere Wachmacher angewiesen sein müssen, um durch den Tag kommen zu können. Bin ich daran schuld, dass ich mich irgendwie wachhalten muss? Oder steckt da ein größeres Problem dahinter? Ein Essay.

Artur Stolinsky

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
Ungefähr auf Hüfthöhe (im Stehen)Schlechte Gags auf der Redakteurseite

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„Kaffee – weil man ja nicht jeden Morgen mit einem Mord beginnen kann.“ „Der Kaffee ist kaputt! Ich bin immer noch müde!“ „Der frühe Vogel braucht viel Kaffee.“ Wenn man nach „kaffee spruch“ im Internet sucht, findet man sie schnell: „lustige“ Sätze, aufgedruckt auf Tassen. Mit immer derselben Pointe: Morgen schlecht, Kaffee gut (hier Neandertaler-Stimme einfügen). Ich hasse es. Nicht, weil diese bedruckten Tassen mit ihren Sprüchen unglaublich repetitiv sind (und man damit wohl auch noch Geld verdienen kann!) – Originalität ist ein Thema für einen späteren Zeitpunkt. Nein, ich mag Kaffee und den Hype drumherum überhaupt nicht.

Mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung in Deutschland trinken täglich oder mehrmals täglich Kaffee. An sich auch kein Problem, wäre da nicht der Kaffee. Ich habe es schon oft probiert. Und in egal welcher Konzentration, Form und Farbe: Es schmeckt mir einfach nicht. Eine Rösterei schreibt auf ihrer Webseite, gerösteter Kaffee besitze über 800 verschiedene Aromen. Sie erwähnen aber nicht, dass 799 davon bitter sind und der Rest vom beigefügten Zucker kommt. Und dann gibt es sogar Leute, die ihren Kaffee am liebsten schwarz und ohne Zucker trinken. Unfassbar! Warum nicht gleich flüssigen Teer trinken? Man leidet danach genauso viel und hat immerhin was im Magen. Meine Eltern meinten mal, das verhalte sich ähnlich wie mit dem Bier. Am Anfang schmeckt’s halt nicht – und irgendwann gewöhnt man sich daran. Heißt also, es besteht die Möglichkeit, dass man es täglich zu sich nimmt und es immer noch scheiße finden kann? Warum überhaupt erst damit anfangen?

Nun muss man sagen, dass Geschmäcker verschieden sind. Und damit nicht nur meine Minderheitenmeinung hier dargestellt wird, habe ich ein paar Zitate von Freunden und Familie gesammelt, die wohl tatsächlich gerne Kaffee trinken. Warum trinken diese Leute denn gerne Kaffee?

„Weil es schmeckt und weil ich denke, dass es mich länger wachhält.“ – M.
„Wenn man mal angefangen hat, morgens Kaffee zu trinken, vermiss ich ihn, wenn ich ihn nicht hab'.“ – B.
„Kaffee lecker, lecker. T. mögen.“ – T.
„Ist eine Gewohnheit, den Tag so zu starten“ – B.
„Legal High.“ – D.
„Hauptsächlich wegen dem Genuss.“ – C.

Das Ecstasy der Bevölkerung

Selbst unter Kaffeetrinker*innen geht es scheinbar oft ums Wachhalten, um die Routine. Versteht mich nicht falsch: Ich will niemandem verbieten, Kaffee zu trinken. Vor allem Genusstrinker*innen nicht. Und nein, ich bin kein Repräsentant der Tee-Lobby. Vielmehr geht mir um das Koffein, beziehungsweise unsere Einstellung dazu. Der ist auch reichlich in Tee und anderen Getränken vorhanden. Übrigens trinken wir in Deutschland pro Kopf durchschnittlich mehr als 190 Liter Kaffee und koffeinhaltigen Tee im Jahr. Um in Galileo-Größen zu denken: Das ist eine Badewanne voll! Mehr als ein halber Liter pro Tag. Und in der Statistik sind koffeinhaltige Softdrinks noch gar nicht miteinberechnet. Warum konsumieren wir so viel davon, und warum finden wir das gut?

Über das weiße Pulver (das ist Koffein in Reinform nämlich) gibt es viele Studien. Mal wird Koffein als Heilsbringer gelobt, mal als Droge verdammt. Um ein paar Forschungsergebnisse zusammenzufassen: Koffein muss sich im müden Zustand nicht positiv auf unsere Leistungsfähigkeit auswirken, kann sogar unsere motorischen Fähigkeiten negativ beeinflussen. In derselben Studie heißt es, dass im wachen Zustand allerdings all diese Fähigkeiten gesteigert sind. Ein wenig ironisch, nicht?

Dann soll Koffein die Ausschüttung eines bestimmten Neurotransmitters fördern, der Wachheit und Aufmerksamkeit steuert. Außerdem kann man von Koffein (wie von vielen anderen Dingen auf der Welt auch) abhängig sein. Mit ähnlichen Entzugserscheinungen wie bei einem Alkoholentzug – so ähnlich schildert es Psychologe Wolf Beiglböck in seinem Buch „Koffein – Genussmittel oder Suchtmittel?“. Kurzum: Koffein kann sehr viel, aber auch vieles nicht.

Koffein als Aufputschmittel zu bezeichnen, ist nicht weit hergeholt. In der Drogen-Szene findet sich das Wort „Upper“, ein Sammelbegriff für Substanzen, die die Müdigkeit vertreiben. Neben MDMA und Kokain findet sich als eines der Beispiele auch Koffein wieder. Heißt: Man nimmt Aufputschmittel zu sich, um irgendwie durch den anstrengenden und langen Arbeitstag zu kommen. Wenn die Religion nach Marx „Opium fürs Volk“ ist, dann muss Kaffee das Ecstasy der Bevölkerung sein. Was sagt es denn über uns als Gesellschaft aus, wenn wir den Tag zum Großteil nicht ohne Aufputschmittel überstehen? Ich frage mich, wie ein Morgen aussehen könnte, wenn auf einmal alles Koffein der Welt nicht mehr existieren würde. Es folgt ein Protokoll.

Es ist der 13. März 2021, ein Freitag.

05:58 Uhr: Die ersten Menschen wollen ihren Kaffee trinken. Mit Entsetzen müssen sie feststellen, dass die Bohnen in der Kaffeemaschine alle sind. Und in der Kaffee-Box. Und im Nachfüllpack. Müde Augenpaare weiten sich millionenfach, schlagartig. Aus Trotz wird heißes Wasser getrunken. Schmeckt nicht, ist nur heiß. Alle wissen: Das wird kein guter Morgen werden.

06:30 Uhr: Stau auf allen Autobahnen Deutschlands. Eigentlich nichts Neues. Doch die Fahrer schlafen beim stehenden Verkehr ein. Auch das Hupen der Hinterleute hilft nur vereinzelt. Das Verkehrschaos wird immer schlimmer. Wut und Müdigkeit machen sich breit. Das Land entsendet mobile Hilfskräfte, um die Leute mit Sirenen zu wecken. Vergebens: Sie schlafen noch auf dem Büroplatz ein oder maulen ihre Chef*innen an, das doch selbst zu tun, wenn sie das denn unbedingt bräuchten.

08:30 Uhr: Die meisten sind nun (viel zu spät) zur Arbeit erschienen. Die Kolleg*innen, die das „Glück“ hatten, rechtzeitig mit ihrem Job zu beginnen, blicken die Spätankömmlinge missmutig an. Geladene Stimmung. Nach einem passiv-aggressiven Gag („Na, heute wohl noch keinen Kaffee gehabt?“) entlädt sich die Stimmung in Gewaltakten. Durch Büros und Betriebe in ganz Deutschland zieht sich eine Schneise der Brutalität, gemäßigte Stimmen sind nicht vorhanden oder werden mitgerissen. Wir erleben den Zerfall einer Gesellschaft.

09:00 Uhr: Die Spätschichtler*innen erwachen. Auf ihren Smartphones sehen sie zahlreiche Nachrichten. Genervt werden diese ignoriert. Die ersten von ihnen wollen ihren Kaffee trinken.

Das K-Wort

Vielleicht würde auch nicht direkt eine Apokalypse ausbrechen. Wahrscheinlich wären die Leute einfach nur ein wenig mies drauf und müde. Also: Wenn Koffein nicht die Lösung sein soll, und Müdigkeit nicht die Lösung sein kann, was hilft dann?

Für eine mögliche Antwort muss ich ein wenig zurückrudern. Zuerst sollte eine andere, viel wichtigere Frage gestellt werden: Müssen wir so viel wach sein? Der erste Gedanke ist wahrscheinlich der Folgende: „Klar, schließlich muss man ja zur Arbeit.“ Bei der Frage ist es leicht, das böse K-Wort namens Kapitalismus zu nennen und zu verteufeln. Aber das wäre zu einfach, und eigentlich geht es uns hier ja einigermaßen gut.

Ein sinnvollerer Ansatz wäre es, zu fragen: Müssen wir so viel arbeiten? Die Antwort: meistens nicht. Dass die 40-Stunden-Woche nicht das ideale Mittel zur Beschäftigung ist, sollte klar sein. Da wäre erstens der Punkt der Produktivität. Dass zum Beispiel Microsoft die Vier-Tage-Woche einführt und dabei eine Produktivitätssteigerung von fast 40 Prozent sieht, ist ein klares Indiz dafür und kein Einzelfall. Generell geht der Trend dazu, Arbeitszeiten zu flexibilisieren. Ein Beispiel dafür ist ein Galeria Kaufhof in Berlin, wo man feststellen konnte, dass eigentlich viel weniger Mitarbeiter*innen gebraucht werden, wie davor eingesetzt. Schon allein, dass Teilzeitarbeit – also wortwörtlich weniger Arbeit – die Produktivität fördert, wurde bereits 2006 bestätigt.

Lerchen und Eulen

Natürlich ist das nicht überall umsetzbar. Vor allem in der Pflege (die übrigens nicht nur in Pandemie-Zeiten hervorragende Arbeit leisten und definitiv mehr Geld bekommen sollten) ist das schwer umsetzbar. Schließlich müssen rund um die Uhr Fachkräfte da sein und die Kranken und Alten betreuen. Und bei zu wenigen Arbeitskräften muss eben mehr und länger gearbeitet werden. In solchen Betrieben Gleitzeit oder kürzere Arbeitszeiten anzubringen oder sogar gesetzlich vorzuschreiben, ist kontraproduktiv und unrealistisch. Doch auch hier kann man gegensteuern, das führt mich zu meinem zweiten Punkt: Müdigkeit und Biorhythmus.

Der Schlafforscher Hans-Günther Weeß beschreibt diesen Punkt in seinem Buch „Die schlaflose Gesellschaft“wie folgt: Demnach gibt es Morgen- und Abendmenschen, Lerchen und Eulen. Die einen könnten morgens besser arbeiten, die anderen abends. Beide haben ihre Leistungsspitzen zu unterschiedlichen Zeiten. Nun ist es aber so, dass knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung am besten damit fahren, wenn sie ab neun Uhr aufstehen können. Weil aber vielerorts der Arbeitstag schon um sechs Uhr oder noch früher anfängt, sammelt dieser Teil ein immer weiter wachsendes Schlafdefizit an. Wenn man also mehr auf diese Schlaftypen achten würde, könnte man bei der Planung im Schichtbetrieb schon viel erreichen.

Nichtsdestotrotz sind die Unternehmen in der Pflicht. Es darf nicht so sein, dass wir nur mit Kaffee und Tee den Tag überstehen. Daran ist aber nicht das Individuum schuld, sondern die Betriebe und Unternehmen, die noch immer mit der Vorstellung leben, dass man acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche produktiv ist. Denn das ist nicht der Fall. Und im Endeffekt schädigt das die Gesundheit von allen. Wir sollten Genussmittel nicht konsumieren, nur weil wir funktionieren müssen. Vielmehr sollte es um den Genuss gehen, nicht das Mittel. Um den Tag und schließlich auch das Leben mehr zu genießen und es erträglicher zu gestalten.