Fußball

Wenn die Fans (nicht) wiederkommen

Keine Geisterspiele mehr, aber dennoch leere Ränge: So sieht die Realität vieler Fußballvereine aus.
11. Febr. 2022
Lange hatte Fußball-Deutschland auf diesen Moment gewartet: Zur Hinrunde 2021/2022 durfte endlich wieder im Stadion gejubelt werden. Doch die Resonanz fiel ernüchternd aus.

Samstag, 15.30 Uhr. Schauplatz Stuttgart, Mercedes-Benz-Arena. Eine Mischung aus Bratwurst- und Rasengeruch, mitreißenden Fangesängen und spannendem Spiel: So kennen und lieben Fußballanhänger*innen die Bundesliga. Dann wurde es leer und still, denn die Corona-Pandemie hat auch den Fußball nicht verschont. Am 13. März 2020 unterbrach die Bundesliga den Spielbetrieb. Kein Ball rollte mehr. 66 Tage dauerte die Zwangspause. Es folgten Spiele vor leeren Rängen. Die Hinrunde 2021/2022 sollte alles verändern. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) plante die Auslastung der Fußballstadien zu erhöhen. Doch eine Frage blieb: Kommen die Fans wieder?

Ein Vergleich zweier Bundesliga-Saisons vor und während der Pandemie zeigt die Veränderungen der Zuschauer*innenzahlen. In der Saison 2018/2019 fanden Bundesliga-Spiele noch ohne pandemiebedingte Einschränkungen statt. In der aktuellen Hinrunde der Saison 2021/2022 waren Stadionbesuche nur unter Einhaltung strenger Hygiene-Konzepte möglich.

Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen zeichnet sich keine deutliche Tendenz ab. 43 der 78 untersuchten Spiele waren während der Pandemie prozentual besser besucht als vor der Pandemie. Die übrigen 35 Partien hatten vor der Pandemie eine prozentual höhere Auslastung. Das heißt aber nicht, dass die Stadien voller waren. Die maximal zugelassene Zuschauer*innenanzahl ist zu Pandemie-Zeiten deutlich geringer. Konnten dem SC Freiburg gegen RB Leipzig in der Saison 2018/2019 noch 24.000 Zuschauer*innen zujubeln, waren es in der Hinrunde 2021 lediglich 750 Fans. Diese niedrige Kapazitätsgrenze macht eine höhere prozentuale Auslastung wahrscheinlicher.

Die Zahl der ausverkauften Partien stieg von 28 in der Saison 2018/2019 auf 41 in der aktuellen Hinrunde 2021/2022.

Das bestätigt auch ein Blick auf die vollausgelasteten Spiele. Die Partien der Hinrunde 2021/2022 waren häufiger ausverkauft als dieselben Spiele in 2018/2019. Dennoch war die durchschnittliche Auslastung abhängig von den maximal zugelassenen Fans in der Saison 2018/2019 minimal höher als in der Hinrunde der Saison 2021/2022: Während die Stadien vor der Pandemie zu knapp 89 Prozent ausgelastet waren, kamen während Corona noch 87 Prozent der möglichen Besucher*innen. Unter Berücksichtigung der Maximalauslastung besuchten also prozentual weniger Zuschauer*innen das Stadion. Klammert man nun Partien aus, bei denen lediglich eine Kapazität von 750 Fans zugelassen war, wird der Unterschied noch etwas deutlicher: Die Auslastung lag dann bei etwa 86,5 Prozent.

Die unterschiedlichen Kapazitätsgrenzen hängen vor allem mit den verschiedenen Regelungen zusammen. Wie viele Fans dürfen rein? Maske oder nicht? 2G oder 3G? All das unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Dazu kamen fast wöchentliche Anpassungen der Corona-Verordnung. Es entstand ein riesiger Flickenteppich. Während die Geisterspiele zum 14. Spieltag Anfang Dezember wieder nach Bayern und Baden-Württemberg zurückkehrten, konnten Fans in Nordrhein-Westfalen weiterhin im Stadion jubeln. Hier war eine Auslastung von bis zu 50 Prozent bei einer absoluten Obergrenze von 15.000 Zuschauer*innen möglich.

Um so viele Fans wie möglich im Stadion begrüßen zu dürfen, setzen die meisten Vereine auf das 2G(plus)-Konzept. Das hängt aus Sicht der Clubs weniger mit der verbesserten Spielatmosphäre, sondern vielmehr mit dem finanziellen Faktor zusammen. Je nach Verein stammen zehn bis zwanzig Prozent der Einnahmen aus Ticketerlösen. Geisterspiele oder geringe Zuschauer*innenzahlen sind ein herber wirtschaftlicher Verlust für die Bundesliga-Clubs, die durch die Unterbrechung der Liga und den Wegfall der Fernseh-und Sponsorengelder ohnehin finanziell gebeutelt sind. Laut eigenen Aussagen des VfB Stuttgarts ist jede Partie vor weniger als 15.000 Fans ein Minusgeschäft für den fünfmaligen deutschen Meister, in dessen Arena normalerweise über 60.000 Fußballliebhaber*innen Platz finden

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| Quelle: Luisa Käppele, Dunja Fadel

Aber nicht nur der VfB Stuttgart leidet unter den geringen Zuschauer*innenzahlen. Auch Vereine wie Borussia Dortmund, deren Stadion im Normalfall jede Woche mehr als 80.000 Fußballfans beherbergt, verbuchen beträchtliche Einbußen. Die Borussen beklagen pro Heimspiel einen Verlust von etwa drei Millionen Euro. Den prozentual größten Rückgang der Fans mussten zwei Vereine aus dem Südwesten hinnehmen. Während das Stadion der Eintracht Frankfurt zur Saison 2018/2019 häufig ausverkauft war (94,9 Prozent Auslastung), konnte die Auslastung während der Pandemie nicht auf dem gleichen Niveau gehalten werden (84,7 Prozent). Der größte Verlierer ist indes die TSG Hoffenheim. Vor der Pandemie lag die Auslastung bei etwa 96 Prozent. In der Hinrunde der Saison 2021/2022 kamen die Kraichgauer nicht über eine Auslastung von 62 Prozent hinaus. Die gleichen Partien hatten demnach ein Drittel weniger Auslastung, obwohl ohnehin weniger Zuschauer*innen zugelassen waren.

Gewinner sind vor allem Vereine, deren Kapazität auch während der regulären Saison nicht voll ausgeschöpft wird. Mainz 05 steigerte seine Auslastung um rund 12 Prozent. Der Herbstmeister der Saison 2019/2020 RB Leipzig kann das sogar toppen und konnte eine fast 15 Prozent höhere Zuschauer*innenauslastung verzeichnen. Aber auch die vermeintlichen Gewinner der Pandemie mussten große Besucher*innenrückgänge hinnehmen. Eine riesige Hürde für die Vereine. Normalerweise ist der Ansturm auf die Tickets so groß, dass bei einer Kapazität von 60.000 Plätzen einige Fans leer ausgehen. Nun wird das deutlich geringere Zuschauer*innenkontigent teilweise nicht ausgeschöpft. Das zeigt, dass das Interesse der Fans am Stadionbesuch während der Pandemie zurückgegangen ist.

„Mittlerweile sind Stadien Eventkulissen. Die Menschen gehen hin, um etwas zu erleben.”

Kristian Naglo, Sportwissenschaftler

Die Ursachen dafür sind laut Joachim Schmid, Vorsitzender des größten VfB Stuttgart-Fanclubs RWS Berkheim, vielseitig. Einen möglichen Grund sieht er in den Corona-Maßnahmen. Den einen ist es zu umständlich, eine FFP2-Maske zu tragen, sich vor den Spielen zu Testen oder sie fallen aufgrund ihres Impfstatus als Zuschauer*in ohnehin heraus. Die anderen sorgen sich um ihre Gesundheit, denn nicht jede*r vertraut auf das Hygiene-Konzept im Profifußball. Die Angst vor dem Virus ist nach wie vor da. Außerdem muss das Ticketkontingent über das gesamte Stadion verteilt werden, die Stehplätze dürfen nicht überlastet werden. Dadurch erhalten nicht alle Zuschauer*innen den gewohnten Platz. Je nach Tribüne unterscheiden sich die Preise aber stark und nur wenige Fans seien bereit, diesen Aufpreis zu bezahlen. Hinzu kommen die fehlenden Dauerkarten. Dauerkartenbesitzer*innen schauen sich auch vermeintlich weniger interessante Spiele an. Muss nun für jedes Spiel eine Karte gekauft werden, selektieren die Fans die Partien eher und bleiben häufiger fern. Und: Die Emotionalität fehlt. Ein Stadionbesuch während der Pandemie ist mit dem normalen Stadionerlebnis kaum zu vergleichen. Gemeinsames Jubeln oder in die Arme fallen? Fehlanzeige. Für viele ist gerade diese Gemeinschaft der Grund für den Besuch.

Das sieht auch der Sportwissenschaftler Kristian Naglo so und ergänzt: Mittlerweile sind Stadien Eventkulissen. Die Menschen gehen hin, um etwas zu erleben. Wenn in einem Stadion nun nur jeder zehnte Platz besetzt werden dürfte, sei dieser Eventcharakter schlichtweg nicht gegeben. Der Anreiz gehe verloren. In der Zwischenzeit haben Fans ihre Freizeitgestaltung verändert. Vorher undenkbar, haben die Fußballliebhaber*innen sich daran gewöhnt, ihre Zeit während der Bundesliga-Pause beziehungsweise Geisterspiele anders zu nutzen. Der Samstagnachmittag ist nicht mehr zwingend für den Fußball reserviert. Das erschwert die Zuschauer*innenrückkehr weiter. Ob die Nachwirkungen der Pandemie tatsächlich auch mittelfristig im Stadion sichtbar bleiben, ist offen.

Tränen bei Rückkehr ins Wohnzimmer

Für Schmid war dennoch klar: Sobald es möglich ist, unterstützt er seinen Verein wieder vor Ort, denn ohne den wöchentlichen Stadionbesuch fehlte etwas. Der Schauplatzwechsel von der vollen Cannstatter Kurve auf die heimische Couch war für den Fanclub-Vorsitzenden keine echte Alternative: Es war ein bisschen wie auf dem örtlichen Sportplatz. Man hört die Schreie einzelner Betreuer. Das ist auch mal interessant, aber auf Dauer nicht der Fußball, den man sich vorstellt, sagt der 63-Jährige. Seine Vorstellung von Fußball hängt mit Emotionen zusammen. Dem Beisammensein im Stadion. Der gegenseitigen Unterstützung. All das fehlte und so flossen bei einigen Fans Tränen, als sie endlich wieder in ihr Wohnzimmer durften. Für das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt Anfang Februar wurden unter Berücksichtigung der 2G-plus-Regel erstmals wieder 10.000 Fans im Stadion zugelassen. Es war eines der wenigen Spiele des VfBs, das während der Pandemie ausverkauft war und dann war er wieder da: Der Hauch von Bratwurst- und Rasengeruch, mitreißenden Fangesängen und einem spannenden Spiel.

Dieser Artikel basiert auf einer Datenanalyse. Der vollständige Datensatz ist hier einzusehen.