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In London ziehen dunkle Zeiten auf. | Bild: Martyn Pratt

Politik&Aktion Brexit und Corona
Großbritannien: Sind zwei Krisen eine zu viel?

In London ziehen dunkle Zeiten auf. | Bild: Martyn Pratt

05 Feb 2021

Das Vereinigte Königreich hat die Europäische Union verlassen. Zusätzlich breitet sich die Mutation von Covid-19 immer weiter aus, das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Drei Britinnen erzählen von den Auswirkungen dieser Doppelbelastung.

Julia Pietsch

Medienwirtschaft
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Kathrina Vinzelberg

Medienwirtschaft
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Aila Cavkic


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Ein Leben im wärmeren Süden Europas oder ein Auslandsstudium – all diese Träume sind für die 26-jährige Julia und ihren kleinen Bruder aus dem britischen Nottingham geplatzt. Steigende Inlandspreise und eine kriselnde Wirtschaft: Sie mag sich noch gar nicht ausmalen, wie sich ihr aller Leben bald durch den Brexit verändern wird.

Dabei verspürt sie Wut und Enttäuschung gegenüber der Regierung, denn es ist für sie unverständlich, wie der Brexit als eine solch komplexe politische Entscheidung der Bevölkerung überlassen werden konnte. Sie kritisiert, dass die Bürger*innen nicht richtig über die Nachteile des Austritts aus der Europäischen Union (EU) aufgeklärt wurden.

“People didn’t understand what they were asked for and didn’t understand everything that the EU does. It should not have been boiled down to the public like 'IN or OUT'. It’s not that simple.“   – Julia Richardson

Schließlich waren es hauptsächlich ältere Menschen, die für den EU-Austritt verantwortlich sind. Damit haben sie über die Zukunft der Jüngeren entschieden, die nur zu 20 Prozent für den Brexit stimmten. Laut Julia lag dies vor allem an den Medien und den Brexit-Kampagnen, die manipuliert schienen und die EU in ein schlechtes Licht rückten. Auch Anti-Immigration sei ein Pro-Brexit-Argument sowie der Glaube an das „British Empire“, Großbritannien als Weltmacht.

Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft

Noch immer ist der Brexit für viele Bewohner*innen Großbritanniens ein sehr heikles Thema. 2016 haben sie für den Austritt aus der EU gestimmt, mit einer knappen Mehrheit von 52 Prozent. Am 31. Januar 2020 hat das Vereinigte Königreich die EU nach 47 Jahren EU-Mitgliedschaft verlassen. Nach vierjährigen Verhandlungen konnten sich die EU und Großbritannien auf ein umfassendes Handelsabkommen einigen, welches zum 1. Januar 2021 vorläufig in Kraft getreten ist.

Der Brexit-Verlauf im Zeitstrahl | Bild: Ajla Cavkic

Schon jetzt zeigen sich die starken Auswirkungen des Brexit bei den jungen Leuten, insbesondere im Hinblick auf finanzielle Unterstützung bei Auslandsaufenthalten.

Die 22-jährige Französin Oriana nutzte so zum Beispiel die Möglichkeit der Finanzierung durch das ERASMUS-Programm für ein Masterstudium in London. Da sie halb Französin und halb Engländerin ist, beantragt sie nun die britische Staatsbürgerschaft und einen Reisepass, um ihre britische Familie auch in Zukunft zu besuchen. Von ERASMUS profitierte auch die 23-jährige Britin Kathryn, als sie 2019 für ein Praktikum nach Deutschland zog. Inzwischen hat sie eine Festanstellung im Raum Stuttgart als Grafikdesignerin. Ihr bleibt das Ende dieses Jahres abzuwarten, ob sich der Brexit auf den Alltag auswirken wird – die Zukunft ist ungewiss. 

Die drei Britinnen sind sich einig: Sie bedauern den Austritt aus der EU.

Die 26-jährige Julia aus Nottingham hat gegen den EU-Austritt gestimmt. | Bild: Julia Richardson
Als halbe Britin und halbe Französin konnte die 22-jährige Oriana nicht wählen, hofft aber auf eine Rückkehr in die EU. | Bild: Oriana Branchflower
Mit ihren 23 Jahren arbeitet die Britin Kathryn in Deutschland und war daher von Anfang an gegen den Brexit. | Bild: Kathryn Roberts

Doch neben dem Brexit haben die Briten momentan ganz andere Sorgen

Gerade rückt der Brexit in Großbritannien immer mehr in den Hintergrund, denn das Land ist aufgrund der Mutation des Coronavirus besonders stark von der Pandemie getroffen. Da diese neuartige Virus-Variante viel infektiöser ist, sind die Zahlen der Infizierten seit Mitte Dezember enorm angestiegen.

Die momentanen Zahlen der Infizierten sind 40 Prozent höher als der erste Höchstwert im April 2020. Derzeit sind es knapp dreieinhalb Millionen Infizierte (Stand 18.01.2021). Und auch die Zahl der Sterbefälle steigt weiterhin exponentiell.

Gegen diese immensen Werte soll nun eine Impfung helfen. Hier hat Großbritannien die erste Entscheidung losgelöst von der EU getroffen: eine Notzulassung der Impfungen ab Dezember. Dies hält Julia für einen notwendigen Schritt. Doch sie ist enttäuscht, dass es trotz eiliger Zulassung nur so langsam vorangeht, da ihre 86-jährige Großmutter noch nicht geimpft wurde.

“It’s weird that they really quickly tried to get the vaccines approved but then it almost felt like they were doing it all for the headlines rather than actually wanting to vaccinate everyone quickly.”  – Julia Richardson

Von der Impfzulassung abgesehen, zeigt sich Julia eher skeptisch gegenüber den staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Covid-19-Virus, an welchem sie selbst im Herbst 2020 erkrankte. Sie kritisiert, dass der harte Lockdown Anfang Januar viel zu spät kam.

Auch Oriana kennt aus ihrer französischen Heimat strengere Coronaregeln und würde sich in London vor allem eine strengere Maskenpflicht wünschen.

“One out of 50 people have the virus in London at the moment, in some neighbourhoods it’s one out of 20 people. I’m really afraid to go out and I think the government is not taking any measures.” – Oriana Branchflower

Der britische Staat ist mit den hohen Infektionszahlen überfordert, der nationale Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) steht kurz vor dem Kollaps. Bereits vor der Pandemie wies der NHS über 100.000 unbesetzte Stellen auf und kommt derzeit mit überfüllten Krankenhäusern an eine Kapazitätsgrenze.

Die britische Regierung verliert immer mehr an Autorität

Als Reaktion auf den überlasteten NHS kündigte der britische Staat im Dezember auch schärfere Kontrollen am Londoner Flughafen an. Allerdings merkte Kathryn davon nichts, als sie problemlos von Stuttgart nach London reiste, um Weihnachten in ihrer Heimat West Somerset zu verbringen. Nach einem freiwilligen Corona-Test zuhause stellte sich heraus, dass sie das Virus aus Deutschland mitgebracht hatte – die Flughafenkontrollen ließen also auch Infizierte durch.

Auch Julia hat das Gefühl, dass die Autorität der Regierung durch Inkonsequenz immer mehr bröckelt. Besonders seit der ehemalige politische Berater von Boris Johnson, Dominic Cummings, im Frühling trotz Corona an das andere Ende des Landes reiste, wie sie im unteren Audio erzählt.

Während die Bevölkerung sich an Corona-Maßnahmen halten muss und ansonsten Strafe zahlt, legte der Politiker mit seiner Familie 300 Meilen zurück. Rechtfertigungsversuche der britischen Regierung waren umsonst, wie Julia im folgenden Audio berichtet. 

Die Kombination aus einer nachlassenden Autorität der Politik, dem Corona-Virus mit der neuartigen Mutation sowie Brexit ist für das Vereinigte Königreich belastend. 

Julia ist sich sicher, dass die Auswirkungen des Brexit in den nächsten Monaten deutlich werden, besonders nach Corona, wenn die Briten wieder reisen dürfen, aber auch bei Lebensmittelpreisen und in der Wirtschaft. Besonders in Bezug auf Covid-19 hätte sich auch Kathryn einen späteren Austritt aus der EU gewünscht.

“We waited for like four years to leave the EU anyways, so we could have waited one more year, to get Corona out of the way first.”  – Kathryn Roberts

Wie soll die Zukunft aussehen?

Was wünschen sich die Britinnen für die Zukunft? Vor allem schärfere Maßnahmen und schnellere Impfungen, um Corona überwinden zu können. Außerdem neue Stipendien, die den jungen Leuten ein Leben im Ausland vereinfachen sollen, und ein Rückkehr in die EU.

“My personal belief is that we will end up re-joining the EU, but it will be on worse terms and it will be embarrassing. But that’s the only way we will survive.”  – Julia Richardson

Eins steht fest: Es ist keine einfache Zeit für die Briten, sie müssen den zwei Krisen von Corona und Brexit standhalten. Der Brexit wirkt sich zwar noch nicht auf ihren Alltag aus, jedoch haben bereits viele ausländische Arbeitskräfte das Land verlassen. Im Kampf gegen Corona geben die Impfungen Hoffnung, doch die Zukunft bleibt ungewiss.  

Passend zu unserem Dossier "Corona-Alltag in Europa" empfehlen wir euch die vierte Folge unseres Podcasts "edit.diskutiert". Während viele Nachbarländer ihre Museen wieder öffnen, bleiben diese in Deutschland auch Anfang Februrar geschlossen. Doch gerade weil sie Bildungseinrichtungen sind, sollten Museen wieder öffnen dürfen, findet Edit-Redakteurin Tamara. Ihr Kommilitone Steven ist jedoch anderer Meinung. Kann sie ihn überzeugen? Hier kommt ihr zu Folge 4 von edit.diskutiert: "Geschlossene Museen – reine Symbolpolitik oder erforderliche Maßnahme?"