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Luftfahrt
Flug ins Ungewisse

Viele Flugzeuge bleiben derzeit am Boden. | Bild: Flughafen Stuttgart

Luftfahrt Flug ins Ungewisse

Viele Flugzeuge bleiben derzeit am Boden. | Bild: Flughafen Stuttgart
 

22 Dec 2020

Mit nur einem Passagier nach Mallorca: Für Flugbegleiterin Kim ist die Corona-Pandemie eine Ausnahmesituation. Die Luftfahrt wurde durch das Virus schwer getroffen. Wann wird sie sich von den Milliarden-Verlusten erholen?

Kathrina Vinzelberg

Medienwirtschaft
seit Sommersemester 2018

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Weniger Luftfracht, spärlicher Reiseverkehr und kaum Tourist*innen. Fast zeitgleich mit Auftreten des Coronavirus kam der Flugverkehr weltweit zum Erliegen. Im April und Mai 2020 war der Personenluftverkehr über den gesamten Globus nahezu stillgelegt. Laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hat der internationale Luftverkehr im ersten Halbjahr der Pandemie über die Hälfte seiner Nachfrage verloren. Wie wird es weiter gehen? Fliegen wir nach Corona wie zuvor?

 

Eines ist sicher: Das Coronavirus hat die Flugbranche überproportional getroffen. Dabei ist nicht nur der Flugverkehr selbst betroffen, sondern vor allem auch die vielen Beschäftigten dort sowie in den verbundenen Branchen. In Deutschland sind es beispielsweise allein 22 Flughäfen, die 180.000 Menschen beschäftigen, erklärte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Ende April, kurz nach Beginn des ersten Lockdowns, lag die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze bei den deutschen Fluggesellschaften, laut der International Air Transport Association (IATA), bei 480.000. Nach Angaben des BDL sichert die Luftfahrt insgesamt knapp 850.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Unter dem betroffenen Flugpersonal ist auch die 24-jährige Stewardess Kim. Seit knapp zwei Jahren arbeitet sie als Flugbegleiterin für die deutsche Airline Eurowings. Vom Flughafen Stuttgart aus begleitet sie Kurz- und Mittelstreckenflüge innerhalb Deutschlands und Europas. 

„Es kommt jeden Tag zu Änderungen der Corona-Maßnahmen an unseren Zielorten, das heißt tagtäglich neue Formulare und Vorschriften.“ – Kim Vinzelberg

Der Lufthansa-Konzern schickte aufgrund der Pandemie etwa 87.000 Mitarbeiter*innen weltweit in Kurzarbeit. Die Stewardess befindet sich wie auch ihre Kolleg*innen seit Anfang April in Kurzarbeit. Derzeit hat sie zwischen fünf bis acht Kurzarbeitstage pro Monat. Finanziell geht es ihr aber kaum schlechter als vor der Pandemie, da sie 90 Prozent ihres Einkommens erhält. Ihr Arbeitsalltag hat sich jedoch geändert: Es gäbe keinen geregelten Flugablauf mehr, so die Stewardess.

Stewardess Kim bei der Arbeit. | Bild: Kim Vinzelberg
Aktuell kein seltenes Bild: leere Terminals am Flughafen. | Bild: Flughafen Stuttgart
Auch am Flughafen gelten strenge Corona-Auflagen. | Bild: Flughafen Stuttgart

Für Kim sind die Änderungen der Maßnahmen und Vorschriften sehr anstrengend. Diese gelten schließlich nicht nur für die Passagier*innen, sondern auch für die gesamte Crew. „Wir wissen natürlich, dass es wichtig ist, diese Verantwortung zu zeigen und diese Maßnahmen auch vorzuleben, anstatt nur vorzuschreiben", sagt Kim. Außerdem hätten sich die Flugziele stark reduziert.: „Wenn sich zum Beispiel ein Land im totalen Lockdown befindet, wird es von uns nicht mehr angeflogen. Viele Flüge werden also auch kurzfristig gecancelt.“

„Dieses Jahr war mein persönlicher Rekord mit einem Passagier nach Mallorca.“ – Kim Vinzelberg

Laut BDL ist die Auslastung der Flugzeuge durch die Corona-Krise im ersten Halbjahr von 82 Prozent in 2019 auf 74 Prozent in 2020 gesunken. In den Krisenmonaten April, Mai und Juni betrug die durchschnittliche Auslastung der Flüge nur noch 56 Prozent. Für Kim sei das geringe Fluggastaufkommen deprimierend, da ihr die Arbeit vor allem bei ausgebuchten Flügen Spaß mache. Halt findet sie jedoch bei ihren Kolleg*innen und in ihrer Crew. Das liegt sicherlich auch daran, dass bisher keine ihrer Kolleg*innen gekündigt worden sind. Jedoch habe ihre Fluggesellschaft alle Ausbildungskurse gestoppt, so die Stewardess.

„Wir motivieren uns, nehmen uns manchmal auch Ängste und sind in dieser Zeit einfach füreinander da.“ – Kim Vinzelberg

Stillstand bei Europas größter Flotte

Der Mutterkonzern von Eurowings - die Lufthansa - ist mit 135.000 Beschäftigten Europas größte Fluggesellschaft. Im dritten Quartal dieses Jahres machte der Konzern 1,3 Milliarden Verlust. Laut Lufthansa, verbuchte die Airline 60 Prozent weniger Umsatzerlöse im Vergleich zum Vorjahr. Bisher hat der Konzern Finanzhilfen in Höhe von neun Milliarden Euro erhalten. Trotz der Finanzhilfen der Bundesregierung will Lufthansa bis zum Jahresende voraussichtlich insgesamt 29.000 Stellen abbauen.

 

Wann wird sich die Flugbranche erholen?

Nach einer Prognose der IATA erfolgt die Erholung des Luftverkehrsmarktes nur schrittweise und über einen langen Zeitraum. Der Verband geht davon aus, dass sich der Luftverkehr erst 2024 wieder auf dem Niveau von 2019 befinden wird. Annahmen sind hierbei, dass große Anbieter wie Lufthansa, TUIfly und Ryanair planen, ihr Angebot in Deutschland langfristig zu reduzieren und viele Geschäftsreisen auch nach der Pandemie durch digitale Meetings und Veranstaltungen ersetzt werden. Weiter wird davon ausgegangen, dass es in Zukunft weniger Business-Flüge geben wird. Voraussetzung für dieses Szenario sei jedoch, dass 2021 die Corona-Infektion unter Kontrolle ist und bis 2024 die Passagier*innenzahl von 2019 erreicht wird, mit anschließendem Wachstum von drei Prozent pro Jahr.

 

Die pandemische Lage fordert daher die Branche zum Handeln und Umdenken auf. Dafür braucht es möglicherweise eine neue Ausrichtung der Luftfahrt und neue Visionen. Immerhin ist die zukunftsfähige Entwicklung der Luftmobilität eines der drängendsten Themen unserer Zeit.

Stewardess Kim bleibt dennoch optimistisch. Sie glaubt, dass sich die Flugbranche erholen wird, wenn die Pandemie überstanden ist und der Flugbetrieb wieder steigen wird. Sie geht derzeit davon aus, dass sie ihren Beruf nicht aufgeben, jedoch ihren Traum der Langstrecke um ein paar Jahre verschieben muss. Reinhard Reichel leitet das Institut für Luftfahrtsysteme der Universität Stuttgart. Er ist ebenfalls positiv gestimmt. Reichel glaubt, dass eine sehr deutliche Erholung einsetzen wird. Er schätzt die Branche ab 2022 wieder als sehr zukunfts- und wachstumsträchtig ein. Große Arlines wie Lufthansa oder andere würden mit einer stark modernisierten Flotte wieder weiter operieren, so Reichel.

Trotz dessen bleiben vorerst viele Fragen offen. Für die Luftverkehrsbranche ist es somit ein Flug ins Ungewisse. Klar ist aber: Die Krise wird tiefe Spuren hinterlassen.