Warum landen so viele Lebensmittel unnötig im Müll? | Bild: Tatjana Swiridoff

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Wegwerf-Wahnsinn

Warum landen so viele Lebensmittel unnötig im Müll? | Bild: Tatjana Swiridoff

13 Dec 2018

Eine scheinbar endlose Kette LKW – von Stuttgart bis nach Peking. Dicht an dicht, voll beladen. So würde es aussehen, wenn man die jährlich in Deutschland weggeworfenen Lebensmittel auf einmal abtransportieren würde. „Mülltaucher“ wollen diese Verschwendung nicht einfach so hinnehmen.

Es ist Montag. Für die meisten der unbeliebteste Tag der Woche. Nicht für den Pharmaziestudenten Leon und seine Mitbewohner. Für sie ist Montag Containertag.

Kurz nach Mitternacht ziehen sie los. Das Objekt der Begierde ist, wie jede Woche, der Abfallcontainer des Supermarktes gegenüber. Warm eingepackt und mit Lampen, Latexhandschuhen und einer Holzkiste bewaffnet schleichen sie über den Hinterhof des Lebensmittelhandels.

Leon zeigt, wie es beim Containern aussieht. | Bildmaterial: Leon

Was die Gruppe regelmäßig macht, nennt sich Containern oder auch „Dumpster Diving“. Darunter versteht man das Mitnehmen von im Handel entsorgter Lebensmittel.

Leon erzählt: „Am Anfang war es nur eine Art von Neugier." Mittlerweile ist es mehr: Einerseits geht es darum, ein Statement gegen Lebensmittelverschwendung zu setzen. Andererseits hat das Ganze auch einen finanziellen Aspekt für den 22-jährigen Freiburger: „Man spart sehr viel und bekommt immer mal wieder eine nette Überraschung.“ Auch wenn er das erbeutete Essen noch durch den einen oder anderen Einkauf ergänzen müsse, sei die Gemüsekiste durch die nächtlichen Streifzüge immer gut gefüllt. Heute ist die wöchentliche Lebensmittelrettungsaktion eine Art Ritual. Häufig kommen auch fremde „Mülltaucher“ mit in Leons WG, um die Ausbeute zu waschen, aufzuteilen und ab und zu noch ein Bierchen zu trinken. An manchen Tagen geht Leon mit seinen Mitbewohnern auch einfach spontan los, um nach Essbarem zu suchen: „Vor dem Feiern können wir uns kurz 'nen Snack holen, wenn wir Lust darauf haben.“

„Beim Containern geht’s nicht darum, mit möglichst vielen Sachen rauszugehen, sondern darum, dass am Ende alle ein bisschen happy sind.“ – Leon, „Mülltaucher“ aus Freiburg

Für die hohe Wegwerfrate bei Lebensmitteln gibt es viele Gründe. Häufig wird Essen nur weggeschmissen, weil in den Supermärkten falsch kalkuliert wurde. Die Regale müssen nicht immer prall gefüllt sein“, tadelt Leon: „Je voller sie sind, desto voller ist auch der Müll.“ Besonders außergewöhnliche und teure Bio- oder Fairtradeprodukte landen häufig in der Tonne, weil die Nachfrage der Kunden überschätzt wurde.

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Der Wegwerf-Wahnsinn in Zahlen | Bild: Studien und Untersuchungen von WWF und Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung | Infografik erstellt von Felix Arnold

Die Supermarktbetreiber sehen die „Mülltaucher“ nicht gerne auf ihrem Gelände. Viele lassen die Abfallcontainer bewachen wie einen kostbaren Schatz. Sie fahren hohe Geschütze gegen die vermeintlichen Diebe auf, erklärt eine Filialleiterin aus Stuttgart.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit definiert das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) eines Lebensmittels als „das Datum, bis zu dem es unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält.“ Wie der Handel mit abgelaufenen Nahrungsmitteln umzugehen hat, ist größtenteils gesetzlich vorgeschrieben. Was man mit ihnen in der heimischen Küche anstellt, hat dagegen jeder selbst in der Hand. Denn auch nach Ablauf des MHDs sind die meisten Lebensmittel noch unbedenklich genießbar.

Das hat auch Leon festgestellt. Am Anfang seien sie beim Containern noch vorsichtig gewesen, inzwischen gäbe es allerdings kaum etwas, das sie nicht aus der Mülltonne essen würden. „Benutze einfach deine Sinne!“, plädiert er. Wie sieht das Produkt aus? Riecht es normal? Und zu guter Letzt: Einfach mal davon probieren! Verbraucher sollten anfangen, das Mindesthaltbarkeitsdatum wieder als das zu verstehen, was es ist: ein Mindesthaltbarkeitsdatum, kein Verfallsdatum.

29,43 Euro: Das ist der Wert der Lebensmittel, die Leon an einem Abend aus der Tonne gefischt hat. Stand: November 2018 | Bild: Tatjana Swiridoff

Obwohl die „Mülldiebe“ nur Lebensmittel mitnehmen, die schon entsorgt wurden, drohen ihnen rechtliche Schritte. Findet die Tat auf einem eingezäunten Gelände statt, so handelt es sich um Diebstahl mit Hausfriedensbruch. Beides kann mit einer Geld- oder im Extremfall mit einer Haftstrafe geahndet werden, erklärt Rechtsanwalt Michael Erath aus Stuttgart: „Allerdings kommt es in der Praxis fast nie zu einer Gerichtsverhandlung, da die Staatsanwaltschaft die Verfahren meist nach §153 STPO einstellt.“ Wegen zu geringer Schuld wird demnach von einem Prozess abgesehen. Müll darf nur mitgenommen werden, wenn zuvor die Eigentumsrechte daran abgetreten wurden. Dies ist dann der Fall, wenn der Container weder mit einem Schloss versehen wurde, noch ein Zaun das Grundstück umgibt.

Leon und seine Freunde hatten bisher Glück. Selbst wenn sie erwischt wurden, ließ man sie, ohne die Polizei zu verständigen, ziehen.

So werden sie auch nächsten Montag wieder losziehen und essbare Lebensmittel aus den Müllcontainern klauben. Dabei hoffen sie weiter, dass sich am Wegwerf-Wahnsinn etwas ändern wird. Irgendwann.