Carola M. in einem Münchner Café, das viele Leute für Businessmeetings besuchen. Dies erinnert sie an ihr altes Leben, aktuell ist sie auf Hartz IV angewiesen. | Bild: Julia Wahl

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Carola M. in einem Münchner Café, das viele Leute für Businessmeetings besuchen. Dies erinnert sie an ihr altes Leben, aktuell ist sie auf Hartz IV angewiesen. | Bild: Julia Wahl

27 Jan 2020

„Ich glaub, ich hab mich ausgearbeitet“, sagt Carola M. Über 30 Jahre hat es die Münchnerin geschafft, mit dem Großstadtleben und der Medienbranche mitzuhalten. Dann wurde sie krank, verlor ihre Arbeit und ihre Wohnung. Nun empfindet sie sich als ausgebrannt.

Wir treffen Carola in einem Münchner Café auf der Sonnenstraße. Uns begegnet eine lächelnde Frau mit positiver Ausstrahlung und gepflegtem Äußeren. Dass sie im Monat nur 800 Euro zur Verfügung hat, sieht man ihr nicht an. Seit mehr als einem Jahr lebt sie nun schon von Hartz IV. Die gelernte Bürokauffrau sucht den Ausweg aus der Abwärtsspirale, die ihr aktuelles Leben prägt.

Nach ihrer Fortbildung zur Personalreferentin arbeitete die Münchnerin 30 Jahre in der Medienbranche. Sie lebte kein Leben, in dem sie von neun bis fünf im Büro sitzt, sondern auch mal mit Kollegen geschäftlich bis tief in die Nacht unterwegs sein muss. „Wir sind die große Familie, wir halten zusammen“, beschreibt die 56-Jährige das Arbeitsverhältnis. Wenn der Chef am Wochenende etwas wollte, musste sie abrufbereit sein. Aus heutiger Sicht meint sie, dass sie sich durchaus innerhalb eines noblen Klientels bewegt hat. 

„Wir sind oft Essen gegangen oder abends Cocktails trinken und wir waren nicht in einer Kneipe um die Ecke, sondern natürlich schon in den Hotspots. Und ja, wir haben es uns dort gut gehen lassen.“  – Carola M.

Dann wurde sie krank – eine vererbte Knochenkrankheit zwang sie, kürzerzutreten. Aufgrund starker Schmerzen konnte sie keine acht Stunden mehr am Schreibtisch sitzen und schon gar nicht dem stressigen Joballtag in der Medienbranche standhalten. Carola begab sich in Behandlung, ging in Reha und wechselte später zu einer Agentur. Sie arbeitete Teilzeit und auf Befristung, weitere Teilzeitanstellungen folgten. Doch ihre Psyche ertrug diese Scheinwelt, in der es rein um Selbstvermarktung geht, nicht mehr.

Als Personalerin der alten Schule, die es gewohnt war, sich um das Personal auch wirklich zu kümmern, missfiel ihr die Härte, mit der Mitarbeiter gekündigt wurden. Die ständigen Kopf- und Magenschmerzen gingen ihr noch zusätzlich an die Substanz. Carola entwickelte eine Depression, musste in Therapie und Medikamente einnehmen. Teilweise ist sie auch heute noch auf die Medikamente angewiesen. 2011 begann sie, unter einem Burnout zu leiden. Sechs Jahre versuchte sie, irgendwo Fuß zu fassen und ein normales Leben mit Job, Wohnung und Auto zu führen. 

In den letzten beiden Jahren ist ihr ganzes Leben in sich zusammengebrochen

Der traurige Höhepunkt: Ihre Altbauwohnung, in der sie 17 Jahre lang gewohnt hatte, wurde ihr wegen Eigenbedarf gekündigt. Also musste sie aus der Wohnung raus, stand aber vor dem Nichts. Denn aufgrund ihrer psychischen Probleme war sie zu dieser Zeit arbeitslos. Dies ließ die Wohnungssuche in München aussichtslos werden. „Das hat zum Totalzusammenbruch geführt“, meint Carola rückblickend. Sie stand kurz vor der Obdachlosigkeit. In der neunmonatigen Kündigungsfrist erlitt sie zu allem Übel einen Herzinfarkt. Dank guter Freunde kam sie in einer Sozialwohnung unter – Glück im Unglück. Denn die meisten Menschen in München, die arbeitslos sind und ihre Wohnung verlieren, landen auf der Straße. In der Bundesrepublik ist so eine Situation nicht unüblich. Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind die Zahlen in den letzten zehn Jahren in Deutschland dramatisch gestiegen.

Gründe dafür sind der Arbeitsgemeinschaft zufolge das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut. Teilweise verfestigt sie sich über Generationen hinweg, weil es immer schwieriger wird, aus der Armut herauzukommen.

Die Zahlen der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger sinken zwar, doch die Wohnungs- und Obdachlosen nehmen in Deutschland zu. | Bild: Julia Wahl, diakonie.de, alkv-loeb-zit.de, bagw.de, sozialpolitik-aktuell.de

Täglich muss sich die Hartz-IV-Empfängerin fragen: Kann ich in die Stadt fahren? Kann ich dort einen Kaffee trinken? Kann ich mir das leisten? Selbst kleine Käufe muss sie sich gut überlegen. 
Die Situation frustriert sie, weil sie in all den Jahren, in denen sie gut verdient und gelebt hat, viel Geld in die Krankenkasse und die Rentenversicherung eingezahlt hat. Heute muss die 56-Jährige um eine Teilerwerbsminderungsrente kämpfen und hoffen, dass ihr Rentenversicherungsträger ihr das Geld von früher anerkennt.

Teilerwerbsminderungsrente:

Personen, die mehr als drei Stunden, aber weniger als sechs Stunden täglich arbeiten können, erhalten Anspruch auf die Hälfte der vollen Erwerbsminderungsrente. Diese soll dann in Kombination mit einer Teilzeittätigkeit ihren Lebensunterhalt sichern.

Volle Erwerbsminderungsrente:

Eine volle Erwerbsminderung liegt bei Versicherten dann vor, wenn diese wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande sind, unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein.

 

Die Voraussetzungen für die Rente erfüllt die Münchnerin und somit hätte sie einen Anspruch auf 1.600 Euro im Monat. Doppelt so viel, wie die 56-Jährige jetzt als Hartz-IV-Empfängerin erhält. Jedoch kann es bis zu fünf Jahre dauern, bis eine Teilerwerbsminderungsrente bewilligt wird. 
Zurzeit arbeitet Carola in einem Kinderhospital in der Beratungsstelle für Eltern, ein sogenannter „Ein-Euro-Job“. Diese Arbeitsplätze mit einem Stundenlohn von einem Euro sind Förderungen der Agentur für Arbeit. Diese sogenannten AGH-Maßnahmen (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) sollen Langzeitarbeitslosen die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Jedoch dürfen die Beschäftigten nur bis zu 100 Euro brutto im Monat anrechnungsfrei dazuverdienen. Bei höheren Beträgen wird ein großer Anteil vom Jobcenter einbehalten.

Carola M. empfindet Hartz IV mittlerweile als einen Teufelskreis: “Je weiter ich in diese Sozialmaterie einsteige, von der ich ja auch keine Ahnung hatte bislang, desto weiter muss ich sagen, dass dieses Hartz IV eine Frechheit ist. Du wirst eher noch bestraft, wenn du eine Stelle annimmst, weil dir alles abgezogen wird“. 

An dem Schicksal von Carola M. ist leicht zu erkennen, wie schnell es selbst in einem Land wie Deutschland geht, von oben nach ganz unten abzurutschen. Sie hat jedoch nicht das Gefühl, dass sie ein Einzelfall ist. Einige Freunde von ihr sind ebenfalls arbeitslos: "Jeder hat sein Päckchen zu tragen, doch ich versuche trotzdem jeden Tag mein Bestes zu geben."