Nur eines der vielen Gewächshäuser des Biolandwirts Michael Braun auf seinem Hof in Vaihingen an der Enz. | Bild: Vanessa Borevac

Innovation&Geld Biolandwirtschaft
Die Biomöhre will aus der Nische

Nur eines der vielen Gewächshäuser des Biolandwirts Michael Braun auf seinem Hof in Vaihingen an der Enz. | Bild: Vanessa Borevac

11 Dec 2019

Bioland, Demeter und Naturland haben noch nicht genug – der Biomarkt wächst und will raus aus der Nische. Das Ziel ist es, durch Kooperationen mit Discountern den ökologischen Marktanteil weiterhin zu vergrößern. Jedoch haben Biolandwirte noch mit einigen Herausforderungen zu kämpfen.

„Bio ist immer die Geschichte, die dahinter steckt – so wie hinter jedem Menschen eine Geschichte steckt, steckt auch hinter jedem Lebensmittel eine Geschichte”, Michael Braun, Biolandwirt mit Leib und Seele. Er sitzt in seiner heimischen Hofküche und spricht darüber, dass seine Kunden seine Biomöhren nicht nur kaufen, weil sie gut schmecken. Viel wichtiger sind ihnen die Herstellungsbedingungen. Die ökologische Landwirtschaft ist seit der Umstellung von der konventionellen Bewirtschaftung vor knapp 50 Jahren in der Familientradition verankert. Schon seit 33 Jahren ist es Michael Braun, der diesen Hof am Rande der Kreisstadt Vaihingen an der Enz betreibt.

Angekommen auf dem Hügel, auf dem sich der Hof befindet, kommen einem schon Hund und Katze entgegen. Auch die Luft dort oben lädt zu einem tiefen Atemzug ein – trotz der nahen Stadtlage, führt alles zu einer ländlichen Atmosphäre. Ausgehend von dem Hofbüro, der Verwaltungszentrale des Hofes, sind in der Ferne die Gewächshäuser zu sehen. Währenddessen sind im Hintergrund Menschen im Lager zu hören, die das frisch geerntete Obst und Gemüse individuell für ihre Kunden zusammenstellen. Eine Tür weiter, im nächsten Lagerhaus, fallen die individuell zusammengestellten Kisten auf, gefüllt mit allerlei bunten Saison-Produkten, die von einem Mitarbeiter in den Lieferwagen geräumt werden. Noch am gleichen Tag startet der Lieferwagen und verteilt die Kisten an alle Haushalte, die es gewohnt sind, die frischen Produkte Woche für Woche nach Hause geliefert zu bekommen. Bereit zur Verarbeitung, warten manche Kunden vielleicht schon in der Küche und stöbern durch die passenden Rezepte, die sie auf der Homepage des Hofes finden können.

Die Gemüsekisten werden hier individuell für jeden Kunden zusammengestellt. | Bild: Vanessa Borevac

Mangel an Erntehelfern - Produkte werden teurer oder wandern aus Deutschland ab

Bei Biolandwirtschaftsbetrieben, wie dem der Familie Braun, gehört die Handarbeit noch zur Tagesordnung – jedoch nicht überall. Laut Michael Braun ist es gut möglich, dass viele von Hand geerntete Obst- und Gemüsesorten in Zukunft entweder sehr viel teurer – oder aus Kostengründen aus Deutschland abwandern werden. Für solche Produkte, wie beispielsweise Bohnen oder Zuckererbsen, werden Unmengen an Arbeitern, die oftmals aus Osteuropa kommen, benötigt. Nicht nur die Thematik des zu niedrigen Mindestlohns und des Arbeitszeitgesetzes ist hier laut Michael Braun das Problem, sondern vor allem auch, dass die Wirtschaft im Osten immer mehr in Gang kommt. Die Menschen sind nicht mehr bereit, unter allen Umständen nach Deutschland zu kommen.

Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist die Auswanderung mancher Produkte aus Deutschland in Zukunft denkbar. „Technische Lösungen für die Ernte und die Verarbeitung wären interessant“, sagt Dr. Sabine Zikeli, Leiterin des Zentrums Ökologischer Landbau an der Universität Hohenheim. „Es könnte ja jemand mal eine Rosenkohl-Putzmaschine erfinden”. Ihrer Meinung nach wird es bei Produkten wie Erdbeeren allerdings nicht dazu kommen, da die Käufer den süßlichen Geschmack der deutschen Erdbeere immer dem der Importierten bevorzugen werden. „Dann müssen die Produkte eben teurer werden“, nur so bekämen die Bauern mehr Erntehelfer und sie könnten sie besser bezahlen, verdeutlicht sie.

Ist Biomarkt noch immer ein Nischenmarkt ?

Mit seinen 50 Mitarbeitern wächst Michael Brauns Umsatz jedes Jahr um fünf bis zehn Prozent. Den Biolandwirt freut die steigende Nachfrage nach Biolebensmitteln, andererseits hat er auch seine Bedenken. Die grundlegende Problematik sei, dass der Biomarkt nach wie vor ein Nischenmarkt ist, was der Anteil der Biolebensmittel am gesamten Lebensmittelumsatz zeige. In Deutschland lag dieser 2018 bei nur rund 5,4 Prozent. Ebenso bestätigt die Wissenschaftlerin Sabine Zikeli, dass die ökologische Landwirtschaft mit einem Anteil von unter zehn Prozent an der landwirtschaftlichen Gesamtfläche nach wie vor ein Nischenmarkt ist.

Gleich wie in jedem anderen Handel, gibt auch im Biolebensmittelhandel der Markt den Ton an. Die Produktion und der Verkauf der Lebensmittel hängen immer von der Nachfrage ab. Was dies für Betriebe, die sich in diesem Nischenmarkt befinden, bedeutet, erklärt Michael Braun anhand eines einfachen Beispiels: Wenn die Regierung beschließt, den Biomarkt von fünf Prozent Marktanteilen auf zehn Prozent zu fördern, bedeutet das für die Biolandwirte 50 Prozent mehr Produktion, die am Markt untergebracht werden muss. Für Michael Braun würde das heißen, dass er seinen Anbau und seine Ernte radikal hochkurbeln müsste. In der Vergangenheit hatte der Hof mit solchen wirtschaftlichen Förderungen oft zu kämpfen.

Wenn der Biomarkt also rapide steigt, müssen die Biolandwirte in kurzer Zeit ihre Produktion verdoppeln und dadurch hohe Investitionen erbringen. Infolgedessen kommt es in der Biolandwirtschaft zu Umsteigern von der ökologischen Landwirtschaft zurück zu konventionellen Anbaumethoden. „Allein an den Produktionskosten liegt das nicht”, erklärt der erfahrene Landwirt Michael Braun. Der Marktanstieg bringe die Produktionskosten nur mit sich. Die Wissenschaftlerin Sabine Zikeli sieht das Hauptproblem auch im finanziellen Bereich, aber unter einem anderen Aspekt: „Viele Biolandwirte haben zu hohe Erwartungen an die Vermarktung von Produkten und an das Einkommen, dass sie dadurch erwirtschaften. Im Endeffekt jedoch funktioniert es dann einfach nicht so, wie sie es sich gedacht haben”, sagt sie.

Supermarktketten kooperieren mit Biolabels

Des Weiteren wäre zu beachten, dass der Biolebensmittelmarkt ein in sich geschlossener Markt sei, daher bestehe für die Biolandwirte auch so gut wie keine Konkurrenz zu konventionellen Betrieben, erläutert Michael Braun. Er sieht das Problem in der Kooperation von Biolabels mit Supermarktketten und Discountunternehmen – Bioland mit Lidl, Demeter mit Kaufland und Naturland mit Rewe. Die Kooperationen hält Michael Braun für ein Fehler, er macht deutlich: „Die Biolabels verkaufen die Biolebensmittel im Discounter unter ihrem Wert.”

Sabine Zikeli sieht es anders. Ihrer Meinung nach verkaufen sich die Produkte in Discountern nicht unter ihrem Wert, sondern erreichen über den günstigen Preis andere und vor allem neue Käuferschichten. „Wenn wir 30 bis 40 Prozent Ökolandbau haben wollen, geht das gar nicht anders.” Laut ihr ist die größte Herausforderung, das Wachstum in der Produktion mit dem Wachstum des Konsums deckungsgleich zu bekommen.

Quelle: umweltbundesamt.de; boelw.de; bio-markt.info; foodwatch.org | Bild: Vanessa Borevac