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Politik&Aktion

Harvey Weinstein
Vom Ende des Schweigens

Kaum ein Fall erschütterte die Hollywood-Film-Branche so sehr wie der um Harvey Weinstein (Symbolbild). | Bild: Clara Schneemann

Harvey Weinstein Vom Ende des Schweigens

Kaum ein Fall erschütterte die Hollywood-Film-Branche so sehr wie der um Harvey Weinstein (Symbolbild). | Bild: Clara Schneemann
 

15 Dec 2020

Belästigt, zum Schweigen gezwungen, als Lügnerinnen abgestempelt: Über 100 Frauen fielen den sexuellen Übergriffen Harvey Weinsteins zum Opfer. Entgegen seiner Erwartung wandten sie sich jedoch an die Öffentlichkeit. Das Puzzle ihrer Äußerungen zeigte ein erschreckendes Ausmaß.

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Am 6. Januar 2020 schaut die Welt auf einen Gerichtssaal in New York. Ein älterer Herr mit Gehhilfe, bewacht von Anwälten und Polizei, stolpert die Treppe herunter. Gekürt zum meistgehassten Mann Hollywoods, wird Harvey Weinstein hier Verantwortung für seine Taten übernehmen müssen.

Hier findest du zehn Fakten über Harvey Weinstein - einfach mit der Maus über die grauen Kreise fahren. | Bild: Clara Schneemann

Rückblick: Im Oktober 2017 gelangten die ersten Vorwürfe gegen Weinstein an die Presse. Der Filmmogul soll mehr als hundert Frauen sexuell belästigt haben. Darunter fallen Angestellte seiner Produktionsfirmen „The Weinstein Company“ und „Miramax“ sowie bekannte Gesichter Hollywoods, wie Uma Thurman, Salma Hayek, Kate Beckinsale und Gwyneth Paltrow. Der Fall entwickelte sich zum weltweiten Diskussionsthema – unterstützt durch den Hashtag #metoo erlangte die Thematik der sexuellen Belästigung weitere Aufmerksamkeit. Immer mehr Frauen wenden sich an die Öffentlichkeit und erzählen ihre Geschichte, darunter auch viele Opfer Weinsteins.

Das Ausmaß des Falls veranlasste uns, in Form einer Forschungsarbeit, dem Thema und seinen Zusammenhängen nachzugehen. Wir untersuchten eine ausgewählte Gruppe an belästigten Schauspielerinnen sowie deren Verbindungen und Eigenschaften. Heraus kamen prägende Ergebnisse:

Schaut man sich die Produktionsfirmen der Filme unserer Schauspielerinnen an, fällt auf, dass vergleichsweise wenige der Werke unter „Miramax“ entstanden. Somit könnte man meinen, dass die Wahl der Produktionsfirma eines Filmes in unserem Fall nicht die Wahrscheinlichkeit erhöhte, Opfer Weinsteins zu werden. Besonders auffällig war, dass viele der Schauspielerinnen, obwohl sie sexuell von Weinstein belästigt wurden, trotzdem noch mit ihm für weitere Werke zusammenarbeiteten. Das lag daran, dass der Filmmogul seine Machtposition gnadenlos ausnutzte. Er drohte Schauspielerinnen, ihren Job und damit auch ihre oft noch junge Karriere zu zerstören, wenn sie nicht „kooperierten“. Sobald die Darstellerinnen versuchten, ihren Fall öffentlich zu machen, was sowieso selten geschah, brachte Weinstein sie mit hohen Geldsummen und weiteren Drohungen zum Schweigen.

„I was a kid, I was signed up, I was petrified. I thought he was going to fire me.” – Gwyneth Paltrow

Doch Weinsteins komplexes Machtgefüge hörte nicht bei den Schauspielerinnen auf: Unnachgiebig erstickte er jeden Versuch der Berichterstattung über seine Vergehen im Keim. Einerseits kaufte er gezielt Journalisten, von denen er negative Schlagzeilen befürchtete, drohte ihnen oder setzte sie als Mitarbeiter und Drehbuchautoren ein, um sie zum Schweigen zu bringen. Andererseits setzte er Privatermittler ein, um Informationen über die mutmaßlichen Opfer zu sammeln, sie zu beschatten und Negativ- Aussagen an die Presse weiterzuleiten.

Mit den Jahren wuchs Weinsteins Macht, Geld und Einfluss. Zu Beginn der 2000er produzierte er noch erfolgreiche Filme gemeinsam mit seinem Bruder unter „Miramax“, das zu Disney gehörte. Beide verließen die Firma zur Mitte der Dekade und gründeten „The Weinstein Company“. Das Unternehmen entwickelte sich ebenfalls schnell zum Erfolg und konnte Berater wie Robert Redford und Regisseur Quentin Tarantino für sich gewinnen. Unter diesem frischen Namen öffneten sich für Weinstein ganz neue Möglichkeiten. Während seine Filme mehrere Nominierungen und viele Oscars gewannen, nutzte Weinstein seine steigende Berühmtheit, um sexuelle Gefälligkeiten gegenüber zahlreichen Frauen einzufordern.

„He pushed me down. He tried to shove himself on me. He tried to expose himself. [...] I was doing anything I could to get the train back on the track. My track. Not his track.” – Uma Thurman

Dabei ging es ihm scheinbar primär um seine Lustbefriedigung und so traf es die Frauen vermutlich wahllos. Während Kate Beckinsale gerade einmal 17 und Gwyneth Paltrow 22 Jahre alt war, wurden Lena Headey im Alter von 31 und Daryl Hannah mit 43 Jahren belästigt. Nicht wahllos, aber möglicherweise zufällig, ist die Herkunft der betroffenen Schauspielerinnen. Hier liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Nordamerika – was als Epizentrum der Filmindustrie durchaus nachvollziehbar ist. Allerdings schienen auch Europäerinnen Weinsteins Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie unser Netzwerk verdeutlicht.

Doch ein Muster gab es, welches einwandfrei festzustellen ist und sich in den zahlreichen Aussagen der Schauspielerinnen widerspiegelt. So perfide wie der Filmmogul war, entwickelte er ein effizientes und scheinbar erfolgreiches System. Nehmen wir an, eine Schauspielerin hat sich für eine Rolle in einem Weinstein Film beworben. Oder sie ist auf einem internationalen Filmfestspiel vertreten, welches dieser ebenfalls besucht. Er bittet sie also um einen Besuch in seinem Hotel, um etwas zu „besprechen“. Was die Darstellerin dabei meistens jedoch erwartete, war kein Angebot für eine Rolle, sondern das einer Massage. Hatte Weinstein einen guten Tag, trat er hierbei auch noch gerne nur mit einem Bademantel bekleidet auf, welchen er im Laufe des vermeintlichen Gesprächs relativ schnell ablegte, auch um zu einer gemeinsamen Dusche einzuladen. Die Schauspielerinnen, so perplex wie sie waren, versuchten sich zu wehren, zu fliehen oder die Gewalt einfach nur zu überstehen.

In acht von zehn Fällen in unserem Netzwerk traf dieses hinterhältige Muster Weinsteins zu - hier einmal visualisiert. | Bild: Julia Lindner

Nun, Ende 2020, sitzt Harvey Weinstein in einem New Yorker Gefängnis. Das aktuelle Strafmaß lautet 23 Jahre, die sich auf eine lebenslange Haft verlängern könnten – sofern es, aufgrund weiterer Klagen, im Bundesstaat Kalifornien auch zu einer Verurteilung kommen sollte. Der Antrag zur Auslieferung ist jedenfalls gestellt. Ob die Anhörung jedoch tatsächlich wie geplant im Dezember stattfinden kann, steht aufgrund eines Corona Verdachtes und zahlreicher Vorerkrankungen Weinsteins noch aus. Seine Taten, die viele Frauen lebenslang prägen, werden jedenfalls nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

Der Text und die entsprechenden Daten basieren auf einer Netzwerkanalyse, die mit dem Programm "R" durchgeführt wurde. Hier sind die Daten einsehbar. 

Die Daten entstanden anhand bestimmter, festgelegter Kriterien zur Betrachtung von Schauspielerinnen und deren Verbindungen untereinander. Sie wurden nach definierten Beziehungsarten, so auch dem Attribut "pattern", das dem dargestellten Muster Weinsteins entspricht, selektiert.