MEINUNG
Dank dem Austauschprogram "Workaway" ist der 24-jährige Phuong Bui ständig im Kontakt mit Reisenden. | Bild: Phuong Bui

edit.Challenge Heimatgefühl
Im falschen Land geboren

Dank dem Austauschprogram "Workaway" ist der 24-jährige Phuong Bui ständig im Kontakt mit Reisenden. | Bild: Phuong Bui

23 Jan 2020

Der 24-jährige Phuong Bui nennt sich Felix. Sein Traum ist Deutschland. Der Vietnamese fühlt sich einem Land zugehörig, dass er noch nie bereist hat. Ein Phänomen, dass immer mehr zum Vorschein kommt und das nicht nur in Vietnam. Weltweit fühlen sich Menschen ihrem Land fremd. Dabei fördern die Globalisierung und der wachsende Tourismus die Sehnsucht nach einem neuen Heimatland. Ein Meinungsbeitrag.

Valerija Vasylevytska

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019

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Menschen sind gesteuert von Trieben. Unser Gehirn ist darauf programmiert, auf schnellstem Wege alle Grundbedürfnisse zu tilgen. Hungersnot und Überlebensstrategien – diesen Grundbedürfnissen sind wir schon weit voraus. Es ist der Drang nach Zugehörigkeit, dem wir nacheifern.
Ein ernstzunehmendes Verlangen.

Menschen haben seit Urbeginn das Bedürfnis, soziale Kontakte zu knüpfen und mit diesen zu interagieren. Nicht ohne Grund zählen Evolutionsforscher unsere Spezies zu Rudeltieren.
Fühlt sich ein Wolf dem Rudel fremd, verlässt er es und schließt sich einem anderen an. Dieser Instinkt ist in Menschen fest verankert. Sind wir unglücklich in unserem Heimatland, suchen wir ein anderes auf und werden dort ansässig.

In den Medien wird das Zugehörigkeitsgefühl zu einem anderen Land selten zur Sprache gebracht. Man müsste meinen, die Meisten passen sich ihrer Umgebung an, adaptieren das Verhalten ihrer Mitmenschen, ohne zu hinterfragen. Dabei gab es im Jahr 2018 über eine Million deutsche Auswanderer. Die hohe Zahl beweist: Das Phänomen ist keine Seltenheit.

Vietnamesische Gruppe beim Deutschlandfest Das "Deutschlandfest" gibt allen Besuchern die Möglichkeit, mit deutschen Institutionen aus Politik und Kultur ins Gespräch zu kommen. | Bild: Phuong Bui

Bei meiner Reise nach Vietnam traf ich das erste Mal auf Menschen, die in einem falschen Land geboren zu sein schienen. In einem 9.323 km entfernten Land fand ich ein kleines Deutschland wieder. Wenn auf der Speisekarte neben dem Ramen ein Schnitzel steht und eine Straße weiter das sogenannte „Bierfest“ stattfindet, dann ist man in Hanoi gelandet.
Die Stadt des immerwährenden Wandels. Seit dem wachsenden Tourismus sitzt man hier zwischen zwei Stühlen. Die Alten bemühen sich, Kultur und Herkunft zu bewahren, die Jungen wollen ausbrechen. Der große Traum ist Deutschland. Wie das Klischee verspricht – neben Pünktlichkeit, Feierabendbier und stetiger Ordnung, vor allem Chancen.

Um punkt neun Uhr steht Phuong wie abgemacht vor der Klassenzimmertür, keine Minute später.
Sich selber nennt er Felix. Hier perfektioniert er seine Deutschkenntnisse und ich bin seine Lehrerin. Eine kleine Stelle, die ich annahm, um auf meiner Reise durch Hanoi einen Schlafplatz gegen Dienstleistung zu tauschen. Viel beibringen kann ich ihm jedoch nicht. In einem fast akzentfreien Deutsch erzählt er mir: ,,Ich bin eine Person, die gerne Neues entdeckt. Deutschland ist für mich ein herausforderndes Ziel, weil ich mich in eine völlig andere Gemeinschaft integrieren werde. Dafür habe ich viel Zeit und Arbeit investiert.“ Auf meine Frage, welchem Land er sich nun zugehörig fühlt, antwortet er sicher: "Zurzeit bin ich glücklich nah an Familie, Freunden und Verwandten zu sein, aber ich werde glücklicher, wenn sich mein Wunsch erfüllt."

Damit ist Felix kein schwarzes Schaf. Die Sehnsucht nach Deutschland scheint groß zu sein und das nicht nur in Vietnam. Da schrecken nicht einmal die weit verbreiteten Klischees stets schlecht gelaunter Deutscher ab. Als Tourist ist man Repräsentant des eigenen Landes. Die ständig kritisierten Stereotypen werden abgelegt – als Gäste zeigen wir uns von der besten Seite. Weit weg vom Heimatland fällt es den Deutschen eindeutig einfacher, prunkvoll vom öden Alltag zu berichten. Die vollen Straßenbahnen, das monotone Arbeitsleben wird überraschend wertgeschätzt, wenn man den Luxus des Vergleiches hat.

Eine vietnamesische Gruppe mit Weihnahchtsmützen. Das Familienfest Weihnachten wird auch in Asien gebührend zelebriert. Dabei bewohnen nur rund 336 Millionen Christen den Kontinent. | Bild: Phuong Bui

Verstärkter Zugang zu Informationen bringt somit globale Ungleichheiten der Lebensstandards und der Lebenschancen hervor. Die Interaktion sowie Vernetzung von Kulturen über Grenzen hinweg ist nicht zu unterschätzen. Denn die Folgen der Globalisierung sind ein fortbestehender Prozess. Dabei spielen die natürlichen Grenzen von Zeit und Raum eine immer geringere Rolle. Wird dadurch die Entfremdung unserer Wurzeln gefördert oder gar gefordert? Das ist wahrscheinlich eine Frage der persönlichen Wahrnehmung.

Doch gleicht sich jeder Mensch in einem – dem Verlangen nach Zugehörigkeit. Fehlt es, so kann ein Mensch an Depressionen erkranken. Das kann sich in Verunsicherung, Abneigung oder sogar Hass gegenüber dem Heimatland äußern. Soweit muss es natürlich nicht kommen. Oft wird das Zugehörigkeitsgefühl zu einem anderen Land positiv verarbeitet, indem man zielstrebig sein Ziel verfolgt, irgendwann in seinem Wunschland aufzuwachen.