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Kultur&Gesellschaft

Reportage
Professionelle Fotografie im digitalen Zeitalter

Fotograf und Content Creator Norman Keutgen. | Bild: Tobias Holzweiler

Reportage Professionelle Fotografie im digitalen Zeitalter

Fotograf und Content Creator Norman Keutgen. | Bild: Tobias Holzweiler
 

03 Dec 2021

Es ist die Zeit des visuellen Überflusses und der Erkundung neuer Medien. Die digitale Welt steckt voller Möglichkeiten, seine Kreativität auszuleben und künstlerisch aktiv zu werden. Eine Reportage über zwei Fotografen, eine Leidenschaft und den Weg zum Erfolg.

Jana Lena Hünig

Master Unternehmenskommunikation
seit Wintersemester 2021
KommunikationsmanagementBranding Digitale Medien und Marketing

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Punkt 13 Uhr in einer hippen Altbauwohnung in einem Szeneviertel von Köln. Die Wände zieren zahlreiche gerahmte Bilder. Momente, die Norman eingefangen und für die Ewigkeit festgehalten hat. Auf der Holzkommode im Wohnzimmer liegt eine stolze Anzahl analoger und digitaler Kameras. Neben dem Equipment steht ein Plattenspieler. Norman legt seine Lieblingsplatte auf: Sohn - Tremors. Dabei ist an seinem linken Ellenbogen ein feines Tattoo zu sehen: „You see more“.  Alles, was Fotografie für ihn bedeutet, in drei Worten zusammengefasst.

Gemeinsam mit Freunden baute Norman Keutgen vor sieben Jahren eine eigene Streetwear Marke auf. Dabei schaute er dem Fotografen der Brand immer interessiert über die Schulter, bis er sich selbst eine Kamera kaufte. „Da habe ich dann die Liebe zur Fotografie entdeckt und auf einmal täglich Fotos gemacht“, erinnert sich Norman. Heute ist er hauptberuflich Fotograf.

Auch Henry Flaming ist fasziniert davon, Momente für die Ewigkeit festzuhalten. Er ist hauptberuflich Feuerwehrmann. Über seinen Vater kam der 25-jährige Naturliebhaber zur Fotografie. Angefangen hat alles in einem gemeinsamen Familienurlaub in der Schweiz. Henry schnappte sich die Kamera und fotografierte alles, was ihm in den Sinn kam. Mit der Zeit entwickelte er seinen ganz eigenen Stil, Landschafts- und Porträtfotografie: Zwei Genres, die er kunstvoll miteinander verbindet.

Zwei Models tragen rote Kleidung und stehen versetzt im Wald. In seinen Werken vereint Henry Flaming Mensch und Natur. | Bild: Henry Flaming

Fotografieren wird immer mehr zu einer sozialen Handlung, die der Bespielung digitaler Kanäle dient. Dabei tritt die Frage der Wiedererkennbarkeit und der heutigen Möglichkeiten in den Vordergrund.

Alle suchen ihn, den eigenen Stil

Wir leben in einer visuellen Welt, in der sich die Kommunikation immer mehr hin zu Fotos und Videos verlagert. Bei der anhaltenden Bilderflut ist es von großer Bedeutung, eine eigene fotografische Handschrift zu entwickeln. Trends sollten frühzeitig erkannt oder sogar selbst gesetzt werden. Norman beschreibt es als Glück, Fotografie nie offiziell gelernt zu haben: „Ich würde meinen Stil als unperfekt beschreiben, nicht immer technisch richtig. Ich mache noch Fehler, die aber sehr wichtig sind. Sie machen die Besonderheit meines Stils aus.“ Normans Bilder sind nicht immer gestochen scharf, oftmals verschwommen und auch mal zu dunkel. Es ist nicht so, als würde er sein Werk nicht beherrschen. Er fotografiert jetzt lang genug, um die technische Seite zu verstehen. Doch die vermeintlichen Fehler prägen seinen individuellen, fotografischen Ausdruck. „Den eigenen Stil zu finden, war keine leichte Aufgabe", erzählt Norman. Er habe dabei das Motto verfolgt: „Kenne die Regeln und brich sie absichtlich.“ So entwickelte er seinen Stil in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiter und interpretierte ihn neu. Die folgenden Fotoaufnahmen zeigen Normans Stilwandel der letzten Jahre.

Eine Fotoaufnahme von Norman Keutgen aus dem Jahr 2021. | Bild: Norman Keutgen
Eine Fotoaufnahme von Norman Keutgen aus dem Jahr 2018. | Bild: Norman Keutgen
Eine Fotoaufnahme von Norman Keutgen aus dem Jahr 2017. | Bild: Norman Keutgen

Einem Trend zu folgen, ohne den eigenen Stil dabei zu verlieren, ist nicht immer einfach. Die sozialen Netzwerke beeinflussen unseren Geschmack und unser Gefühl für Ästhetik. Manche Posts veröffentlicht Norman, weil sie bei seinen Followern gut ankommen. Aber die große Kunst bestehe darin, sich nicht selbst zu verlieren. Manchmal denke ich mir, die Kunst muss gewinnen. Ich poste auch Content, von dem ich weiß, dass er nicht unbedingt gut ankommt. Einfach, weil es mir gefällt“, beschreibt Norman seinen Weg, sich treu zu bleiben.

„Die Digitalisierung bietet mir viel mehr Möglichkeiten.“ – Henry Flaming

Der Einfluss der Digitalisierung ist enorm. Der Markt der Fotografie hat sich verändert. Soziale Medien spielen dabei eine besondere Rolle. Heute wird sehr viel Bild- und Videomaterial benötigt, um auf den vielfältigen Plattformen aktiv sein zu können. Henry stellt fest, dass die Nachfrage nach Fotografen zugenommen hat. Als er vor 14 Jahren anfing zu fotografieren, hatten soziale Netzwerke noch keinen so hohen Stellenwert wie heute. „Die Digitalisierung bietet mir viel mehr Möglichkeiten", sagt Henry. Für ihn ist es wichtig, regelmäßig Content zu veröffentlichen. Er nutzt dabei alle Chancen, die die sozialen Netzwerke ihm bieten. „Mein Erfolgsrezept besteht darin, aktiv zu sein und Qualität zu zeigen. Es ist wichtig, mit seiner Community zu interagieren und sie mitzunehmen.“ 2019 entschied sich Henry, eine Challenge zu machen: „Ich habe ein Jahr lang täglich Bilder meiner Shootings gepostet. Zu Beginn hatte ich circa dreitausend Instagram-Follower. Nach 365 Tagen waren es 40 Tausend. Meine Reichweite ist erheblich gestiegen und damit auch meine Auftragslage.“ Die Digitalisierung biete viel mehr Möglichkeiten, Werbung für sich zu machen. Kunden seien einfacher zu erreichen.

Auch Norman sieht die Digitalisierung als Chance, seiner Leidenschaft der Fotografie beruflich nachgehen zu können. Ein gutes Beispiel sei die Entwicklung des letzten Jahres, als sich das Leben hauptsächlich online abspielte. Im Jahr 2020 belief sich der Umsatz im B2C-E-Commerce in Deutschland auf 72,8 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Umsatz um rund 23 Prozent gestiegen. Die Entwicklung der Digitalisierung war rasant, erinnert sich Norman: „Ich hatte auf einmal mehr zu tun als je zuvor. Es wurde alles noch viel krasser digitalisiert. Noch mehr Unternehmen sind auf den Onlinehandel ausgewichen. Auch die Marken, die vorher nur stationär erreichbar waren. Plötzlich musste alles online stattfinden. Das war eine große Chance, um viel mehr daraus zu machen.“

Die fortschreitende Digitalisierung weckt das Interesse vieler, sich in der Fotografie auszuprobieren. Sowohl der amateurhafte als auch der professionelle Bereich wachsen. Im Jahr 2020 gab es in Deutschland rund 35 Tausend Betriebe im Handwerk der Fotografie und 35,19 Millionen Privatpersonen, die einen digitalen Fotoapparat besitzen. 

 „Man muss einfach seinen persönlichen Stil finden und sich diesen bewahren. Wenn Kund*innen deinen Stil und deine Arbeit cool finden, dann ist da niemand, der dir im Weg steht“, fasst Henry zusammen.

Woher kommt die Inspiration?

Kreativ sein, heißt inspiriert zu sein. Man muss sich die Freiheit nehmen, das Leben bewusst zu leben. Für Norman ist alles, was um ihn herum passiert, Inspiration. Der Nachbar, der eine kurze Alltagsgeschichte erzählt. Ein Instagram Post oder ein Plakat. „Ich kann gar nicht genau sagen, woher ich meine Inspiration nehme. Ich glaube, vieles passiert auch unbewusst. Inspiration entsteht irgendwie aus dem großen Ganzen“, meint Norman. Es sei das Leben, das sich permanent verändert.

Für Henry bedeutet Fotografie, Kunst darzustellen, Geschichten zu erzählen und Emotionen zu zeigen. Sein Geheimnis: „Einfach mal Sachen machen, die ein bisschen verrückt sind.“ Er lässt sich viel von Werbe- und Musikvideos inspirieren. "Dort werden Dinge gemacht, die vorher noch nie fotografisch dargestellt wurden", erzählt Henry. 

„Ich sehe Videos, dann bleibt ein Bild stehen und entwickelt sich weiter.“ – Henry Flaming

Ein Beispiel ist ihm ganz besonders in Erinnerung geblieben. In diesem Fall war es kein Video, sondern ein Werbeplakat für Spülmaschinentabs. „Das Spülmaschinentab war auf einer Wasseroberfläche abgebildet. Eine Seite war ein bisschen verschäumt. Ich hatte sofort ein Bild vor Augen: Eine Matratze auf dem Meer! Fotografiert aus der Vogelperspektive“, erinnert sich Henry und fügt hinzu: „Ich sehe Videos, dann bleibt ein Bild stehen und entwickelt sich weiter.“ Binnen kürzester Zeit setzte er die Idee um. Zunächst besorgte er eine Matratze im Internet und skizzierte seine Vorstellung. Gemeinsam mit einem Model plante er anschließend einen Trip in die Niederlande. Am Shootingtag fuhren sie früh morgens um 7 Uhr los. In Den Haag angekommen schaffte Henry die Matratze ans Meer, startete seine Drohne und fing nach ein paar Minuten genau den richtigen Moment ein. Seine Kunst liegt darin, im Alltag Inspiration zu finden. „You see more“ - dem würde sicher auch Norman zustimmen.

Ein Model liegt im Bikini auf einer Schlafmatratze am Strand. Ankommende Wellen rahmen die Matratze zur Hälfte ein. Inspiriert von einem Werbeplakat für Spülmaschinentabs entstand dieses Foto in Den Haag, Niederlande. | Bild: Henry Flaming