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Kultur&Gesellschaft

Kolumne
„Verpiss dich!“: von Abfuhren und Geduldsfäden

Aufbruchstimmung im Leonhardsviertel. | Bild: Nicole Wolf

Kolumne „Verpiss dich!“: von Abfuhren und Geduldsfäden

Aufbruchstimmung im Leonhardsviertel. | Bild: Nicole Wolf
 

16 Dec 2021

Ich weiß nicht genau, ob ich gerne feiern gehe. Ob ich das Nachtleben in Stuttgart genieße oder verachte. Womöglich kann man das nicht wissen. Womöglich gibt es dafür keine Antwort. Diese Kolumne ist eine Art Pro-Contra-Liste. Eine ausführliche.

Karolina Justus

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
KulturKunstPolitik

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Wenn man im Stuttgarter Leonhardsviertel lebt, muss man nie weit laufen, um irgendwo anzukommen. Überall Menschen, alles laut, in der Ferne dröhnen Sirenen, aus den Bars drücken sich Bässe nach draußen; ein Wirrwarr an Musik, das nie mehr in seine Einzelteile zerlegt werden kann. In unsere Jacken gemummt stehen meine Freundinnen und ich in der Schlange zu irgendeinem Club: Zuerst den Impfnachweis, dann den Personalausweis vorzeigen. In die Luca-App einchecken, fünf Euro Eintritt bezahlen, Stempel auf das Handgelenk. Drei Schritte voran laufen und auf die anderen warten. Drinnen im Gänsemarsch durch die Menge quetschen, Jacken abgeben, wieder anstehen, zwei Euro zahlen, Zettel an einem Ort verstauen, an dem man ihn nicht verliert. Dann ab an die Bar und alles noch einmal. Sich von Typen angaffen lassen. Sich von Typen anquatschen lassen. Genervt die immer gleiche Phrase: „Neee, danke – kein Interesse.“ Sich von Typen einen blöden Blick einfangen lassen. Nichts mehr sagen. Wegdrehen: Zum eigenen kleinen Tanzkreis. Den einen Quadratmeter Raum verteidigen, den man sich in diesem Riesenkasten erkämpft hat.

Alter, fehlt’s dir? Verpiss dich einfach. Was soll die Scheiße?

Wieder wird in unseren Kreis eingedrungen. Mindestens das sechste Mal an diesem Abend. Irgendein Typ stellt sich einfach penetrant hinter meine Freundin. Er bewegt sich nicht, tanzt nicht. Steht einfach hinter ihr. Sie merkt es innerhalb eines Augenblicks, dreht sich um und: „Alter, fehlt’s dir? Verpiss dich einfach. Was soll die Scheiße?“ Empörung macht sich auf der anderen Seite breit. Sein Blick sagt etwas von „Wie kann sie so mit mir reden? Sie kann sich glücklich schätzen, dass ich einen Move gemacht habe. Das ist voll das Kompliment.“ Ihm fehlen jedoch die Worte, das auszusprechen. Er sagt nichts. Womöglich ist sein Sprachzentrum durch den ganzen Alkohol eingeschränkt. Mit Gestik und Mimik teilt er mit: Ihre Reaktion war übertrieben.

Was ist das mit heterosexuellen Männern? Vor allem nachts scheinen die meisten jegliches Gefühl für Anstand und menschlichen Umgang verloren zu haben. Und bevor jetzt alle Männer, die das hier lesen, aufschreien: Ja klar, nicht jeder ist so.

Hätte meine Freundin sich anders ausdrücken können? Ja. Darf man Frauen im Club nicht mehr ansprechen? Doch. Aber dann muss man(n) sich halt einfach auf eine Abfuhr einstellen. Und nein, die muss nicht immer freundlich und respektvoll formuliert sein. Es ist der klassische Geduldsfaden, der da reißt: Wenn du an einem Abend zum ersten Mal angesprochen wirst, ist der Faden noch stabil – alle Fasern noch intakt. Jedes weitere Mal wird systematisch eine Faser zerstört – bis der Faden reißt. Und dann ist es leider egal, ob du lieb warst oder so ein Creep, der sich einfach stumm hinter jemanden stellt. 

Ich schwitze, mir ist heiß. Irgendwer rempelt mich von hinten an und verschüttet Bier über mir. Wie sehr ich mich auf morgen freue: Essen bestellen, den ganzen Tag auf dem Sofa liegen, mit meinen Freundinnen Filme schauen und Ruhe haben.