Die Diagnose AD(H)S setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. (Symbolbild) | Bild: Clara Schneemann

Reportagen AD(H)S
Wenn die Gedanken Achterbahn fahren

Die Diagnose AD(H)S setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. (Symbolbild) | Bild: Clara Schneemann

30 Aug 2020

AD(H)S ist in Deutschland weit verbreitet und wird trotzdem meist mit dem Bild des Zappelphilipp verbunden. Wenn Niklas von seinen Problemen erzählt, spricht er aber vor allem vom „Chaos im Kopf“. Eine Geschichte vom Kampf mit sich selbst und den Vorurteilen anderer.

Clara Schneemann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
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Niklas steht vor der gläsernen Eingangstür seiner ehemaligen Grundschule. Es ist ein frischer Sommertag, immer wieder kommt Nieselregen auf. Das kühle Graublau des Himmels spiegelt sich in seinen Augen. Er trägt einen Kapuzenpulli, um sich vor dem Wind zu schützen, die Haare sind trotzdem leicht zerzaust. Schließlich legt er eine Hand an die Stirn, um einen besseren Blick durch die Scheibe zu erhaschen. Drinnen, in der kleinen Eingangshalle mit der Steintreppe im Zentrum, arbeiten zwei Handwerker. Von hier aus kann man das Klassenzimmer sehen, in dem Niklas die ersten zwei Jahre unterrichtet wurde. Eine damalige Lehrerin brachte den ersten Verdacht auf. Er sei zu oft unkonzentriert und habe anscheinend Probleme mit den Schularbeiten. Seine Mutter beobachtet ihn bei den Hausaufgaben, drei, vier Stunden, während andere nur eine halbe dafür brauchen. Doch er lässt sich zu oft ablenken. Nach einem Besuch in der Kinderklinik und zahlreichen Tests kommt schließlich die Diagnose: ADHS.

Heute ist Niklas 19 Jahre alt und wird in ein paar Wochen seine zweite Ausbildung beginnen. Über die frühzeitige Diagnose ist er inzwischen froh: „Deswegen weiß ich auch schon immer: Das ist ADHS.” Drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind betroffen. Für eine gezielte Diagnose müssen jedoch viele Faktoren wie Tests und ärztliche Befunde berücksichtigt werden, denn andere Erkrankungen wie Schizophrenie und Autismus verursachen ähnliche Symptome. Niklas’ Therapeutin, Astrid Neuy-Lobkowicz, erklärt, dass ADHS eben eine besondere Art zu leben sei. Seit über 20 Jahren arbeitet die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie bereits mit ihren Patient*innen zusammen. In  dieser Zeit hat sie auch den Ratgeber “ADHS - erfolgreiche Strategien für Eltern und Kinder” verfasst.

Eine frühe Diagnose bedeute für die Eltern oft eine Erleichterung und könne auch der Entstehung weiterer psychischer Erkrankungen entgegenwirken, wie Caroline Lemberger, Kinder- und Jugendpsychologin in Ausbildung, verdeutlicht. Diese würden sich beispielsweise in Form von Depressionen und der Entstehung von Suchtverhalten zeigen, aber auch durch schulische Leistungsschwierigkeiten deutlich werden. Heute ist neben der allgemeinen Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auch die Abkürzung ADS oder AD(H)S verbreitet. Diese soll verdeutlichen, dass nicht immer Hyperaktivität oder Unruhe, sondern auch Hypoaktivität, also Verträumtheit, Teil der Symptome sein kann. Niklas hat laut Diagnose eine sogenannte Mischform und besitzt somit beiderlei Ausprägungen.

Die beste Zeit

Nur wenige Meter von der Grundschule entfernt befindet sich eine Bushaltestelle. Jene, an der Niklas sechs Jahre lang fast jeden Morgen auf seinen Bus zur Realschule gewartet hat. Um 7.30 Uhr habe er sich mit seinem Freund getroffen, gemeinsam seien sie dann meist diesen Weg gelaufen, entlang der Hauptstraße, vorbei an der Pizzeria, dem Frisör, der Reinigung und der kleinen Bankfiliale. Niklas blickt fast schon sehnsüchtig die Straße entlang, so als hoffe er, der Bus würde um die Ecke biegen und ihn wieder dorthin mitnehmen. Die beste Zeit – so bezeichnet er diesen Lebensabschnitt immer wieder. Seine Klasse sei cool gewesen, alle hätten sich gut verstanden. Nur ein Lehrer habe von dem ADHS gewusst, ihn aber dadurch mehr gefordert und so gefördert. Vor allem vermisse er jedoch den geregelten, gleichbleibenden Tagesablauf. Morgens aufstehen, frühstücken, zum Bus gehen, Schule, zwischendurch Pausen und dann wieder nach Hause. Auch Niklas' Therapeutin betont die Wichtigkeit von Stabilität und Ritualen für Betroffene: „Je weniger Struktur und Regeln da sind, umso schlechter läuft das ADHS.”

Doch nach Abschluss der ersten Ausbildung fällt diese Routine schlagartig weg. Durch seine Arbeit als Rettungssanitäter steht Niklas unter andauernder Belastung: ständige Schichtwechsel, Überstunden, Bereitschaftsdienst und dazu kaum persönliche Verbindung unter den Kollegen. Die schönen Zeiten sind vorbei. Ein knappes Jahr nach Beendigung der Lehre legt Niklas die Kündigung vor – es geht ihm zunehmend schlechter. „Man merkt einfach irgendwann, dass man anders ist und das muss man erstmal verstehen und akzeptieren. Ich hab das bis jetzt noch nicht so geschafft”, erklärt er schließlich. Diese Akzeptanz sei jedoch ein wichtiger Schritt, wie auch seine Therapeutin verdeutlicht. Dazu gehört auch, mit den Nebenerscheinungen zu leben. Während er seine Probleme schildert, wirkt Niklas gleichzeitig verärgert und fast verschämt, fährt sich durch die Haare, schaut auf seine Hände oder Schuhe, balanciert dabei manchmal auf dem Bordstein. Er nehme Sachen oft persönlich, habe ein „richtig dünnes Fell”, fange schnell an zurückzusticheln. Generell würden ihn seine Stimmungsschwankungen sehr belasten: „An einem Tag hab ich den totalen Höhenflug, steh unter der Dusche und sing und an dem anderen Tag steh ich auf und denk mir, dass ich keine Lust mehr hab, nicht mehr will.”

Man merkt einfach irgendwann, dass man anders ist und das muss man erstmal verstehen und akzeptieren. – Niklas

Inzwischen hat er seine Hände in den Taschen vergraben, die Stimme ist zunehmend angespannt. Das „Chaos im Kopf”, wie er es nennt, sei aber besonders schlimm. Er könne kaum planen, sei mit den Gedanken ständig woanders und das lauge mit der Zeit unglaublich aus. Hinzu kämen noch mangelnder Hunger und Übelkeit sowie Schlafprobleme. Niklas verfällt kurz in Schweigen und schaut auf den Boden. Schließlich richtet er sich wieder auf, Rücken jetzt gerade - fast so, als wolle er diese Last endlich loswerden. Dennoch ziehe er Stärken aus dem ADHS, vor allem durch das hassgeliebte Chaos. So denke er kreativer: „Das ist ganz schön, weil man eben Ideen hat, die andere nicht haben.” Bei der Arbeit habe er sich das schon zu Nutzen machen können. Caroline Lemberger sieht diese spezielle Eigenschaft als Vorteil: „Menschen mit einer ADHS-Symptomatik stellen in unserer Gesellschaft durch ihre Stärken eine große Bereicherung dar.”

Auf der Suche nach dem Kick

Doch wie geht Niklas als Betroffener mit dem Druck in seinem Leben um? Es sei vor allem schwer, nach einem Arbeitstag einfach zur Ruhe zu kommen. Dann geht er abends an sein Dachfenster, hört Musik, raucht eine Zigarette, schaut in die Sterne und über seinen Heimatort. „Einfach zwei Lieder und dann geht wieder alles.” Früher habe er sich zu oft ablenken lassen, aber inzwischen könne er auch mal wieder ein Buch lesen, wenn ihm danach sei. Er muss grinsen und wirkt schon fast stolz, während er von seinem Erfolg berichtet. Wenn das Wetter passt, steigt er auch gerne mal auf sein Motorrad und fährt bis abends alleine durch die Gegend, „nicht schnell, einfach nur gediegen”. Dennoch suche er auch oft nach dem Kick. Was im ersten Moment nach einem berauschenden Erlebnis klingt, zeigt sich in der Realität oft mit schwerwiegenden Folgen: Laut einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2014 lag das Risiko von männlichen ADHS Patienten bei 6,5 Prozent, mindestens einmal Beteiligter eines schweren Verkehrsunfalls zu werden - im Vergleich zu 2,6 Prozent bei Nicht-Betroffenen. Unter Einnahme von speziell verschriebenen Medikamenten verringerte sich das Risiko um mehr als 50 Prozent.

Auch bei Niklas zeigen diese deutlich Wirkung: „Wenn ich ohne Tabletten fahre, steige ich auf mein Motorrad, schalte meinen Kopf ab und geb nur noch Vollgas. Wenn ich die Tabletten nehme, denke ich schon viel mehr darüber nach.” Mit ihnen habe er weniger Schlafprobleme, nehme alles nicht mehr so persönlich, lasse sich nicht mehr so schnell ablenken und könne sich so auf eine Sache fokussieren. Vor allem die Stimmungsschwankungen hätten sich verbessert. Er warte immer noch darauf, dass diese wieder zurückkehren und sei froh gewesen, ohne Medikamente aufzuwachsen, denn das habe sehr lange gut funktioniert. Trotzdem tue die Entspannung und Ruhe dann auch mal gut. Vor etwa einem dreiviertel Jahr entscheidet Niklas sich zu diesem Schritt. Psychisch geht es ihm aber weiterhin schlecht, sodass er im Frühjahr den ersten Termin bei seiner Ärztin verabredet. Zuerst sei es ihm schwer gefallen, die richtige Kombination aus Therapie und Medikament zu finden.

Wenn ich ohne Tabletten fahre, steige ich auf mein Motorrad, schalte meinen Kopf ab und geb nur noch Vollgas. – Niklas

Anfangs reagiert auch Niklas’ Körper auf die Umstellung: „Ich hatte manchmal total Herzrasen, manchmal auch leichten Schüttelfrost, aber das ist relativ schnell vergangen.” Trotzdem habe er beim Lesen der Nebenwirkungen schlucken müssen. Fieber, Erbrechen, Blut im Urin, Desorientierung, Suizidversuch. Beim Aufzählen der Liste auf dem Beipackzettel stoppt er schließlich. „Und hier ist es: Plötzlicher Tod.” Niklas’ Tabletten enthalten den Wirkstoff Methylphenidat, welcher in Deutschland unter dem Namen Ritalin bekannt und stark umstritten ist. Auch seine Therapeutin erlebt hinsichtlich der Medikation viel Kritik. Zwar falle Methylphenidat unter das Betäubungsmittelschutzgesetz, das Risiko liege jedoch vor allem bei Menschen ohne AD(H)S. Hier bestehe eine erhöhte Suchtgefahr, da diese auf den Wirkstoff antriebsgesteigert und euphorisch reagieren würden, Betroffene im Gegensatz dazu aber klar und wach. Psychotherapie könne aber keine medikamentöse Behandlung ersetzen, sondern nur ergänzen, gibt sie zu bedenken.

Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang. | Bild: Clara Schneemann

Dennoch erfährt Niklas viele Vorurteile. Eine Arbeitskollegin habe den Sinn des Medikaments hinterfragt, sie sei als Kind ja auch oft aufgedreht gewesen: „Es wäre schön, wenn es nur die Aufgedrehtheit wäre, dann würde ich mich total zufriedengeben, aber das ist es halt leider nicht.” Dennoch könne man es den Menschen ja auch irgendwo nicht verübeln, da sie nicht wüssten, wie es sich anfühle. Niklas seufzt. Er erwarte nicht, dass jeder auf ihn zukomme und darüber reden wolle - erst recht kein Mitleid. Aber ein bisschen Verständnis dafür, dass ihm damit anscheinend nicht immer so gut ginge, das wäre schön. Auch Caroline Lemberger fordert einen offenen Dialog über das Thema: Man dürfe Betroffenen nicht einfach den Stempel „ADHS” aufdrücken, sondern müsse sie in ihrer Individualität und Ganzheitlichkeit sehen. Seinem zukünftigen Arbeitgeber werde er es aber vermutlich erklären - der müsse ja Bescheid wissen, wenn er wieder anfange zu träumen, erzählt er und lacht. Er wolle ja eine Weile dort bleiben.

Niklas’ Mutter ist seine größte und wichtigste Stütze. Mit ihr teilt er die Erfahrungen und Erlebnisse als Betroffene*r, denn auch sie hat ADHS. Bei ihr wird das Syndrom jedoch im Gegensatz zu ihrem Sohn erst nach 40 Jahren entdeckt - die Diagnose ist eine Erleichterung.  Die Wahrscheinlichkeit, ADHS durch einen betroffenen Elternteil zu erben, liegt bei 20 bis 30 Prozent, bei beiden Elternteilen sind es sogar fast 90 Prozent. Viele der Merkmale können jedoch auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben. Davor hat Niklas besonders Angst: „Vielleicht hat man dann irgendwann ein Haus, Familie und natürlich Verantwortung und ich schaffe es ja jetzt schon nicht, mein Zimmer in Ordnung zu bringen - wie soll ich das dann erst mit einem ganzen Haus schaffen?” Auch der Gedanke an eine neue Beziehung bereite ihm Sorgen. Er habe sich lange Zeit Vorwürfe gemacht - manchmal frage er sich, ob er mit seiner Freundin heute noch zusammen wäre, wenn er kein ADHS gehabt oder sich dieses weniger gezeigt hätte. Schließlich habe sie es nicht mehr ausgehalten. Er könne das aber verstehen, erzählt er und schaut erneut auf seine Hände. 

Das Leben ist eh so ernst und dass man dann trotzdem so viel Spaß haben kann, ist schon cool. – Niklas

Im Gegensatz dazu stehen all die schönen Momente - auch diese gibt es bei Niklas zum Glück immer mehr. „Wenn dieses Negative, diese Achterbahn im Kopf nicht wäre, hätte man das beste Leben damit, weil du immer gute Laune hast, immer Schwachsinn im Kopf. Das Leben ist eh so ernst und dass man dann trotzdem so viel Spaß haben kann, ist schon cool.” Er beneide seinen Bruder ohne ADHS zwar darum, auch mal entspannen und zur Ruhe kommen zu können, trotzdem sei es auch schön, als fast 20-Jähriger mal wie ein kleines Kind rumzuhüpfen. „Ich würde aber vermutlich nicht so wild durchs Leben gehen”, sagt Niklas und lacht. Inzwischen wirkt er gelassen, lehnt entspannt an einem Absperrpfosten am Rande des Schulhofs. Der Wind weht weiterhin, doch die Sonne blitzt  inzwischen wieder vereinzelt hinter den Wolken hervor. Man sieht zwar immer noch leichte Schatten unter Niklas’ graublauen Augen, aber in diesem Moment wirkt er aufrichtig zufrieden.

Weitere Informationen über AD(H)S findest du unter Anderem auf der Seite des ADHS Deutschland e. V., einem deutschlandweit vernetzten Selbsthilfeverein: 

www.adhs-deutschland.de/Home.aspx