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Linda und ihre Teamkolleginnen freuen sich, wenn sie ihre funkelnden Uniformen tragen können. | Bild: Linda Görtges

Gesundheit&Sport Sexismus
Leistungssportler oder attraktive Pausenfüller?

Linda und ihre Teamkolleginnen freuen sich, wenn sie ihre funkelnden Uniformen tragen können. | Bild: Linda Görtges

22 Dec 2020

„Kurze Röcke, jubelnde Mädels und ein bisschen Popo-Wackeln.“ Viele Menschen haben bei Cheerleading ein bestimmtes Bild im Kopf. Doch was steckt hinter der Sportart und ist Cheerleading sexistisch? Zwei Cheerleader und eine Genderexpertin berichten.

Judith Hartmann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Die Cheerleading Uniform von Linda glitzert. Alle ihre Teamkolleginnen tragen eine Schleife im Haar und winken lächelnd zum Publikum. Als die Musik angeht, liefern die Dolphins Cheerleader aus Krefeld ab.  Das 24-köpfige Team springt, Saltos, Flick-Flacks und macht waghalsige Stunts. Mehrmals die Woche trainiert Linda für solche Wettkämpfe und hat dabei bereits an Landes- Regional- und einer Europameisterschaft teilgenommen. Dennoch muss sich die 20-Jährige immer wieder rechtfertigen, wenn sie von ihrem Hobby erzählt. „Oft haben die Leute erst Respekt, wenn ich Videos von unserem Training zeige.“, meint Linda.

Cheerleader machen eine Hebefigur Linda ist als "Flyer" bei Hebefiguren weit oben in der Luft. | Bild: Linda Görtges

Doch warum gerät Cheerleading immer wieder in die Kritik? Meist werden die knappen Uniformen der Frauen kritisiert. Dabei war die US-amerikanische Sportart bei ihrer Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts ein reiner Männersport. Die Herren wurden zum Anfeuern der schuleigenen Sportmannschaften eingesetzt. So glaubt heute kaum einer, dass auch der ehemalige US-Bundespräsident George W. Bush einst Cheerleader war. Im Laufe der 20-er Jahre begeisterten sich auch immer mehr Frauen für den Sport, was den Kleidungsstil maßgeblich prägte. Auch das Hinzukommen von turnerischen Elementen und der Einfluss von aktuellen Modetrends ließ die Uniformen immer funktioneller und freizügiger werden. Von anfänglichen Strickpullovern, über Röcke mit kniehohen Socken, bis hin zur jetzigen meist bauchfreien Uniform. Heute wird Cheerleading größtenteils als selbstständiger Wettkampfsport betrieben und nicht zur Unterstützung anderer Sportarten. Dabei werden bei Gruppenstunts Personen bis zu drei Meter in die Luft geworfen. Nicht umsonst gilt Cheerleading als eine der gefährlichsten Sportarten der Welt.

„Cheerleading ist doch nur Rumgehüpfe, muss ich mir öfters anhören.“ – Miriam Baumann, Mitglied des Bundeskaders 2019-2020

Auch Miriam stößt immer wieder auf gespaltene Meinungen, wenn es um ihre Leidenschaft Cheerleading geht. Sie trainiert bei den Impact Cheer Innovations des TSV Pfuhl und war in der letzten Saison Teil des deutschen Nationalteams. „Es gibt immer Menschen, die Cheer ins Lächerliche ziehen und es als Rumgehüpfe bezeichnen. Dabei sind wir Mitglied im olympischen Sportbund, das sollte man anerkennen! “, findet die 21-Jährige.

Aussehen als Markenzeichen

Doch auch das Aussehen steht beim Cheerleading im Vordergrund. Für die Meisterschaften tragen die Mädchen die gleiche Frisur und oft sogar den passenden Nagellack. Linda und Miriam, die jahrelang im gleichen Cheerleadingteam trainiert haben, freuen sich, wenn sie in ihre glitzernden Uniformen schlüpfen können. „Es gibt einem einfach so einen Selbstbewusstseins-Kick und irgendwo ist es ja auch unser Markenzeichen“, erzählt Miriam. Früher sind sie auch bei Basketballspielen aufgetreten. Obwohl sie dabei Spaß hatten, erinnern sie sich an negative Kommentare auf Facebook. „Man hat einfach gemerkt, dass manche Männer auf schlankere, hübschere Cheerleader abfahren und nicht auf etwas breitere“ sagt Miriam kopfschüttelnd. Obwoh am Ende die sportliche Leistung zählt, bleibt der Fokus auf dem Erscheinungsbild nicht folgenlos. Immer wieder heißt es: Cheerleading sei sexistisch.

Cheerleader tragen eine neue Uniform. Stolz präsentieren Merret, Miriam, Linda und Maxine die neue Uniform der Impact Cheerleader. | Bild: Linda Görtges

„Frauen als sexy Cheerleader und nicht als Sportlerinnen wahrzunehmen, ist sexistisch, egal ob sie sich in ihren Uniformen wohlfühlen oder nicht", meint Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, die Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies am Institut für Soziologie der Universiät München. Das sei laut der Genderexpertin vor allem dann der Fall, wenn die Funktion der Cheerleaderinnen darin bestehe, andere Sportler in knappen Outfits anzufeuern.

Handlungsbedarf?

Für den Basketballverein Alba Berlin stand 2019 fest: Cheerleader als „attraktive Pausenfüller“ gehören nicht mehr zum Programm und seien nicht mehr zeitgemäß. Von Linda und Miriam erntet der Verein dafür Kritik, da über die Köpfe der Cheerleader hinaus entschieden wurde und diese keinerlei Mitsprache an der Entscheidung gehabt hätten. Frau Villa Braslavsky hingegen begrüßte die Entscheidung und empfindet eine Weiterentwicklung zum selbständigen Wettkampfsport ohne Cheerleading als "sexy Deko" bei anderen Sportarten als sehr positiv.  Allgemein schlägt sie vor mehr über die Kleidung von Sportlerinnen nachzudenken und ob diese wirklich immer „sein muss“. Laut der Genderexpertin würde man bei knapp bekleideten Sportlerinnen im Fernsehen oft mit: „Das Publikum will das ja so sehen" argumentieren. „Dabei solle man sich doch fragen, ob das Publikum, das wirklich sehen will?“, meint die Expertin. Einen kritischen Blick wirft sie ebenso auf die sexualisierte Darstellung von Minderjährigen und warnt vor einer weiteren Zunahme.

„Das Publikum muss entsprechend reagieren, damit sich etwas ändert!" – Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Genderexpertin

 Auch der deutsche Cheerleading und Cheerperformance Verband (CCVD) macht mit seinen „Image-Richtlinien“ deutlich, dass sowohl das Kostüm als auch das Make-up dazu beitragen solle, die Cheerleader altersgerecht aussehen zu lassen und sie als Sportler zu identifizieren. Bei anzüglichen und zweideutigen Uniformen oder Posen gibt es in der Bewertung Punktabzug. Um das weltweite Ansehen der Sportart zu fördern, raten sie ebenso zu bauchbedeckten Uniformen, wie es auf internationalen und Weltmeisterschaften bereits Pflicht ist. Die Meinungen unter den Cheerleaderinnen spalten sich: Für die einen gehört die Uniform einfach dazu, für die anderen heißt es: Endlich nicht mehr aus der Reihe tanzen, denn in Miriams Team gibt es auch Mädels, die sich in bauchfreien Uniformen unwohl gefühlt und deshalb freiwillig ihren Bauch auf Meisterschaften bedeckt haben.

Cheerleading hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiterentwickelt und ist heute kaum noch mit dem Ursprungsgedanke: „to cheer“ (engl.:jubeln) in Verbindung zu bringen. Auch die früheren Uniformen haben keinerlei Ähnlichkeit mit den heutigen Outfits. Für Frau Villa Braslavsky steht jedoch fest: „Hinter Cheerleading steckt Hochleistungssport und wenn man an der Sportart etwas verändern möchte, sollte man vor allem die Beteiligten fragen, ob die das überhaupt möchten."

Viele Vereine haben Rucksäcke, Trainingsanzüge und Haarschleifen mit dem eigenen Logo. | Bild: Judith Hartmann
Manche Cheerleader lieben es ihre Uniform zu tragen und andere können es kaum erwarten sie wieder auszuziehen. | Bild: Judith Hartmann
Ein typisches Outfit für eine Meisterschaft bei den Impact Cheerleadern aus Pfuhl. | Bild: Judith Hartmann