Flüssignahrung: Pure Chemie oder gesunde Alternative? | Bild: Jan Merklinger

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Mittagessen in 30 Sekunden

Flüssignahrung: Pure Chemie oder gesunde Alternative? | Bild: Jan Merklinger

17 Dec 2018

Ein vollwertiges Mittagessen aus der Flasche? Das klingt nicht nur futuristisch, sondern soll sogar gesund sein. Immer mehr Hersteller drängen auf den deutschen Markt. Giani hat es drei Wochen lang genutzt – und würde es wieder tun.

Pizza, Döner, Big Mac – wenn keine Zeit zum Essen bleibt, haben wir wohl alle schon einmal auf Fast Food zurückgegriffen. Und obwohl uns bewusst ist, dass wir unseren „Astralkörpern“ damit nicht immer etwas Gutes tun, geht es manchmal nicht anders. Wie schön wäre es da manchmal, eine schnelle und gesunde Alternative zur Hand zu haben. Nicht weniger versprechen Produkte wie „yfood“ oder „Huel“. Einfach einen Shake trinken, schon ist das Mittagessen erledigt und wir können produktiv weiterarbeiten.

Die bessere Alternative zu Fast Food?

Huel ist ein gelbliches Pulver, produziert und vertrieben von der gleichnamigen Firma. Der Name zeigt bereits: Hier geht es um reine Effizienz und Selbstoptimierung, Genuss ist nebensächlich. Denn „Huel“ setzt sich zusammen aus den Worten „Human“ und „Fuel“, sozusagen also Treibstoff für Menschen. Yfood hat dagegen eher Lifestyle-Charakter. In schicken Flaschen und mehreren Sorten wie „Alpine Chocolate“ oder „Cold Brew Coffee“ mittlerweile in mehreren Supermärkten erhältlich rühmt es sich, die bessere Alternative zu Fast Food zu sein. Doch bleiben viele Fragen offen: Ist das tatsächlich gesund? Macht das überhaupt satt? Und besteht nicht nach kürzester Zeit das Bedürfnis nach herkömmlicher Nahrung? Giani hat sich drei Wochen lang von Huel ernährt, weil er laut eigener Aussage „zu wenig Zeit für gesunde Ernährung“ hatte. Er meint, das Pulver schmecke nach Haferbrei mit leichtem Vanillegeschmack. Hunger habe er nur am Anfang gehabt, als sein Körper noch nach fester Nahrung verlangt hat: „Aber nach ein bis zwei Tagen habe ich mich daran gewöhnt.“ Insgesamt zieht er auch gesundheitlich ein positives Fazit: „Ich habe mich frischer gefühlt, meine Haut ist besser geworden und meine Augenringe sind verschwunden.“

Das klingt für Ernährungsmedizinerin Dr. Barbara Ibald nicht überraschend. „Es gibt sicherlich einige, die sich schlechter ernähren, als sie es mit diesen Produkten tun würden.“ Dennoch sieht sie Flüssignahrung nicht als Allheilmittel: „Durch das schnelle Schlucken wird die Verdauung erschwert, was zu Verdauungsbeschwerden, Darmstörungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten führen kann.“ Auch Ernährungswissenschaftlerin Michaela Freier-Gläser betont: „Viele Verdauungsprozesse vor dem Magen werden übersprungen und dem Körper wird schnelle Energie zugeführt. Während beispielsweise Apfelsaft auch Energie und Vitamine liefert, macht er nicht so satt wie ein Apfel, den der Körper zuerst verdauen muss.“

Selbstversuch: Frühstück für sechs Euro

Im Selbstversuch merke ich schnell, warum ich bislang immer auf feste Nahrung zurückgegriffen habe. Für die beiden Flaschen, die mein Frühstück sein sollen, zahle ich sechs Euro, die Kaffeesorte schmeckt nach Fertigkaffee aus dem Supermarkt, „Alpine Chocolate“ hat neben der Schokoladen- eine deutliche Kokosnote. Kein Wunder, denn „yfood“ enthält Kokosnusspulver, wie mir nach dem Blick aufs Etikett bewusst wird. Das recht cremige Getränk mit Trinkjoghurtkonsistenz macht mich nicht wirklich satt, ich habe das Bedürfnis nach fester Nahrung. Allen Vorteilen zum Trotz werde ich wohl weiter zum Fast Food greifen.

Besonders aufwendig sind die Tipps der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für gesundes Essen allerdings nicht umzusetzen. So sollte der Durchschnittsbürger beispielsweise 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst am Tag essen, Margarine statt Butter nutzen und bei Zucker, Salz und Fett sparen. Natürlich wird dennoch Zeit zum Einkaufen, Kochen und Spülen benötigt. Auch Giani hat mit der Flüssignahrung aufgehört, weil er wieder mehr Zeit zum Essen hat. „Ich würde bei Zeitproblemen nochmal darauf zurückgreifen“, sagt er. Dagegen hat auch Dr. Barbara Ibald nichts einzuwenden: „Vorübergehend ist eine solche Ernährungsweise okay, aber dauerhaft ist frische und natürliche Nahrung vorzuziehen.“ Lange dürften die Zeitprobleme bei Giani aber nicht mehr auf sich warten lassen. „Bald stehen die nächsten Abgaben an“, sagt er mir zum Abschluss des Gesprächs.

Factsheet: So ernähren wir uns in Deutschland

Wie gesund ernähren wir uns? Und was kosten "Huel" und "yfood" im Vergleich? | Bild: Statista/Piktochart

Fazit: Ist Flüssignahrung die Zukunft?

Mein Fazit fällt zwiegespalten aus. Es leuchtet sofort ein, dass die Ernährung mit Flüssignahrung nicht nur schnell, sondern auch oft gesünder als gängiges Fast Food ist. Andererseits spare ich bei einem Umstieg nicht nur an Zeit, sondern auch an Verdauungsprozessen, Genuss und Geschmacksvielfalt. Letztendlich ist Selbstoptimierung für mich aber wohl einfach nicht wichtig genug, um auf Pizza, Döner und Big Mac zu verzichten.